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Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „h\<z & W^lt' Nr. 28. Opferfreudigkeit, seine ungeheuere Arbeitskraft und Energie, sein glückliches Erfassen jeder Gelegenheit, die er für seine. Brüder ausnützen zu können glaubte, sein hoher Sinn, seine wahrhafte Bescheidenheit und Güte ihn liebenswert und bewunderungswürdig machten. Seine geistige Bedeutung war unbestritten, ebenso wie es zweifellos war, dass unser Volk seit Jahrhunderten keine gleich grosse Persönlichkeit hervorgebracht habe. Und nun ist uns das alles geraubt/ Das herrliche Menschenbild deckt die Erde und der Vernichtung ist anheimgefallen, was sterblich war an Theodor H e r z 1. Aber nur was sterblich war. Unsterblich wird er in der Erinnerung seines Volkes fortleben. Mit unverlöschbaren Zügen hat er seinen Namen eingezeichnet in die Geschichte der Menschheit. So kurz die Zeit seines Wirkens für unser Volk war, so Grosses hat er zu schaffen verstanden. Nicht umsonst hängen Hunderttausende in schwärmerischer Liebe an ihm, er hat ihnen das Schönste gegeben, was man Menschen geben kann, eine erfüllbare Hoffnung, die sie ihre schlimmsten Kämpfe mit Ausdauer durchführen, ihr ganzes Leben mit Kraft füllen lässt. Er hat sie an Edles denken und glauben * gelehrt, ihnen gezeigt, dass Treue und Liebe für die Gesamtheit erst das Leben lebenswert machen. Er hat uns Treue gegeben und Treue haben wir ihm wiedergegeben. Treue um Treue! Theodor H e r z 1 wir bleiben treu, treu unserem Volke, treu Deinem Wollen und treu für immer Deinem Angedenken! Du bleibst uns, Du bleibst unseren Kindern, unseren Enkeln! Du sollst ihr Vorbild sein! Deiner zu gedenken als ihres leuchtenden Helden, das wollen wir sie lehren. Du sollst fortleben, so lange es treue jüdische Herzen und ehrliche Männer gibt. Du bleibst uns, wenn Du auch von uns gegangen! Theodor Herzl, Dufcunser Stern — unser Licht! Dr. Siegmund Werner. Die Selbstbiographie Dr. flepzls.*) Ich bin 1860 in Budapest geboren, nahe der Synagoge, in der mich der Rabbi jüngst mit den strengsten Worten anklagte, weil ich eigentümlicherweise für die Juden mehr Ehre und Freiheit, als sie gegenwärtig geniessen, zu erlangen versuche. Aber an der Vordertür des Hauses in der Tabakgasse, wo ich das Licht der Welt erblickte, wird nach 20 Jahren ein Zettel mit der Anzeige „Zu vermieten" zu lesen sein. (Herzl meint damit, dass er dann infolge der zionistischen Bewegung in Palästina sein werde). Ich kann nicht leugnen, dass ich in die Schule ging. Erst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo ich ein gewisses Ansehen genoss, weil mein Vater ein wohlhabender Kaufmann war. Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht in Prügeln, welche ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszugs der Juden aus Aegypten nicht wusste. Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zuviel an jenen Auszug aus Aegypten erinnere. Im Alter von zehn Jahren kam ich auf die Realschule, wo man im Gegensatz zu dem Gymnasium, welches das Schwergewicht auf die alten klassischen Sprachen legt, mehr das modernere Wissen betont. L e s s e p s war damals der Held des Tages und ich fasste den Plan, den anderen Isthmus, den von Panama, zu durchstechen. Bald aber verlor ich meine bisherige Vorliebe für Logarithmen und Trigonometrie, weil damals eine ausgesprochene antisemitische Richtung auf der Realschule herrschte. Einer unserer Lehrer erklärte die Bedeutung des Wortes „Heiden", indem er sagte: „zu diesen gehören die Götzendiener, Mohammedaner und Juden." Nach dieser merkwürdigen Erklärung hatte ich von der Realschule genug und wollte eine klassische Anstalt besuchen. Mein guter Vater zwängte mich für meine Studien nie in eine enge Bahn hinein und so wurde ich Schüler eines Gymnasiums. Trotzdem war der Panamaplan für mich noch nicht ganz beseitigt. Viele Jahre später hatte ich als Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" (in Wien) die Pflicht, über die berüchtigten Vorkommnisse bei dieser skandalösen Episode der Geschichte Frankreichs zu schreiben. *) Aus dem „Jewish Chronicle" vom 14. Januar 1898 Im „Evangelischen Gymnasium" bildeten die Juden die Mehrzahl und deshalb hatten wir uns nicht über irgend welche Judenhetze zu beklagen. In der Klasse Vlla schrieb ich meinen ersten Zeitungsartikel, natürlich ohne Namen; sonst würde ich vom Lehrer eingesperrt worden sein. Während meines Aufenthalts in der obersten Klasse des Gymnasiums starb meine einzige Schwester, ein Mädchen von 18 Jahren; meine gute Mutter wurde vor Kummer so schwermütig, dass wir 1878 nach Wien verzögern Während der Trauerwoche besuchte uns Rabbi K o h n und fragte mich, was meine Pläne für die Zukunft wären. Ich sagte ihm, dass ich ein Schriftsteller werden wollte, worauf der Rabbi seinen Kopf ebenso unzufrieden schüttelte, wie er später den Zionismus missbilligte. Eine Schriftstellerlaufbahn ist kein eigentlicher Beruf, schloss der unzufriedene Rabbi. In Wien studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung, bis diese eines Tages den Beschluss fasste, dass fortan keine Juden mehr als Mitglieder aufgenommen werden sollten. Die es schon waren, erhielten die freundliche Erlaubnis, in der Verbindung zu bleiben, "Ich sagte den edlen jungen Leuten Lebewohl und fing nun an, mich ernstlich an die Arbeit zu setzen. 1884 wurde ich Dr. juris und trat als unbesoldeter Beamter unter Leitung eines Richters in die Gerichtspraxis ein. Ich fand Verwendung am Gerichte in Wien und in Salzburg. In Salzburg erschien mir die Arbeit anziehender; die Szenerie um die Stadt ist bekanntlich eine besonders schöne. Mein Amtszimmer war in einem alten Festungsturme gerade unter dem Glockenstuhle und täglich dreimal tönte mir das Geläute recht hübsch in die Ohren. Natürlich schrieb ich mehr für das Theater als für das Gericht. In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu. Ich wäre auch gerne in der schönen Stadt geblieben; aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden. Deshalb nahm ich damals von Salzburg und der Rechtsgelehrsamkeit Abschied. Wieder bereitete ich dem Rabbi von Budapest grossen Aerger; denn, anstatt einen wirklichen Beruf

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