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Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 JfbiC $ W$lt" Nr. 28 vertiert, in Galizien verkommt, im westlichen Europa wirtschaftliche und geistige Wettkämpfe mit fabelhafter Kraft und mangelnder Besonnenheit ausführt, dies Volk, das auf allen Schollen nach einer Heimat strebt und ringt, das überall den Feinden so viele Blossen bietet, und das mit all seinem Werben und Anschmiegen, mit all seinen Mühen und Plagen nur Verfolgung erntet. Und da werden tausendjährige Verheissungen lebendig. Das Wort von dem Lande, das da verheissen ward, wacht auf mit dem gewaltigen, vom Echo der Jahrtausende dröhnenden Donnerhall. Es ist erst nur ein Ateliertraum, ein fünfter Akt, den ein Dichter zum ewigen Judendrama findet, eine künstlerische Wirkung, die sich ein Künstler aussinnt: wie dieses Volk, gesammelt aus den fernsten Erden winkeln, herbeipilgert, wie die Nachfahren derer, die einst ihre Harfen hingen an die Weiden zu Babylon, den Heimatboden betreten, und wie der Jubel unermesslich ist, wenn sie von den Höhen die Stadt vor sich liegen sehen : Gegrüsst seist du, Jerusalem! Dann aber kam der Sturm, der sich erhob, als der Künstler sein Märchen erzählt hatte. Dann kam, ungeahnt wahrscheinlich, und ungehofft die Begeisterung. Sie brach wie Feuer aus, in England, in Deutschland, im dunkelsten Russland, überall wo Juden lebten. Und was er in seinem Arbeitszimmer geträumt, gesponnen, das kam jetzt als tobendes, wirkliches, aufgewecktes Leben an seine Tür. Wir dürfen nicht vergessen, dass es von ungezählten Dichtern nur den wenigsten, den auserlesensten nur begegnet, so tief und aufwühlend, mit solcher Explosivgewalt im Leben zu wirken. Und hier vollzog sich der grosse Umschwung im Dasein Herzls. Dass er die Literatur verliess, dass er dieses ganze papierne Getue, diese Schreibtischexistenz von sich abtat, und hinaustrat, um eine volle Wirklichkeit aus seinen Gedanken zu schmieden. Zur Literatur kehlt er jetzt nur noch wie zu einem alten, vormals geliebten Handwerk zurück, von dem er doch nicht völlig lassen möchte. Wohl auch aus Dankbarkeit, denn hier sprang ja der Quell, der ihn mit einem solchen Strom glühender Pflichten überflutet hatte. Der Judenstaat, die Wiederaufrichtung Zions — es war zuerst der Einfall eines Feuilletonisten gewesen, aber dann war dieser Einfall zur Idee emporgeschossen, nahm den Feuilletonisten mit sich und stellte ihn als Führer vor eine verzweifelte, fanatische, ekstatisch erregte, hoffnungstrunkene Masse. Und Theodor Herzls bester Ruhm ist es, dass er nicht kleiner sein wollte als sein eigener Einfall, nicht schwächer als sein Wort; dass er es unternahm, den letzten Akt des Judendramas nicht bloss zu denken, sondern ihn auch zu inszenieren. Er hat, wie nur ein Mann, der von seiner Mission erfüllt ist, der mit Treue und Tapferkeit an seiner Aufgabe festhält, allem Spott, aller Missgunst, allem Hohn die Brust geboten. Den König der Juden haben ihn gerade die ironischen Juden genannt, die den Zionismus verdammten. Man hat lachend Geschichten in Umlauf gesetzt, wie Herzl in Jerusalem die Parade abnehmen, wie er Hof halten, wie er seine Günstlinge adeln wird. Er hat schlimmere Anfeindungen ertragen und ging mit enormer Energie ins Praktische. Der Zionistenkongress in Basel, Verhandlungen, die Herzl mit dem Sultan führte, mit englischen Ministern, eine Unterredung mit Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem, eine Audienz bei Pius X. wurden viel bemerkt und stärkten das Hoffen seiner Partei. Es sei hier vom Zionismus nicht die Rede, und eine Kritik seiner Ziele, seiner Aussichten und Chancen sei hier ausdrücklich abgelehnt. An der Leiche Herzls, der mit solcher Liebe dieser Idee nachhing, möchte eine Polemik gegen seine Ueberzeugung schlecht angebracht sein. Ob dieser Mann das Rechte gewollt, ob er seinem Volke genützt, ob er diejenigen, die ihm so freudig Gefolgschaft leisteten, ans Ziel geführt hätte, kommt hier nicht in Frage. Heute gilt nur, dass er nützen wollte und dass sein Wollen rein, dass es opfermutig und selbstlos gewesen. Nehmen wir ihn als die sonderbare und seltene Erscheinung, die sein jählings abgebrochenes, tätiges Leben bietet, als den Schriftsteller, der aus der Literatur in die Wirklichkeit geschritten. Andere vollenden ja den umgekehrten Weg, gehen nach einem an Ereignissen reichen Dasein in die Stille der Schreibstunde ein, und die meisten verbringen all ihre Tage darinnen, bei Papier und Tinte und bei verhängten Fenstern. Wem der utopistische Politiker, der Agitator und Judenführer Herzl fremd geblieben, der wird doch zu dem Schriftsteller mancherlei Beziehung finden. Knapp zwei Dezennien wirkte Herzl als Feuilletonist, und wir haben ihn als einen Meister dieses Genrfs verehrt. In eine anmutige, scheinbar tändelnde Form wusste er all die Ereignisse, die er besprach, zu kleiden. Wie zierliche, elegant und reich gekleidete, altkluge Kinder schickte er seine Feuilletons in die Welt hinaus. Sie hatten die vornehmsten Manieren, sie hatten die Grazie, die eine vollendete Erziehung verleiht, und ihre Gewänder waren besäet mit tausend kleinen, oft versteckten, geschmackvollen Details, wie mit Spitzen und seidenen Bändern und kostbarem Pelzsaum. Sie waren niemals übermütig, niemals schlugen sie im Unband eines grossen Temperaments um sich, niemals entfuhren ihnen leidenschaftlich laute Akzente. Aber sie waren liebenswert in ihrer abgetönten, gepflegten Schönheit, in ihrer gelassenen, nachdenklichen Pracht. Und immer sah man hinter ihnen die Persönlichkeit ihres Schöpfers, Theodor Herzls lächelnde, schmerzlich-ironische Art. Herzl war als Feuilletonist ein Barockkünstler. Sein zärtliches und heiter-trauriges Spiel mit dem Tod, mit der Tragik des Lebens, mit all den tiefen und geheimnisvollen Dingen des Daseins, war ohne alle Schwere, war auf die artistische Führung der Linie, auf die Lieblichkeit der Arabeske bedacht. Ich erinnere mich an seine Pariser Feuilletons, an „Ravachol", dessen Gestalt er völlig umgeschaffen, den er als armen, furchtsamen, gehetzten Teufel zeichnete, an seine „Ueberschwemmung in der Sommerfrische", an seine Wiener Schilderungen. Wie da immer der Dichter in ihm lebendig wurde, wie kleine Novellen, kleine Dramen, kleine, spannende Romane in wenigen Zeilen aufbiüten, wie da Einfälle und Begebenheiten dichterisch aufgelöst wurden, und all das, all diese Kostbarkeiten hinzugestreut, um ein Feuilleton zu schmücken, das Gedicht eines Tages. Die vielen, vielen Blätter, die er so beschrieben, sind jetzt verweht. Die wenigen, die er vor kurzem gesammelt herausgab, werden wohl mit der einstigen Unmittelbarkeit nicht mehr wirken. Und er selbst ist in der Sommerpracht seines Lebens gestorben, ein früh Verbrauchter, allzufrüh Ermüdeter, An seinem Wesen aber können wir ermessen, was zu einem wahrhaften Feuilletonisten gehört: ein Dichter, der bereit ist, sich zu verschwenden, ein Künstler, der sein Werk täglich erneuern muss, weil jeder Tag dies Werk wieder zerstört, ein Schaffender, der auf das Schaffen verzichtet, um kleine, amüsante Ansprachen an eine Zuhörerschaft zu halten, die undankbar ist und sich rasch verläuft, wenn der Redner schweigt. Felix Saiten. Dem Nachruf des „Illustrierten Wiener Extrablatt" entnehmen wir folgende Stellen: „Eine der glänzendsten Persönlichkeiten der Wiener Schriftstelierwelt ist dahingeschieden. Doktor Theodor Herzl, ein Mann, dessen brillanter Geist von Tausenden bewundert wurde, der mit der Kraft seiner politischen und nationalen Ueberzeugungen aber Zehntauaende hingerissen hat, ist gestern nachmittags gestorben. Die Liebhaber delikatester geistiger Kost, die Feinschmecker des Styles und der kunstvoll zugeschliffenen Gedanken verlieren an ihm einen Schöpfer erlesener Ge-

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