Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bi* & Wf Ii" Nr. 27 dem Hochgefühle eines ganzen Ariels nimmt es die Kunde auf, dass es ausser ihm und seinesgleichen noch eine Sorte von tiefstehenden Menschen gibt, von sogenannten Juden. Diese seien bis zum heutigen Tage gewillt, den Heiland wieder zu kreuzigen, wenn er auf Erden erschiene, seien fast durchwegs Gauner, Lügner, Betrüger, spitzfindige Verdreher, die Untertanen des Satans. Eines Tages ruft ihm ein Kamerad zu: Dein Vater ist ein Jud. Entsetzt läuft das Kind nach Hause: »Vater, bist du wirklich ein Jud?" Ich statte den Vater mit der Weisheit Salomons aus, was soll er antworten? Vielleicht, dass man den Juden Unrecht tue und ein Christ nicht höher stehe als ein Jude? Ich nehme den seltenen Fall an, dass es dem klugen Vater gelingt, das Kind davon zu überzeugen, in Wirklichkeit kann das fast nie gelingen, es sei denn, dass der Vater taktvoll und pädagogisch tagtäglich von dieser Wahrheit ins sonnige Gehirnchen träufelt, es ihm lieber selber sagt, dass er ein Jude sei, als es anderen zu überlassen, und wo findet sich ein solcher Vater? In jedem Falle wird man dem Kind die Frage nicht beantworten können: warum ich Christ und du Jude? Denn die Antwort, um dir den Kampf ums Dasein zu erleichtern, ist für ein Kind ganz unverständlich. Dass die Konfession im Lebensstreit eine Rolle spielen können soll, widerspricht den sittlichen Grundsätzen, die es lernt, die es glaubt. Wehe ihm, wenn es schon als Kind daran verzweifeln muss. Wo soll denn dann hernach die Ethik kommen, wenn ihm als fast noch lallendem Kind gezeigt wurde, wie man mit Sittlichkeit Schacher treibt? Die Möglichkeiten, die das praktische Leben zeigt, sind wahrlich traurig genug. Entweder das Kind lernt seine Eltern verachten und hassen oder es wird in frühen Jahren ein Pessimist und Menschenverächter, wenn es tiefer veranlagt ist, ein vollkommener Windbeutel ohne Halt, wenn es nicht viel nachdenken mag." Wittels ist ein scharfer und schneidiger Richter vor dem Herrn, und wir können solcher fürwahr nicht genug haben in einer Zeit der Halbheiten, der kleinen Massregeln, der kurzlebigen, jämmerlichen, ein Schattendasein fristenden Ziele. Hageldicht regnet es aus seinem Munde, wuchtige Anklagen gegen die morsche, faule, aller Sittlichkeit bare jüdische Gesellschaft, welche es verschuldet hat, dass er im zwanzigsten Jahrhundert mit ernster Miene darangehen muss, zu beweisen, dass der Meineid unter allen Umständen eine ehrlose Handlung ist, und gegen diejenigen, welche die Gesinnungslosigkeit, den Sklavensinn in den Juden gezüchtet, gewissermassen den Dünger für die Judentaufen geliefert haben. Es ist ein nicht wegzutilgendes Schandmal, dass diejenigen, welche berufen gewesen wären, vertuschten, wo geredet, in die Welt hinaus geschrien und protestiert werden musste, dass unsere Häupter und Führer nicht fühlten, dass jedes Recht erkämpft sein will. In ihrer Feigheit wollten sie nichts davon< wiesen,, dass man einer Genossenschaft wenig Unrecht zufügen kann, die fest entschlossen ist, keines zu dulden. „So hat man Unrecht tun können, weil es geduldet wurde, so ist der Staat ein weit geringerer Schuldiger geworden als die Juden, die sich alles gefallen Hessen und so ihre Persönlichkeit aufgaben. Jetzt ist eine Desuetude eingetreten, der Staat hat sich das Recht ersessen, Unrecht zu tun, so dass man staunend den Kopf schüttelt, wenn einmal ein jüdisches Protektionskind zum Hofrat, Herrenhausmitglied, Adeligen ernannt wird, ähnlich wie in Rom die Sklaven sich gewundert haben mögen, wenn Cäsar einen Freigelassenen zum Senator ernannte." Und nun es sich zur Evidenz gezeigt hat, dass der Antisemitismus denn doch nicht von heute auf morgen lebt, dass er mit der weit vorgeschrittenen Kultur vereinbar ist, was tun unsere Steuermänner? Sind sie aus ihrer Lethargie erwacht? Beileibe nicht, sie sind die Schlafmützen, die sie waren; der deutsche Michel ist in die Grube gefahren und hat dem jüdischen Michel Platz gemacht. Ihering erklärte vor 40 Jahren in seinem „Kampf ums Recht": „Welchem Volke Gott wohl will, dem schenkt er nicht, was es nötig hat, noch erleichtert er ihm die Arbeit, es zu gewinnen, sondern dem erschwert er dieselbe. In diesem Sinne nehme ich keinen Anstand zu sagen: der Kampf, den das Recht fordert, um geboren zu werden, ist nicht ein Fluch, sondern ein Segen." Derselbe Ihering sagt in demselben Buche: „Reizbarkeit, d. h. Fähigkeit, den Schmerz der Rechtskränkung zu empfinden, und Tatkraft, d. h. der Mut und die Entschlossenheit, den Angriff zurückzuweisen, sind in meinen Augen die zwei Kriterien des gesunden Rechtsgefühls.* Was folgt daraus für unsere führenden Geister? Es ist ihre heiligste Pflicht, sich den Schlaf aus den Augen zu wischen. Der kategorische Imperativ rufe ihnen laut und eindringlich zu: Es ist eure Pflicht und Schuldigkeit, euch zur Wehr zu setzen, aus eurer dicken Haut zu fahren, den Kampf ums Recht zu organisieren, die Reihen zu vergattern und in unermüdlichem Kampfe zum Siege zu führen, denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!" Doch ist mit dem blossen Kampfe ums Recht, mit der energischen und entschiedenen Abwehr der sich tagtäglich häufenden Attentate gegen die Juden allein dem Judentume nicht gedient. Die Rufer im Streite dürfen auch den Born des Judentums nicht versiegen lassen, sie müssen dafür Sorge tragen, dass den Glaubensgenossen der Star gestochen werde, dass sie zur Erkenntnis kommen, das Judentum, sei keine wesenlose Form, kein tönernes Gefäss ohne Inhalt, sondern ein Ezchajim, des Lebens goldener ßaum, ein lebendiger Quell des Heils, ein ewig junges und verjüngendes Ideal, auf das wir allen Grund haben, stolz zu sein. Dann und nur dann wird die Zahl der Judentaufen erheblich abnehmen, und dann werden Eltern und Kinder in edlem Wetteifer sich um das Banner des angestammten Glaubens scharen. In der Selbstbeschräokung zeigt sich der Meister. Die Selbstbeschräi kung ist jedoch Wittels Sache nicht, denn sonst hätte er davon Abstand genommen, auf Makkabäerfeiern und „nationale" Demonstrationen mit Achselzucken herabzuschauen. Wer den Zionismus eine Demonstration nennt, der zeigt, dass er ihn nur vom Hörensagen kennt, es sich nicht angelegen sein liess, in den tiefen Schacht desselben hinabzusteigen, dass er leichtfertig über ihn urteilt. Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte ich hier die grossen Verdienste des Zionismus aufzählen, dartun, dass es eine befreiende, überwältigende Mannestat ist, die schier verlorene Jugend dem Judentum zurückerobert, sie für die Ideen desselben begeistert und zu ihrem Frommen nackensteif gemacht, lange vor Wittels den Kampf, der die Poesie des Charakters ist, auf sein Parier geschrieben und den Namen „Jude", dessen man sich zu schämen begann, zu einem Ruhmestitel geprägt hat. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich den Verfasser bei einer Uebereilung ertappt habe; denn er ist ein wackerer Kämpe, dem ein blanker Ehrenschild über alles geht. Hoffen wir, dass er jene Uebereilung in der zweiten Auflage seiner Schrift berichtigen wird. J. B. Jakobs. Vom Judenreichtum. Max N o r d a u hat einmal in einer grossen Rede auf dem Zionistenkongress zu Basel die Erzählungen von den jüdischen Millionen als Märchen bezeichnet. Es ist unzweifelhaft richtig, dass alle die übertreibenden Schilderungen von der Geldmacht in der Hand zahlloser Grosskapitalisten jüdischen Stammes ins Reich der Fabel m verweisen sind, Ganz natürlich! Die wenigen reich gewordenen Juden assimilieren sich unablässig, brechen mit allen Erinnerungen an jüdisches Wesen, um jede