Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8 „bie # w?ittf Nr. 28 herzlich wieder. Sie sprach ihm Mut zu und als die beiden jüngeren Kinder, Hans und Trude, kamen (ihre ältere Schwester Paul ine war schon seit Wochen in Edlach) und den Vater mit Gruss und Kuss biegrüssten und von ihm zärtlich geküsst worden waren, war er fast heiter. Nach kaum fünf Minuten der Unterhaltung wendete er sich aber an die Mutter mit den Worten: „So, meine Lieben, jetzt habt ihr mich gesehen und ich Euch, jetzt geht wiederum!" Kaum hatten sich die Mutter und die Kinder zurückgezogen, da sank er in sich zusammen. Welch heldenhafte Anstrengung hatte er machen müssen, um die Mutter und die Kinder nicht zu ängstigen! Welch ungeheuere Energie wohnte in diesem bereits vom Tode gezeichneten Körper, dass er mit so freundlicher Ruhe seine Lieben begrüssen konnte, als kämen sie eben vom Spaziergange in sein Arbeitszimmer! Nachmittags war das subjektive Befinden etwas besser, so dass wir sogar die Hoffnung hatten, er werde noch einmal den Kampf siegreich bestehen. Noch um halb 5 Uhr nachmittags waren um sein Bett die Mutter, die Herren: Dr. Singer, Marmore k, Kremenezky, Reich und ich versammelt, nachdem kurz vorher Frau Dr. Herzl eine Zeitlang an seinem Lager verweilt hatte und nach zärtlichem Abschied wieder zu den Kindern gegangen war. Die Herren erzählten, um Herzl aufzuheitern, Geschichtchen. Herzl selbst lächelte wiederholt und beteiligte sich auch durch einige Bemerkungen an dem Gespräche. Endlich sagte er: „Nun, meine Lieben, lasst mich allein." Die Anwesenden zogen sich sofort zurück, zuletzt Architekt Marmorek, dem er die Hand gab und sagte : „Ich weiss, Du bist mir ein treuer Freund!" Ich blieb mit der Wärterin allein bei ihm. Kaum hatte sich die Türe hinter den Weggehenden geschlossen, so rief mir Herzl zu: „Ich bitte, lieber Werner, gib mir das Glas." Ich gab es ihm. Nach einer Weile sagte er zu mir : „Nimm, ich bin fertig." Darauf sagte ich ihm: „Jetzt wäre es gut, wenn Sie ein wenig schlafen wollten." Er antwortete: „Ja, das wäre gut." Er drehte sich auf die rechte Seite, mit dem Rücken gegen mich. Ich hüllte ihn sorgfältig ein und drehte mich dann gegen das nebenstehende Kästchen, um meine Injektionsspritze bereit zu stellen. Da hörte ich einen tiefen Seufzer. Ich wendete mich rasch um und sah Herzls Haupt gegen die Brust sinken. „Dr. Singer rufen!" schrie ich der Wärterin zu und riss, während sie hinausstürzte, die Injektionsspritze an mich, füllte sie mit Kampferöl und injizierte, und hielt ihm Aether unter die Nase. Er tat ein paar Atemzüge. Dr. Singer eilte herbei, wir gaben Injektionen, ich machte Herzmassage, aber alles, alles war vergebens. Ich konnte ihm nur noch den letzten Dienst erweisen und ihm die Augen zudrücken. Um 5 Uhr nachmittags hat das jüdische Volk seinen grössten Sohn verloren. An seinem Totenbette standen die vier Mitglieder des A.-C. neben der fassungslosen Familie. Ich aber schlich in den Garten und weinte und weinte. W. Der tote Führer. Das waren schlimme Stunden, die dem Todeskampfe Theodor Herzls folgten. Die Mutter, die ganz ahnungslos nach Edlach gekommen war, konnte es nicht fassen, dass ihr Einziger, ihr Stolz, ihre Hoffnung, der ganze Inhalt ihres Lebens ihr so plötz* lieh entrissen worden sei. Immer wieder bestürmte sie die Aerzte, mit verzweiflungsvollen Worten, ihr den Sohn wieder zu geben. Sie warf sich über den Toten, sie klammerte sich an ihn mit ihrer ganzen Kraft und war erst zum Verlassen des Sterbegemaches zu bewegen, als die Aerztejihr versprochen hatten, Belebungsversuche anzustellen. Während dieser herzzerreissenden Szene sass die Gattin tränenlos und stumm da. Nicht der Jammer der Mutter, nicht das Weinen der Kinder, nicht das Schluchzen der Freunde konnte ihr eine Träne entlocken. Nur das Gesicht zeigte den ungeheueren Schmerz, der sie erfüllen musste* Es war geradezu erschreckend in seiner wilden, entsetzlichen Ruhe. Das ungeheuere Schrecknis, das sie betroffen, hatte sie förmlich versteinert Dieser grauenvolle Zustand dauerte die ganze Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Da erst löste sich der Bann und die Frau Theodor Herzls, für die wir bereits das Schlimmste gefürchtet hatten, fand endlich Tränen, sie war dem Leben wieder gegeben. An die in Edlach versammelten Freunde aber trat die schwere Pflicht heran, den heimgegangenen Führer nach Wien zurück zu bringen. Noch mit dem Abendzuge begaben sich Dr. Leopold Kahn und Dr. Siegmund Werner in die Edlach nächstgelegene Kultusgemeinde Neunkirchen, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Dank der Liebenswürdigkeit des Präsidenten der Neunkirchner Chewra-Kadischa, des Herrn G e r s 11 und des Lehrers Herrn Mose waren die Abmachungen bald getroffen, da es die Neunkirchner Juden als heilige Ehrenpflicht betrachteten, dem grossen Toten, den auch sie verehrten, die letzten Liebesdienste zu erweisen. Nicht weniger entgegenkommend als die Chewra- Kadischa zeigte sich der christliche Bezirksarzt Dr. Urb au er, der spät, abends noch persönlich das Gesuch wegen der Ueberführung der Leiche diktierte, damit die Heimfahrt des Toten nicht verzögert werde. Dr. Kahn fuhr noch abends nach Wien, um die ersten Anordnungen bekannt zu geben, während Dr. Werner nach Edlach zurückeilte, um den dort seiner harrenden Freunden, zu denen noch ausser den Erwähnten Dr. M. T. Schnirer und Ing. Seidener hinzugekommen waren, die Nachricht zu überbringen, dass der Leichnam des Führers noch in der Nacht nach der Totenkammer in Payerbach geschafft würde. Um 2 Uhr morgens geleitete Architekt Marmor e k, Sekretär A. H. R e i c h und Dr. Werner die Leiche nach Payerbach, wo sie der Obhut zweier Beamter der Chewra-Kadischa anvertraut wurde. Nun galt es die trostlose Familie Herzls nach Wien zurück zu bringen. Montag Vormittag fuhren alle nach Wien, nur Dr. Werner blieb bei dem toten Führer zurück, um den rituellen Zeremonien beizuwohnen und die Verlötung des Sarges zu überwachen. Dank der besonderen Freundlichkeit des bereits erwähnten Dr. U r b a u e r und des Stationschefs von Payerbach war es möglich, den Sarg bereits um 4 Uhr nachmittags in den Wagen zu heben. Theodor Herzl trat seine letzte Reise an. Ankunft der Leiche in Wien, Die Feder sträubt sich es niederzuschreiben, es ist unfassbar! Theodor Herzl, der so gesund aussehende, starke Mann, er ist tot! Der weinende Blick wendet sich nach Oben, und erschüttert fragen wir: musste es denn sein? Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchten ein düsteres Totenbild. Eine trauernde Gemeinde