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Die Welt · 1904-07-01 · 27 (1.7.1904) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
27 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bie * w^it" Nr. 27 diese Siedlung in diesem Teil Ostafrikas, oder in einem anderen zu gründen, sei eine andere Frage. Und er stelle sich vor, dass einem Administrator der Vorschlag, eine fremdsprachige Gemeinde eiuzuführen, mit soviel Schwierigkeiten verbunden zu sein scheine, dass er nicht für die gute Verwaltung des Landes verantwortlich sein möchte* Nachdem Mr. Grey des längeren seine Forderung ausgeführt hatte, die Gründe, die laut Geständnis des Earl Percy Sir Ch. Eliot gegen die jüdische Einwanderung erhob, bekanntzugeben, ergriff das Wort Mr. Lloyd George. Er sagte, er sei nicht gegen die Gründung einer jüdischen Kolonie, er möchte aber die Einwände des ßir Ch. Eliot kennen lernen, und auch ob das überhaupt einer der Gründe seiner Demission gewesen wäre. Premier-Minister Mr. B a 1 f o u r : Nein. Earl Percy: Genauer wäre es zu sagen, dass Sir Charles Eliot auf zweifache Weise seine Meinung ausgesprochen hat. Seine letztere Meinung war dem Projekt ungünstig. Mit seiner Demission hat es aber gar nichts zu schaffen. Mr. Lloyd George meinte dann, dass wenn die Sache so stehe, er gegen die jüdische Siedlung niohts habe. Es gebe genug Juden, die wir uns ersparen könnten» (Gelächter) Er sei aber nicht mit den antisemitischen Empfindungen, die von einem irischen Mitglied an den Tag gelegt wurden, einverstanden. Es handelte sich ja bloss um die Wahrung der Rechte der Eingebornen und die Erhaltung des Friedens in Ostafrika. Der Antrag wurde abgelehnt Vom Wege/) IL Ein wenig abseits. Wir lenken ein. Ein breitgetretener, bekannter Weg, eine Kaiserstrasse. Kaum was Neues zu entdecken. Hat doch aber einmal Dickens gesagt, dass man gerade an bekannten Erscheinungen interessante Beobachtungen machen kann. Und der Weg, den wir jetzt betreten, führt zum Friedhof. In der Ferne sind Gräber sichtbar, frische und verfallene, und in der Richtung zum Friedhof bewegen sich immer neue Trauerzüge, dunkle, schwarzumflorte. Träume und Hoffnungen werden hier zu Grabe gebracht, einer langen, glorreichen Geschichte wird hier ein Ende gemacht Ein Ende—ist es wenigstens schön? Gross wie das Leben? Ich spreche vom Assimilationsjüdentum und von seinen krampfhaften Versuchen, wenigstens die Religion zu „retten". Ein abgedroschenes Thema— das ist wahr. Ueber das Assimilationsjudentum zu reden, heisst ja offene Türen einrennen. Ist es nicht eine „chose jugee"? Aber dennoch drängt sich die Frage häufig an uns heran, und wir können uns ihrer nicht erwehren. Hie und da bricht es hervor, das seliggesprochene Reform- und Assimilationsjudentum und gibt der erstaunten Welt kund, dass es noch lebe. Ob es wirklich lebe, das ist eine Frage. Es wird vielleicht Gegenstand unserer weiteren Reflexionen sein, die Assimilation in allen ihren Aeusserungen zu besprechen, jetzt wollen wir nur einen Streifzug unternehmen, und wenn auch nur einen flüchtigen, durch das wichtigste Gebiet der jüdischen Ässimilationswütigen, die doch dem Judentum nicht ganz den Rücken kehren wollten, der Entjudeten, die doch noch im Ju dentum stecken — durch das der religiösen Reform . . Es jammert mich immer zu lesen, wie sich die westlichen „Assimilanten" bemühen, sich irgendwie zu behaupten. Ihr hasset vielleicht die Assimilanten, ich bedauere sie, weil sie so schwach sind, so klein. Tout comprendre, c'est tout pardonner. Und wenn man versteht, -) Vide „Die Welt« Nr. 26. woher die Schwäche stemme, und dass sie eine Schwäche sei, verzeiht man sie ja leicht. Man verzeiht demjenigen, der lebensunfähig ist, der Todeskandidat ist, dass er auch Dummheiten begeht, um sich irgendwie zu retten. Die armen „modernen" Rabbiner! Wie sie sich da abhärmen, um ihre Gemeinde auf diese oder jene Weise vor dem Verfalle zu bewahren! Und sie zerfallen, die jüdischen Gemeinden des Westens In Frankreich, in Italien ist es eine alltägliche Erscheinung. Und je grösser die Zersplitterung des jüdischen Volkes desto bedrohlicher ist der vollständige Zerfall, die völlige Auflösung. Und was tun dagegen die Seelenhirten, die modernen Rabbiner? Helfen nicht die Predigten, die leider oft ßo langweilig und oft wieder zwerchfellerschütternd sind, so glaubt man der jüdische Ritus sei zu eng, zu beschwerlich für den mosaischen Staatsbürger, der in Effekten macht und konservativ wählt. Und die armen Rabbiner beginnen die jüdische Synagoge zu reformieren. Da bildeten die Geigerianer die alte Schul um und formten sie und bemalten und beorgelten und verchristlichten sie. Aber es half nichts. Der Staatsbürger wurde auch durch diesen Köder nicht angezogen. Die Wirkung blieb aus. Und wir glaubten _ wir unparteiischen Beobachter theologischer Streitigkeiten — dass die Reformer doch die Lächerlichkeit ihres Beginnens eingesehen haben und von der Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt seien. Ist denn jetzt die Zeit für religiöse Reformen? Reform heisst Umbildung, heisst ein Flicken und ein Akkomodieren des Alten an das Neue. Unsere Zeit strebt nicht nach solchen kleinbürgerlich-trödelhaften Um- und Bearbeitungen wir wollen Neubildungen, Schöpfungen . . . Das haben die f Reformer nicht gelernt und werden es kaum lernen. Was Hänschen nicht lernt u. s. w. Oder vielleicht doch, schliesslich lernt auch Hänschen, wenn es tüchtig vom Leben mitgenommen wird. Und wie diese Reformbestrebungen ausschauen! Ein Jammer geradezu. Da erinnert man sich unwillkürlich an die religiösen Reformbestrebungen der früheren Jahrhunderte in der Synagoge. Ein Luria, ein Akosta, ein Beseht. Welche Grösse, welcher sittliche Ernst? Die Leute glaubten und rissen hin. Wer aber selbst im Glauben schwankt, der kann unmöglich aLdere bekehren. Und während die religiösen Reformer der vergangenen Zeiten wirkliche Umstürzler, wenn auch unbewusste, waren, sind die heutigen jüdischen Reformer kleinliche Flicksehusterseelen, die durch einige unwesentliche Modifikationen des jüdischen Ritus, durch die Einführung von unreligiösen, weil rein weltliehen, Belustigungsrequisiten, h la Orgel, theatralischem Aufputz u. s. w., das wankende Gebäude der jüdischen Gemeinschaft stützen wollen. Ich lese da zufällig in dem .Frankfurter isr. Familienblatttt eine Notiz über eine derartige „Reform" in der Gemeinde im Westend von Frankfurt a. M. Die Reform wird darin bestehen, dass die Gebete in d e u t s c h e r Sprache, in „gekürzter" und von einem Rabbiner „bearbeiteter" Form heruntergesagt werden, bei „Chorgesang und Orgelbegleitung*. Gefährlich, umstürzlerisch! Das arme, furchtsame „Frankfurter isr. Familienblatt* schlägt einen Heidenlärm und protestiert gegen diese Neuerungen. Es meint, das Heil des Judentums sei der von ihm vertretene Konservatismus. Möglich, möglich aber auch nicht. Ich möchte ja herzensgerne mit den „Radikalen" auch in religiöser Fragen zusammen gehen. Ich muss aber doch meine Sympathie für die Konservativen bekennen. Und zwar aus einem anderen Grunde. Ich glaube, dass der von den „Radikalen" eingeschlagene Weg ein ungemein lächerlicher ist — und Lächerlichkeit ist die schrecklichste Sache in der Welt Die Religion ist kaum einer ernsten . Umbildung fähig. Ueber eine Religion muss man hinauswachsen, oder in sie hineinwachsen. Eine Mittelstrasse gibt es da nicht. Halbheit

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