Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316102--45891-3340720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 lfbie & W^lt" Seite 7 gerade" . . . das andere verlor sich in einem Murmeln. Ich Hess ihn sanft auf das Polster gleiten» Er blieb eine Zeitlang wach, die Augen noch immer mit dem Blicke, der . für das Nahe blind ist und Fernes sieht. Und die Lippen bewegten sich lautlos und die Rechte klopfte wieder, einmal, zweimal .... Dann wieder Schlummer, Ich aber sass und schaute mit brennenden Augen auf ihn. Ich suchte zu erraten, was sich hinter dieser Stirne eben jetzt abspielte. Und ich sehe den Baseler Kongresssaal. Die dichte Menge der Delegierten im Festkleid, die Galerie zum Brechen voll, vorne die Journalisten erwartungsvoll um die Tribüne geschart, oben das Präsidium, Kopf an Kopf, und vorne Herzl in seiner ganzen Würde und Anmut, das Papier in der Hand. Ich höre ihn lesen, langsam, laut und die wichtigsten Stellen mit markiger Kraft hervorhebend. Und nun ein Beifallssturm ohne Ende. Und er steht aufrecht, unitost von immer erneuten Beifallsstürmen und Hochrufen und schaut ernst und unbewegt auf die tobende Menge und — und plötzlich glaube ich, dass es mir die Brust sprengen will. Mich schüttelt ein Schluchzen, das ich durch keine Anstrengung unterdrücken kann. Da richtet sich Herzl auf. „Hast du mir nicht etwas gesagt?", fragt er mich. Ich stehe schon bei ihm. „Nein", antworte ich bereits ganz ruhig. „Es war mir doch . . . oder habe ich gesprochen?" Ein heftiger Hustenanfall enthob mich der Antwort. Samstag morgens fühlte sich Herzl ein wenig frischer durch den Schlaf, den er doch, die einzelnen Teile zusammengerechnet, 4—5 Stunden lang genossen hatte. Der objektive Befund war nur wenig von dem des Abends verschieden. Es war das Bild einer schweren Herzinsuffizienz mit komplizierender Lungenaffektion. Als der behandelnde Arzt Dr. Konried, der Leiter des Edlacher Sanatoriums seine Morgenvisite machte, konnle er wenigstens keii^ Verschlimmerung konstatieren. Gleichwohl war es uns nicht zweifelhaft, dass die weitere Ausbreitung der Lungenerkrankung absolut tödlich werden musste. An diesem Tage war Herzl von einer verzehrenden Ungeduld nach seiner Mutter und seinen Kindern erfasst. Es war, als ob er ahnte, dass seine Stunden gezählt seien. So oft er vormittags aus dem leichten Schlummer, welcher ihn zeitweise umfing, erwachte, fragte er mich immer wieder, ob sie denn noch nicht da seien, trotzdem ich ihm bereits gesagt hatte, dass sie erst Sonntag vormittags kommen könnten. Endlich schien er zu fürchten, dass man seine Mutter nicht zu ihm lassen würde. Er nahm mir mein Wort ab, sie sogleich nach ihrer Ankunft zu ihm zu führen. Ich gab es ihm unter der Bedingung, dass er sich nicht aufrege und das erste Wiedersehen nicht länger als fünf Minuten dauern lasse. Damit gab er sich zufrieden. Gleichwohl erinnerte er mich noch oftmals während der folgenden schweren Stunden an mein Versprechen. Unterdessen hatte ich ihm mitgeteilt, dass ihn heute noch zwei Herren, die mit uns gefahren waren, zu sprechen wünschten. Er sprach erst seinen alten christlichen Freund, dann den Sekretär des Kongressbureaus A. H. Reich, den er freundschaftlich begrüs^te und als meinen „Koadjutor" engagierte. Während des Tages war das subjektive Befinden besser. Herzl war gleichwohl unruhig. So oft ich mich entfernte oder Reich eine dringende Versorgung zu machen hatte, mussten wir ihm das Versprechen geben, sogleich wieder zu kommen. Im Laufe des Vormittags verabschiedete sich Dr. Asch von Herzl, der ihn mit einem Kusse entliess. Nachmittags war Architekt Marmorek wieder bei Herzl und fand ihn etwas besser aussehend* Icli merkte aber, dass er viel unruhigier war als früher. Wieder und wieder bat er, seine Mutter und seine Kinder doch sofort nach ihrer Ankunft zu ihm zu führen. Gegen Abend wurde er noch aufgeregter. Als ich, der ich 24 Stunden fast ununterbrochen an seinem Lager geweilt hatte, mich für ganz kurze Zeit entfernte, um einige Bissen zu mir zu nehmen, regte ihn das sehr auf. Als ich zurückkam, fragte er mich : „Du bist doch mpin Freund! Wie kannst du mich verlassen!" Marmor ek, der anwesend war, suchte ihn mit mir zusammen zu beruhigen, was uns auch gelang. Aber ich schloss daraus, dass er von schweren Angstgefühlen bedrückt sein müsse und wir gaben ihm abends reich lieh Beruhigungsmittel. Er beruhigte sich auch so wei dass er sogar meinte, Reich und ich könnten un auf einige Stunden zur Ruhe begeben. Er liess sie aber doch überreden, dass es besser wäre, wenn wi blieben und wir beschlossen, da es ihm besser zu gehen schien, uns in der Pflege so zu teilen, dass ich mit Reich bis Mitternacht zusammenbleibe und dass er dann allein mit der Wärterin die Wache halte. Um 1 Uhr nachts begab ich mich zur Ruhe. Wie mir Reich erzählte, war der zweite Teil der Nacht für Flerzl weniger gut. Er konnte nur im Sitzen schlummern und war auch ein wenig somnolent. Als er nach einem starken Hustenanfalle sich besonders erschöpft fühlte, sagte er zu Reich: „Ja, lieber Reich, Du wirst bald eine grosse Arbeit haben/ Als ihn Reich fragend ansah, setzte er fort: „Du wirst bald einen Kongrcss einberufen müssen." Reich gelang es, ihn wieder zu beruhigen und er schlummerte weiter. Ptötzlich fuhr er wieder aus seinem Schlummer auf. „Diese drei Grundstücke", rief er aus, indem er mit dem Finger auf der Decke wie auf einer Landkarte herumfuhr, „diese drei Grundstücke müssen gekauft werden". Darauf sank er wieder in Schlaf. Aber bald fuhr er wieder auf. „Hast du dir notiert? Diese drei Grundstücke!" Gegen Morgen wurde der Zustand noch unruhiger. Man weckte mich daher um 5 Uhr. Ich war angekleidet auf dem Sopha gelegen und war sofort bei Herzl. Ich fand ihn sehr verfallen. Ein pneumonischer Herd war auf der linken Seite nachweisbar, das Herz den gesteigerten Widerständen im Kreislaufe nicht gewachsen. Ich gab anregende Mittel, die den ganzen Tag hindurch in den verschiedensten Formen und in grosser Anzahl energisch fortgesetzt wurden. Ais der Zustand sich verschlimmerte und eine Herzschwäche eintrat, berief Fl eich telegraphisch Dr. Kokesch und Kahn, Marmorek und Kremenezky weilten bereits in Edlach. Unterdessen war auch Dr. Singer wieder eingetroffen und ein ganzes Arsenal von Mitteln gegen die drohende Gefahr aufgeboten worden. In der Tat ging es gegen Mittag besser und ich durfte wagen, die Mutter, die unterdessen angekommen war, ans Krankenbett zu führen. Eine mir für immer unvergessliche Szene spielte sich da vor mir ab. Herzl den ich wenige Minuten früher in einem Zustand schwerer Atemnot, vorgebeugt, fast zusammengebrochen, verlassen hatte, sass stramm aufgerichtet, mit weit geöffneten Augen in seinem Bette, streckte seiner Mutter die Hände entgegen und rief: „Das ist schön, liebe Mutter, dass Du schon da bist. Du siehst gut aus. Ich sehe nicht so gut aus, aber das wird bald vorübergehen!" Die Mutter, obwohl tief erschüttert von dem Aussehen des schwer leidenden Sohnes, hielt sich tapfer, liess sich von ihm küssen und küsste ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.