Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316102--45885-3340714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ni\ 28 & W$lt" Seite 3 oder eine Kunst zu ergreifen, fing ich an zu reisen und für das Theater und für Zeitungen zu schreiben. Viele meiner Stücke wurden auf verschiedenen Theatern aufgeführt: einige mit vielem Beifall, andere fielen durch. Bis zu diesem Augenblicke kann ich nicht verstehen, warum einige meiner Stücke Beifall fanden, andere von der Bühne verschwanden. Diese Verschiedenheit der Aufnahme meiner Stücke lehrte mich jedoch, es nicht zu beachten, ob das Publikum mein Werk beklatschte oder auspfiff. Man muss es sich selbst recht machen; alles andere ist gleichgültig. Ich verwerfe gegenwärtig alle meine Stücke, selbst die, welche noch am Kaiserlichen Burgtheater in Wien Beifall finden und kümmere mich nicht länger um sie. Im Jahre 1889 heiratete ich und habe drei Kinder, einen Knaben und zwei Mädchen. Nach meiner Meinung sind meine Kinder weder hässlich noch dumm. Aber natürlich kann ich mich täuschen. Während meiner Reise in Spanien, 1891, machte mir das Wiener Blatt „Neue Freie Presse" das Anerbieten, ihr Korrespondent in Paris zu werden. Ich nahm diese Stellung an, obgleich ich bis zu der Zeit die Politik verachtet und verabscheut hatte. In Paris hatte ich Gelegenheit zu erfahren, was die Welt unter Politik versteht und ich sprach meine Ansichten in einem kleinen Buch „Das Palais Bourbon" aus. 1895 hatte ich genug an Paris und kehrte nach Wien zurück. Während der letzten zwei Monate meines Aufenthaltes in Paris schrieb ich das Buch „Der Judenstaat", das mir die Ehre verschafft hat, von Ihrem Blatte um einige biographische Angaben über meine geringe Person ersucht worden zu sein. Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemütsstimmung wie dieses Buch geschrieben zu haben. Heine sagt, dass er die Schwingen eines Adlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse niederschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie ein Rauschen über meinem Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich arbeitete an ihm täglich, bis ich ganz erschöpft war; meine einzige Erholung am Abend bestand darin, dass ich Wagner'scher Musik zuhörte, besonders dem Tannhäuser, eine Oper, welche ich so oft hörte, als sie gegeben wurde. Nur an den Abenden, wo keine Oper aufgeführt wurde, fühlte ich Zweifel an der Richtigkeit meiner Gedanken. Zuerst hatte ich den Gedanken gehabt, diese meine kleine Schrift über die Lösung der Judenfrage nur privatim unter meinen Freunden umlaufen zu lassen. Die Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich erst später ins Auge gefasst; ich hatte nicht die Absicht, eine persönliche Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die meisten Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem früheren Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache nur als eine solche, in der man handeln, nicht aber disputieren müsse. Oeffentliche Agitation sollte nur mein letztes Auskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenen Rat nicht anhörte oder nicht befolgte. Als ich mein Buch beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten und besten Freunde, das Manuskript zu lesen. Während er es las, schrie er plötzlich auf. Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben laut aufgeschrieen. Aber zu meiner Enttäuschung gab er einen ganz anderen Grund an. Er dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und da er mein Freund war, machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohne ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, die Sache zu lassen, da mich jeder für irre halten würde. Er war so erregt, dass ich ihm alles versprach, um ihn zu beruhigen. Dann riet er mir, Max Nordau um Rat zu fragen, ob mein Plan die Eingebung einer vernünftigen Person sei. „Ich werde niemand fragen", war meine Antwort; „wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machen, werde ich den Plan aufgeben." Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durchzumachen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn man einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl. Mein Freund, von dem ich oben gesprochen habe, hatte meine Rechnungen für Telegramm-Ausgaben zusammen zu zählen. Als er mir die Rechnung gab, die aus einer sehr grossen Reihe von Posten bestand, sah Ich auf den ersten Blick, dass er ungenau zusammengezählt hatte. Ich richtete seine Aufmerksamkeit darauf, und er zählte noch einmal zusammen; aber erst beim dritten oder vierten Male stimmten seine Summen mit der meinigen. Dieser kleine Vorfall gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Ich war doch imstande, genauer zusammen zu zählen als er: meine Vernunft musste mich also nicht gänzlich verlassen haben. An jenem Tage begannen meine Beunruhigungen betreffs des Judenstaates. Während der zwei und mehr folgenden Jahre habe ich viele, viele traurige Tage erlebt, und ich fürchte, dass noch mehr traurige Tage folgen werden. 1895 begann ich ein Tagebuch zu führen jetzt sind schon vier starke Bände angefüllt. Sollte ich sie je veröffentlichen, so würde die Welt erstaunt sein, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, wer die Feinde meines Planes waren und andererseits, wer mir beistand. Aber eines betrachte ich als gewiss und über allem Zweifel erhaben: die Bewegung wird anhalten. Ich weiss nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird nie sterben. Seit den Tagen von Basel hat das jüdische Volk wieder eine Volksvertretung; später wird der „Judenstaat" in seinem eigenen Lande erstehen. Ich bin jetzt am Werke, die Bank ins Leben zu rufen und ich erwarte, dass sie sich als ein ebenso grosser Erfolg wie der Kongress erweisen wird. Die erste zionistische Adresse an Dr. HerzK Als Ilerzl seinen „Judenstaat" veröffentlicht hatte, beschloss der damalige "Verband „Zion" in Wien, nachdem sein Obmann Dr. M. T. S c h n i r e r ein glänzendes Referat über das Buch erstattet hatte, einen Aufruf an alle akademisch gebildeten Juden zu versenden, damit sie die vom Verbände beschlossene Adresse unterzeichnen. Tausende unterzeichneten die weiter unten "mitgeteilte Adresse, die dann von Doktor M. T. S c h n i r e r und Dr. 0. K o k e s c h H e r z 1 überreicht wurde. Der Aufruf. Euer Wohlgeboren! Schon zu wiederholten Malen ist der Vorschlag gemacht worden, die Judenfrage durch territoriale Konzentration der Juden und Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens einer endgiltigen Lösung zuzuführen. Aber noch nie ist die staatliche Regeneration des jüd. Volkes in so klarer und prägnanter Weise verlautbart, noch nie ist ein so genauer und gewinnender Entwurf vorgebracht worden, wie in der jüngst erschienenen Brochure Dr. Theodor HerzTs: „Der Judenstaat0.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.