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Die Welt · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr, 27 „bfc* weit" Seite 5 ist nicht lebensfähig. Sint ut sunt, aut non sint, hat der kluge Papst einmal gesagt. Unser Bestreben geht darnach, das Judentum im modernen Geiste zu entwickeln, in voller Anerkennung des historischen Werdeganges unserer Religion. Aber wenn schon, wenn man schon einmal beim Kapitel Religion steht, so ziehe ich die alte, schöne, poetische jüdische Form vor« Und ich möchte Euch bitten, meine lieben Herren Prediger und Doktoren der Gottesgelahrtheit, verhunzt und verunstaltet das schöne, alte Judentum nicht. Habt wenigstens Sinn für die Poesie des Todes, wenn Ihr keine Empfindung für den Pulsschlag des Lebens habt! Assimilation und Reform und Liberalismus waren die Ideale von einst, die Götter von gestern. Und sie werden von dem Heute und Morgen zertrümmert. Götterdämmerung tritt ein. Schwer ist zu leben, wenn es Götterdämmerung ist... A. Coralnik. Auch ein Vorschlag zur Lösung der Judenfrage. Innige Freundschaft verband mich mit einem genialen russischen Künstler, dessen Werke allerorten hochgeschätzt und bewundert werden. Ueberau ist er zu Hause und nirgends daheim. Obwohl er mit allen Fiebern und Fasern seines Seins mit dem russischen Volke verwachsen ist, so fährt er doch bei dem Gedanken, sich in seinem heiligen Russland ein Atelier zu 'errichten, zusammen, als erschiene ihm der Gottseibeiuns in höchsteigener Gestalt Er befindet sich seit einiger Zeit in einer bei ihm vorher nie bemerkten hochgradigen Aufregung.^Die Siege der Japaner lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Jüngst brachte er mich in arge Verlegenheit. Ich traf einen seiner vornehmen Gönner in seinem Atelier. Sie stiessen begeistert auf die unausbleiblichen glorreichen Siege der Russen zu Wasser und zu Lande und auf die Zertrümmerung Japans an. Ich wurde aufgefordert, mitzutun. Ich bedauerte, der Aufforderung nicht Folge leisten können. In den Augen des Künstlers wetterleuchtete es. Doch war sein Groll nicht von Dauer, denn er ist kein Chauvinist. Es schien mir ganz merkwürdig, dass es den glühenden Patrioten auch nicht ein einzigesmal drängte, sich an ein vaterländisches Sujet zu machen, dass er zum mindesten nicht als nationaler Künstler seine Laufbahn begann. Mit einer bei seinem Alter erstaunlichen Abgeklärtheit und Reife erklärt er, dass er wenn er sich auch mit Leibfund Seele als Russe fühle, doch in erster Linie Mensch sei, dass er als Idealist seine Heimat in der grossen, weiten Welt erblicke. Es ist nur zu natürlich, dass wir bei unseren Zusammenkünften öfter auf die Juden im allgemeinen und die russischen Juden insbesondere zu sprechen kamen. Schon bei unserer ersten Unterredung hatte ich mit ihm einen harten Strauss auszukämpfen, denn er suchte^ bei alier Scham vor den haarsträubenden Massakres in Kischenew und Hornel die Schuld auf die Juden zu wälzen, die durch ihr Tun und Treiben einen gewaltigen Explosivstoff in dem in seinem wirtschaftlichen Dasein arg bedrohten und gefährdeten russischen Volke aufgehäuft hätten. Die Judenfrage ist die Achillesferse des Künstlers, hier duldet er keinen Widerspruch. Sie ist aber auch meine verwundbarste Stelle, Ich lasse an dem stolzen Gebäude d«s Judentums nicht rütteln, selbst auf die Gefahr hin, als ein Fanatiker und Zelot verschrien zu werden, mit welchen Kosenamen mich erst kürzlich ein hiesiger jüdischer Hof- und Gerichtsadvokat in einer Gesellschaft bedachte, als ich seine Meinung, dass das Christentum einen riesigen Fortschritt dem Judentum gegenüber bedeute und dass die grossen Errungenschaften der Kultur auf christlicher Grundlage aufgebaut seien, aufs entschiedenste bekämpfte. Der gute Mann, der sonst in der Weltliteratur ausgezeichnet Bescheid weiss, wollte es in rechthaberischer Weise nicht gelten lassen, dass den Juden die Nächstenliebe zur Pflicht gemacht wurde, er legte mir in der Hitze des Gefechtes die oberwähnten Epitheta bei, und als ich ihm die einschlägigen Stellen zitierte und die Fundorte derselben mitteilte, hatte er die Stirne zu behaupten, dass dies an seiner Ansicht nichts ändern könne, da den Juden das Gebot der Nächstenliebe nicht in Fleisch und Blut übergegangen sei, während sie den Christen zur zweiten Natur geworden sei!! Wir haben eben Juden in unserer Mitte, die Augen haben, um nicht zu sehen. Ich hatte die Genugtuung, dass ein Vollblutarier dem jüdischen Advokaten die Segnungen der christlichen Nächstenliebe in drastischer Weise vordemonstrierte, sie erbarmungslos zerpflückte, ihn direkt einen Ignoranten nannte und einen begeisterten Hymnus auf Moses anstimmte. Doch kehren wir wieder zu dem russischen Künstler zurück. Er warf den Juden eines Tages in leidenschaftlich erregten Worten vor, dass sie nichts lernen und nichts vergessen wollen. Es sei, meint er, nur eine radikale Lösung der Judenfrage möglich und diese bestehe darin, dass die Minorität sich von der erdrückenden Mehrheit majorisieren lasse, dem Judentum den Rücken kehre und im Christentum aufgehe. Da ich ihm energisch widersprach und auf die heillosen Konsequenzen hinwies, zu denen wir gelangen würden, wenn wir unsere Lebens- und Weltanschauung von der Majorität abhängig machten, drapierte er seine Ansicht mit einem ethischen Mäntelchen, indem er zu bedenken gab, dass die wahre Sittlichkeit in der Resignation gipfle. Diese höchste Tugend sollten wir durch Abschwörung unseres angestammten Glaubens betätigen, damit der Friede seinen Einzug halte und die Menschenverbrüderung ihr Banner entfalte. Ich entgegnete, dass das höchste Gut der Erdenkinder die Persönlichkeit sei, dass er einen unverzeihlichen Missbrauch mit dem Begriffe Resignation treibe, wenn er an sie anknüpfend von uns verlange, dass wir die heiligsten Ideale aus unserer Brust reissen, uns zu meineidigen Schuften erniedrigen sollen; wohl aber stelle die elementarste Moral an die Judenfeinde gebieterisch die Forderung, blinde Vorurteile, von Hass und Rache diktierte vorgefasste Meinungen aus ihrem erstarrten Geiste mit Stumpf und Stil auszujäten. Darauf zog er eine neue Saite auf. „Lebet euch in Gottes Namen sattsam als Juden aus, seid aber nicht so hartgesottene Egoisten, dass ihr das Glück eurer Kinder auf das Spiel setzet. Lasset euere Kinder taufen, damit es ihnen wohlergehe auf Erden\ Er fügte triumphierend hinzu, dass es schon nicht wenige Juden gebe, die in der Taufe ihrer Nachkommen eine Panac6e erblicken. Ich wies den ungebetenen Ratgeber in die Schranken, indem ich ihm vor Augen hielt, dass die in der Kindheit empfangenen Eindrücke den Menschen unaus'öschlich haften bleiben; es müsse daher dafür Sorge getragen werden, dass die Kinder stets gute Beispiele vor sich sehen, in einem reinen, lautern charakterfesten Milieu aufwachsen, aus dem Munde ihrer Eltern, Erzieher und Lehrer nichts hören, als was sie selber für wahr halten. Statt die Kinder der Eigenart der Eltern zu entfremden, hätten sie die unabweisliche Pflicht, ihnen das Dichterwort einzuschärfen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Mit unserer Freundschaft war es vorbei. Sie gehörte der Vergangenheit an. Kurze Zeit nach dieser unerquicklichen Kontroverse kam mir Fritz Wittels Broschüre: „Der Taufjude" (Leipzig und Wien, 1904), die den getauften Juden gründlich heimleuchtet, zu Gesicht. Er zieht den Vorhang von dem Leben der Kinder, die ihre jüdischen Eltern der alleinseligmachenden Kirche in den Schoss schieben, weg und entrollt folgendes erschütternde Bild von demselben: „Das Kind wird in der Schule zum Christen, das heisst zum Antisemiten erzogen; mit

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