Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 „bie * weit" Seite 9 Wir haben also in Mülhausen eine Operationsbasis gewonnen; eine Grundlage existiert, von der aus in Zukunft weiter gebaut werden kann. Die Bedeutung der Mülhauser Wahlen ist aber nicht in ihrem Resultat zu suchen; dasselbe war ja auch nur teilweise zufriedenstellend. Sie liegt in dem Umstand, dass sie den Weg zeigt, der überall eingeschlagen werden kann, um Wahlen in den Ortsgruppen und Landsmannschaften herbeizuführen. So notwendig diese Wahlen sind, sie werden nur in vereinzelten Fällen veranstaltet. Die Vorstände, die vor vielen Jahren gewählt wurden oder auch ohne vorhergehende Wahl sich konstituiert haben (der letztere Fall ist sogar der häufigere), amtieren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weiter, als ob der § 17 nicht existierte. Zu ihrer Entschuldigung mag der Umstand dienen, dass auch der Zentralausschuss, der der natürliche Hüter der Vereinsstatuten sein sollte, dieselben nur beobachtet, wenn es ihm passt. Die Schwierigkeiten, die wir in Mülhausen zu überwinden hatten, um den Vorstand unserer Ortsgruppe den Statuten entsprechend wählen zu können, existieren anderswo wohl nicht in demselben Umfang. Es ist anzunehmen, dass die meisten Gruppenvorstände den legalen Weg beschreiten werden, sobald sie nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie Befugnisse ausüben, die ihnen nicht mehr zustehen. Die Allianceleitung wird auch nicht in systematischer Weise auf die einzelnen Vorstände zu wirken suchen, wie sie es in Mülhausen getan hat. Sie gibt sich ja demokratische Allüren, sie drapiert sich in Robespierre's Mantel, sie versäumt keine Gelegenheit, um die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in schönen Worten zu preisen. Sie darf sich doch ihren eigenen Mitgliedern gegenüber nicht Lügen strafen. Wer für die Menschenrechte einzutreten behauptet, darf Niemandes Recht verletzen. Wenn diejenigen, die der Alliance ihre Statuten gegeben haben, an die Mitglieder das Verlangen stellten, jedes Jahr zusammenzukommen, um ihre Gruppenvorstände neu zu wählen, so hatten sie ihre guten Gründe, Gründe, die heute noch Geltung haben. Durch jährliche Zusammenkünfte in den einzelnen Gruppen sollte den Mitgliedern Gelegenheit zu gegenseitigem Meinungsaustausch gegeben werden; sie sollten die Möglichkeit erhalten, an der Arbeit der Leitung Kritik zu üben und durch eigene Gedankenarbeit an dem Werk der Alliance mitzuarbeiten. Durch die jährliche in den einzelnen Gruppen vorgesehenen Wahlen sollten die Mitglieder auch in den Stand gesetzt werden, wenigstens in einem bestimmten Kreise, ihren Ideen nachdrücklichen Ausdruck zu geben. Die Generalversammlungen, die die Statuten ebenfalls vorschreiben, können die Versammlungen der Orts¬ und Landesgruppen nicht ersetzen. Die grosse Mehrzahl der Alliancemitglieder hat weder Zeit noch Geld, um ihnen beizuwohnen. Sehr oft wird auch die Generalversammlung nicht einberufen. Und was die Wahlen zum Zentralausschuss betrifft, so haben sie zweifellos eine grössere Bedeutung als die Wahlen in den einzelnen Gruppen. In den letzten 10 Jahren wurden sie aber nur einmal vorgenommen. Und unter den Umständen, unter denen sie vorgenommen werden, verlieren sie einen Teil der Bedeutung, die ihnen gebührt. Es wählt nicht jede Gruppe ihre eigenen Vertreter, sondern alle Mitglieder der Alliance bilden einen Wahlkreis; sie stimmen für Listen, die so viele Namen enthalten, als Delegierte zu wählen sind; diese Namen müssen notgedrungen der grossen Majorität der Wähler, die in allen Weltteilen zerstreut sind, unbekannt sein* Nur durch die Wahlen in den einzelnen Gruppen hat aber der Zentralausschuss die Möglichkeit, sich von Jahr zu Jahr zu vergewissern, ob seine Arbeit von den Vereinsmitgliedern gebilligt oder missbilligt wird. Wenn durch die statutarischen Zusammenkünfte oder Wahlen die einzelnen Gruppen sich lebenskräftig zeigen, so hat die Alliance selbst Vorteil. Es wird ihrem Organismus Leben und frisches Blut zugeführt Die Gruppen leisten aber sich selbst einen wichtigen Dienst. Das Leben, das die Glieder dem Zentralorgan zuführen, flutet in sie wieder zurück. Nur wenige Gruppen, wie die holländische Landsmannschaft und einzelne deutsche Ortsgruppen, nützen die ihnen durch die Statuten gegebenen Rechte aus. Auf sie nimmt die Zentralleitung Rücksicht; sie geht auf ihre Anregungen ein; sie arbeitet mit ihnen. Alle anderen Gruppen haben nur noch eine Bedeutung als finanzielle Organe : sie sammeln Geld und schicken es nach Paris. Was mit dem Geld geschieht, wie es verwendet wird, darüber machen sie sich .keine Gedanken. Es kommt ihnen nicht zum Bewusstsein, wie ungeheuerlich in modernen Rechtsstaaten es ist, dass einige Personen ohne effektive Kontrolle über Millionen verfügen, die einer Gesamtheit gehören, ebenso wie sie es natürlich finden, dass diese Personen, nur vor ihrem Gewissen verantwortlich, ein ganzes Volk nach ihrem persönlichen Gutdünken und Empfinden führen. Die grosse Mehrzahl der Alliancemitglieder ist mit der jetzigen Geschäftsleitung unzufrieden. Den Zionisten passen ihre Assimilationsbestrebungen, den Orthodoxen die religiösen Bestrebungen der Allianceleiter nicht. Die Mitglieder, die nicht französische Angehörige sind, wollen von der französischen Politik der Alliance nichts wissen; diejenigen, die ein exaktes und planmässiges Arbeiten gewohnt sind, verurteilen ihre planlose und unwissenschaftliche pädagogische und kolonisatorische Arbeit. Alle freiheitlichen Elemente unter den Mitgliedern sind die natürlichen Feinde eines Regimes, das auf die Plutokratie und den Bureaukratismus sich stützt. Diesen Allen, die Freunde der Alliance sind, die aber die Ueberzeugung haben, dass die jetzige Leitung sie auf falsche Wege bringt, dass nur unter anderer Leitung die Alliance ihre hehre Aufgabe, die Juden wirksam zu schützen, erfüllen kann, rufe ich zu: Ihr erfüllt eure Pflicht, indem ihr für eure Rechte eintretet. Sichert euch eure Rechte, indem ihr Vorslandswahlen in den einzelnen Gruppen veranstaltet. Ihr habt dann die Möglichkeit, Männer in die Vorstände der Orts- und Landesgruppen zu wählen, die statt, wie ihre Vorgänger, dem Grundsatz des laissez-faire und laissez-aller zu huldigen, der Bedeutung und der Verantwortlichkeit ihres Amtes bewusst sind, die insbesondere den Willen und die Macht haben, die statutarischen Wahlen zum Zentralausschuss zu veranstalten. Ihr erhaltet hierdurch auch die Garantie, dass die künftigen Wahlen zum Zentralausschuss satzungsgemäss und in unparteiischer Weise geleitet werden. Solche Vorkommnisse, wie wir sie vor zwei Jahren erlebten, werden verhindert, dass dort, wo die herrschende Partei ihrer Majorität nicht sicher ist, die Wahl nicht stattfindet, oder dass die Wahlhandlung, um einen Sieg der Opposition zu verhindern, plötzlich abgebrochen wird, oder dass Resultate, die den Machthabern nicht gefallen, nicht proklamiert werden. Arbeitet in euren Gruppen. Ihr werdet getrennt marschieren, aber vereint schlagen. Aus Russland. Petersburg. Die Gesetzvorlage über die Aufhebung des Wohnverbotes für Juden in den in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegenden Ortschaften,welche Minister von Plehwe, wie erinnerlich, dem Petersburger Reichsrate unterbreitet hat, wurde vom Reichsrat nunmehr sanktioniert.