Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 fibie * Weit Seite 7 Spur ängstlich zu verscharren, die in bescheidenere Tage ärmlicher Kindheit zurückweist. Aber die Armen bleiben, ewig Juden, sie verlassen die Fahne ihres Stammes nicht, inmitten aller Verfolgung und Verachtung, die sie als Juden und Arme doppelt trifft. Sie sind es gewesen, die in zweitausendjährigem Drucke das, Ideal ihres heiligen Glaubens und innigen Familienlebens nicht verloren haben, sie sind dieselben geblieben, ohne dass etwa Staatshilfe oder Geldmittel von. Stammesgenossen versucht hätten, ihr hartes Erdenlos zu mildern. Vor acht Tagen druckte der „Vorwärts*' unter dem Titel „Jüdisches Lehrerproletariat" ein Gesuch aus dem Mainzer „Israelit4' ab, wonach einem seminaristisch gebildeten Lehrer ein Gehalt zwischen 700 und 800 Mk., also etwa 60 Mark monatlich, 'dann als Einnahme geboten wurde, wenn er eine Frau sein eigen nenne. Später brachte er eine Bemerkung der genannten Zeitschrift, welche diese zu dem Religionslehrergesuch macht, worin versichert wird, dass gerade der „Israelit" für eine Besserstellung jüdischer Lehrer mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ernster Mahnung, würdevoller Aufmunterung und Belehrung kämpfe. Alsdann wird den Regierungen Schuld gegeben, dass sie von den Lehrern nur Pflichten verlangten, aber ihnen keine Rechte gewährten. Sie beanspruchten von ihnen eine seminaristische Bildung, Konferenzbesuch und ausserdem eine zweite Staatsprüfung, ohne einen Pfennig zum Religionslehrergehalt .beizusteuern. Diese gewiss nur zu berechtigten Klagen des „Israelit" druckt der „Vorwärts" wörtlich ab und macht in seiner ironischen Weise dazu die nicht sehr richtige Randbemerkung, dass trotz des unbestrittenen staatlichen Unrechtes die wohlhabenden Juden den vollen Teil der Schuld behalten, dass ihre Lehrer darben müssen. „Die würdevolle Aufmunterung und Belehrung, deren sich das jüdische Blatt rühmt, scheint bei manchem seiner Glaubensgenossen so wenig genützt zu haben, dass sie vorziehen, ihren Reichtumsüberfluss — zu Mirbach zu tragen." Angespielt ist mit dieser Wendung auf die Machenschaften des Herrn Dr. Leo Leipziger mit dem Oberhofmeister der deutschen Kaiserin, dessen für Wohltätigkeitszwecke herausgegebene Schrift über die Reise des Kaisers und seiner Gemahlin nach Palästina keinen Ertrag an klingender Münze erzielte, weshalb der Besitzer des Kleinen Journals aus eigener Tasche dem Freiherrn einen Tausendmarkschein mit der frommen Lüge überreichte, ihm dadurch den Gewinn aus dem Vertrieb seiner Vorträge zu erstatten. Vielleicht denkt der „Vorwärts" dabei1 an noch ganz andere Summen, die der schwer reiche Dr. Leipziger seinem hohen Gönner bei Hofe hatte zufliessen lassen, die Mirbach ebenfalls zum Kirchenbau verwandte. Es ist anzuerkennen, dass das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie jammerwürdiges Menschenelend nicht deshalb aus der Welt schweigt, weil verachtetes Judenvolk es tragen muss, sondern auch diese bedauerlichen Schäden rückhaltlos der Oeifentlichkeit bekannt gibt. Aber den spöttischen Hinweis auf die strotzenden Geldsäcke so mancher Juden, die ihre Schätze anderweitig verwenden, versteht man nicht leicht. Weiss denn der „Vorwärts" die anfangs erwähnte Tatsache nicht, dass die reichsten Juden ihr Geld für jüdische Institutionen gerade nicht hergeben, sondern damit gar nichts zu tun haben wollen? Wir glauben nicht an eine solche Naivität des Blattes, das von Zeit zu Zeit die grossen Spenden in die sozialdemokratische Parterkasse Ziffern massig mitteilt. Nicht dass wir ihm die manchmal recht saftigen Beiträge missgönnten — aber in seiner Redaktionsstube sollte man nicht den Anschein erwecken wollen, als gla-ube man an die Hilfsbereitschaft der jüdischen Geldmänner zugunsten ihres Volkes. Und diese Heuchelei begeht der „Vorwärts" mit seiner Glosse, wofern er nicht, was wir nicht annehmen, die bittere Not unter den jüdischen Lehrern in schnödem Hohne; zu dem „Reichtumsüberfluss ihrer Glaubensgenossen" in einen herrlichen Kontrast stellen will. Nein, für das Judentum sind die Millionäre unter den Juden so gut wie verloren, von ihnen ist für die Unterstützung und Hebung jüdischer Volksinteressen wenig zu erhoffen. Sie mögen für Kirchenbauzwecke erkleckliche Summen übrig haben, bei den Ausgrabungen orientalischer Altertümer ihre Kasse nicht schonen, die Beisteuer zur sozialdemokratischen Agitation gehörig erfüllen, für grosse jüdische Zwecke haben sie bisher noch keine generöse Freigebigkeit bewiesen. Indessen, es ist nicht die vom „Israelit" genährte Hoffnung auf die endliche Einsicht der Regierungen, so wenig wie die Almosen der jüdischen Granden von Mammons Gnaden, die dem historischen Judenelend ein Ziel setzen werden. Das kann nur der erklärte Vol'kswille zur Selbsthilfe leisten. Und dieser wird es sicher leisten. Diese Ueberzeugung drängt sich jedem auf, der die Spendenverzeichnisse in der „Welt" nachsieht, wo die ärmsten der Proletarier ihre kärglichen Sparpfennige zum Nationalfonds hintragen mit einem rührenden Opfermut, mit einer Zähigkeit und Energie, die jedes Lob entwaffnet. DieseReichtümer der Juden sind es, welche die Bande« des Qolns brechen. T u b a 1. Berliner Brief. Für den dem modernen Judentume innewohnenden Freiheitsdrang und die nach sozialer Betätigung, insbesondere nach Vor- und Verbesserungsarbeit suchende Energie, liefert mitunter den schlagendsten Beweis das heutige jüdische Weib. Es gilt dies zunächst vom jüdischen Weib in den osteuropäischen Judenzentren, wo im Gegensatze zu der durch geordnete, wohlorganisierte Verhältnisse der höheren Kulturländer hervorgerufenen grösseren allgemeinen Gesättigtheit der Persönlichkeit die Desorganisation und vorherrschenden Missstände stärkere Unzufriedenheit und radikalere Stimmung verursachter. Da sehen wir bei jeder jungen Freiheitsbewegung unsere Schwestern in beträchtlicher Anzahl als Vorkämpferinnen in den ersten Reihen; natürlich tritt dies am deutlichsten in den Frauenrechtsbewegungen hervor. Beispielsweise ist das Frauenstudium in seinen ersten Stadien in überwiegendem Masse durch Jüdinnen durchgesetzt worden. Wenn wir auch hierbei den gerade bei den Juden so ausgebildeten Herdentrieb, das sinnlose Nachjagen nach der Mode, nicht üoersehen wollen, so müssen wir dennoch zweifellos unserem weiblichen Geschlechte Begeisterungsfähigkeit für das Jugendliche und Frische, Mut und Tüchtigkeit zugestehen. Es sei hier zu unserer grossen Genugtuung erwähnt, dass gerade dieser Teil unserer hoffnungsvollen Jugend immei sicherer dem Zionismus angehört; ist doch eben der Besitz der Jugend der beste Beweis der Lebensfähigkeit unserer Idee. In Gedanken üb?r diese stürmisch bewegte, feurige Jugend erwarten wir die anlässlich des Frauenweltkongresses angekündigte Versammlung behufs Vereinigung der jüdischen Frauen vereine Deutschlands zu einem Bunde. Sollte sie auch einen nicht jugendlich brausenden, sondern eher einen ernsten, ruhigen Charakter haben, inhaltreich würde sie für jeden Fall sein. Wenn die versammelten jüdischen Frauen die Lage ihres Volkes erkennen und ihre Mission in demselben, so werden doch alle schon recht viel zu sagen haben. Sie mögen es nicht als hochtrabende Programme verkünden, nur in schlichten Worten das erzählen, was sie warm empfinden; wenn sie nur wirklich etwas lebhaft empfinden, wird es schon ergreifen und wertvoll genug sein. Aus dem vorbereiteten Statutenentwurfe lässt sich wenig schliessen. D^r eiozig wesentliche Paragraph besagt wirklich viel. „Zweck des Bundes ist der Zusammenschluss zu gemeinsamer Arbeit: a) in gegenseitiger Anregung für die Interessen der Allgemeinheit. Als Arbeitsgebiete gelten