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Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28 „bi* j> W^lt" Seite 9 hatte sich am Südbahnhofe eingefunden, um Herzl — den toten geliebten Führer in Wien zu empfangen. Der Schmerz, der in den innersten Tiefen der Seele wühlte, war deutlich auf jedem Gesichte zu lesen, alles weinte, und selbst grauhaarige, abgehärtete Männer konnten sich der Tränen nicht erwehren. Trotzdem die Stunde der Ankunft nicht genau angegeben werden konnte, hatten sich doch zahlreiche Leidtragende, vorwiegend zionistische Studenten eingefunden. In tiefe Trauer versenkt erwarteten wir die Ankunft des teueren Toten. Der Waggon, der die Leiche birgt, rollt heran, die Türen sind zurückgeschlagen, wir erblicken den Sarg. Ein Schauer geht durch die Menge, die anwesenden Frauen brechen in lautes Schluchzen aus, ein schmerzliches Wehgefühl krampft mir das Herz zusammen, unser Herzl zieht als Leiche in Wien ein. Die Herren vom A. C. und die Studenten erfassen den schmucklosen schwarzen Sarg und heben ihn in den einfachen Leichenwagen. Die Sonne versank, grau und düster wurde es um uns her und die Türen des Leichenwagens schliessen sich über Herzl's irdische Ueberreste. Die strahlende Sonne in unserem Judentume war auch für uns untergegangen. Der Leichenwagen setzte sich in Bewegung. In stummem Schmerze geleiteten wir den geliebten Toten eine Strecke lang, dann drückten wir uns stumm die Hände und gingen auseinander. Wer wie wir das Glück gehabt hat, Theodor Herzl im persönlichen Verkehr kennen zu lernen, wer den liebenswürdigen, vornehmen Charakter durch eigene Wahrnehmung beurteilen konnte, der empfindet es tief, dass das Judentum an ihm einen seiner besten Söhne verloren. Am schmerzlichsten wird dies die studentische Jugend, die Herzl dem Judentum erhalten hat, empfinden, der sie durch seinen Geist, durch die Macht seiner Persönlichkeit impressionierte. Wenn die zionistische Jugend diese Liebe und Begeisterung für die nationale Sache, dem toten Führer und Lehrer die Hingebung und pietätsvolles Gedenken übers Grab hinaus bewahren will, dann möge sie an seinem Grabe den Schwur leisten, hoch zu halten die Fahne des Judentums, was immer kommen möge, und im Geiste des Dahingeschiedenen zu leben und zu wirken. Was irdisch war an Theodor Herzl, wird der Erde übergeben, sein Geist aber weile unter uns und stärke uns im Kampfe um unsere Rechte. Rosa Feigenbaum. Stimmen der Presse. Das Hinscheiden unseres unvergesslichen Führers hat in der gesamten Presse ein teilnehmendes Echo gefunden. Die Blätter rühmen übereinstimmend die ausserordentlich hohen Geistesgaben Herzls, seine geniale schriftstellerische Befähigung, seinen auserlesenen Bildungsschatz, die krystallreine Lauterkeit seines Charakters, seine edle Menschenliebe und seine fundamentale Bedeutung für die zionistische Bewegung. Ein besonders warmer Ton ist in den Kundgebungen der Wiener Presse, mit der ja Herzl als Redakteur der „Neuen Freien Fresse* in beruflichem Kontakt stand. Die „Neue Freie Presse" sagt in ihrem Nachruf: „Er war ein Schriftsteller von höchster Begabung, ein Künstler durch sein Darstellungsvermögen, ein genialer Journalist und ein vornehmer Mensch. Als Feuilletonist hatte Herzl einen Glanz der Form, einen Reichtum des Darstellungsvermögens, eine jugendfrische Selbständigkeit der Auffassung, die ihn in die allererste Reihe der österreichischen und deutschen Publizistik rückten. Dazu kam die besondere Fähigkeit, zu schildern, die Stimmung des Lebens und das persönliche Element in die Beschreibung der Natur zu bringen. Wenn er ein Feuilleton schrieb über eine Reise auf der Donau nach Budapest, über einen Frühlingstag im Schwarzenberggarten oder im Schönbrunner Park, so spielten entzückende Farben um das Bild, so lag darin eine solche Innigkeit, eine solche Fähigkeit, diskret und zart menschliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen und mit der Landschaft gieicftsam zu verweben, dass die Lektüre dieses Feuilletons wahrhaft auserlesenes Vergnügen war und die Veröffentlichung ein hoher Festtag für das Blatt wurde. Er hatte einen eigenen Ton, wie die grossen Maler ihren eigenen Pinselstrich haben; er war ein Künstler als Stilist und besass den modernen Einschlag der leisen und feinen Ironie, der Skepsis des Weltmannes, den eleganten Humor, in welchem immer etwas Bitteres steckt. In jeder Zeile, die er schrieb, zeigte sich seine Persönlichkeit. In den kleinen Beiträgen, die er in Momenten guter Laune für die Chronik unseres Blattes schrieb, brachte das Talent zum Grotesk-Komischen, von dem auch meisterhafte Szenen in seinen Stücken Zeugnis geben, reizende Kabinettsstückchen hervor. Frühzeitig ist Dr. Herzl aus dem Leben geschieden, das ihn mit einer Fülle von Glück und Erfolgen zu umgeben schien. Sein letztes Stück war „Solon in Lydien", und er selbst teilte bis zu einem gewiesen Grade das Schicksal des lydischen Fürsten, denn sein Lebenslaut brachte ihn von Gipfel zu Gipfel, bis er jäh unterbrochen wurde durch ein wirklich namenloses Unglück. Sein früher Tod erschüttert alle seine Freunde aufs tiefste, und dazu gehören die vielen Tausende, die in ihm nicht allein den Schriftsteller und Menschen verehrten, sondern auch den Führer der zionistischen Partei, die er vor einigen Jahren durch sein Buch über den „Judenstaaat" aus kleinen Anfängen zu einer grossen Verbreitung gebracht hatte und der ein wesentlicher Teil seiner Kraft, seiner Energie und seines Organisationstalentes gewidmet war. Dr. Theodor Herzl gab auch dieser Partei den Glanz seines Geistes, und in allen Weltteilen war sein Name als Schöpfer des jetzigen Zionismus bekannt. Mit ihm verschwindet eine vielseitige Persönlichkeit, ein Schriftsteller mit starker Eigenart, eine hervorragende Individualität, ein lieber und guter Mensch.rf Die Wiener Tageszeitung „Die Zeit* bringt am 4. Juli aus der Feder Felix Salten's folgenden Nachruf: „In Edlach ist gestern nachmittags Theodor H erzl gestorben. Er war noch jung — erst vierundvierzig — er war berühmt, war seiner Arbeit noch mit freudiger, blühender Kraft dahingegeben, war von hochfliegenden Plänen noch ganz erfüllt. Im Jahre 1895 hat Theodor Herzl, bis dabin als ein geistreicher und eleganter Schriftsteller geschätzt, den „Judenstaat" geschrieben, eine Broschüre, die den Anstoss zur neuen zionistischen Bewegung gab. Die ungeheuere Agitation, die sofort sich regte, zog Herzl mit in ihre Strömung, und er berauschte sich an dem gröasten Erlebnis, das einem Dichter beschieden sein kann: die eigenen Gedanken zur Wirklichkeit sich erheben sehen. Wir müssen es, wenn wir die sonderbare Doppelstellung, die Herzl seit 1895 einnahm, begreifen wollen, nur von der künstlerischen Seite betrachten: Ein Schriftsteller, begabt mit einer des Aufschwunges fähigen Phantasie, mit einem reichen, den Tragödien des Lebens zugewendeten Gemüt, ein Mann, dem die Zeitungsschreiberei den Ehrgeiz nicht und nicht den hohen Trieb der Seele zu stillen vermag, sinnt dem Schicksal des Juden Volkes nach, dem er selbst entstammt ist, dessen Leiden ihn gelegentlich ergreifen, dessen Fehler ihn empören, dessen Stellung ihn beschämt. Und nun, mit dem Künstlerdrang, jedem Geschehnis den tiefsten Sinn abzuhorchen, fragt er sich eines Tages, zu welch einem Endzweck dies Volk wohl aufgespart sein mag, das über den Erdball hin versprengt, uralten Fluch auf allen Wegen mit sich zu schleppen scheint, dies Volk, das in Russland

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