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Die Welt · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 26 „bie * w^it" Seite 15 dass er wusste, ohne dass er hörte, bis sie selbst zu Ende kam, bis zum gewöhnlichen Schlusspassus : „Und es komme Zions Erlöser etc." Und oft passierte es ihm, dass er die Predigt bereits zu Ende gesagt hat und er wusste es nicht, und stand noch weiter auf seinem Platze in sich gekehrt und an seine Angelegenheiten denkend. Den Zuhörern in der „Schul" kam es recht sonderbar vor und nur die klingenden Stimmen der Waisen, die den üblichen „Kadosch" nach der Predigt sagten, weckten ihn aus seiner Geistesabwesenheit, und er erschrack, zuckte zusammen, küsste hastig den „Poreichos", drückte sich rasch hinaus und setzte sich hinter den Almemor. * * * Manchmal kam ihm der Gedanke in den Sinn, noch ein paar Predigten einzustudieren. Am häufigsten geschah das in den Jahren, nachdem er bereits in jedem Städtchen zu wiederholtenmalen alle seine sechs Predigten gesprochen hatte. Er wusste zwar, dass die Juden der Kleinstädte, zu denen er kam, zuviel mit ihren täglichen Sorgen sich den Kopf zerbrachen und kaum sich erinnern werden, was er vor ein paar Jahren gesagt hat. Aber auf Wunder darf man sich doch nicht verlassen. Ausserdem haben in manchen Städtchen zwei von seinen Predigten keine Anziehungskraft mehr besitzen können. Das waren die über falsches Mass und Gewicht. Dort sind nämlich strenge Beamten, sehr schlechte „Gojim", und geben selbst darauf acht, und haben den armen Krämern zu wiederholtenmalen ein Protokoll gemacht und darauf bestanden, dass die Wage gestempelt sei. Diese zwei Städtchen hätten wirklich ein paar neue Predigten nötig, an der Stelle der alten zwei über Mas? und Gewicht. Aber diese Aufgabe war für ihn zu schwer. Müde und abgehetzt langte er gewöhnlich in dem Städtchen an, musste dann in der „Schul", wo er sein Logis hatte, sich waschen, im Sommer sich den Kaftan aus Lister, die Mütze, das Käppchen und die Stiefel von Staub reinigen, im Herbste die Kleider trocknen und am Ofen sich erwärmen. Nach der ermüdenden Wanderung von einem Städtchen ins andere und nach der Vorarbeit in der Schul, musste er sich ein wenig auf die Bank hinstrecken und ausruhen und sogar manchmal einnicken, bis der Schames ihn nicht allzusanft aufrüttelte: „Reb Magid! Sie müssen sich schon vorbereiten. Die Leute kommen schon zum Beten und sie schlafen noch!" Und so musste er darauf verzichten, neue Predigten einzustudieren und dachte sich wohl: Ich werde schon mein lebelang mit den alten Predigten auskommen. Es ist verloren . . . Es kam aber eine Zeit, wo der alte Prediger eine siebente Predigt einstudieren musste, eine Predigt, von der er nie geträumt hatte, die ihm schwerer fiel, als sich mit Universitätsstudien zu befassen. Was kann man aber mit der heutigen Welt anfangen? Immer Neues will sie, sogar neue Predigten; eine sündenvolle Welt! Er erfuhr von der neuen Art Predigten zum erstenmal, als er nach einem kleinen Städtchen kam und dort an der Tür der Schul ein eigenartiges Plakat erblickte : Es sollte der Form nach dort von einem Prediger die Rede sein und doch sah es nicht darnach aus. Es begann ja nach der üblichen Weise: „Heute. . aber anstatt „wird predigen", stand „wird vortragen", anstatt „derMagid" (Prediger) stand „der Redner" — sonderbar, wie türkisch war es in seinen Augen. „Ueber ZionK — was heisst das „über Zion"? Und dann zum Schluss anstatt des üblichen Passus: „und der Hörer wird einen Genuss haben und er möge gesegnet sein", stand ein Mogen-David und die Unterschrift, Vor- und Zuname; gar nicht jüdisch . . . ' Schrecken überkam ihn: er spürte einen starken Konkurrenten. Es kam ihm zwar auch früher nicht selten vor, mit solchen Konkurrenten-Predigern zusammenzutreffen, aber mit ihnen ging es anders. Sie warfen ein Loos untereinander, um zu entscheiden, wer früher sprechen solle, und darin hatte er immer Glück. Hier, beim neuen Prediger, werden diese Künste wohl nicht gelingen; er fühlte es, und er ahnte, dass er den Platz werde räumen müssen. Und das Unglück wäre schliesslich noch nicht so gross, wenn es nur für dieses Mal der Fall wäre. Gibt's denn wenig Städtchen in der grossen Welt! Hat er höchstens umsonst einen Weg zurückgelegt. Der Magid aber fühlte, dass er diesem neumodischen Prediger oder „Redner", wie es dort hiess, alle Tribünen werde abtreten müssen und werde gezwungen sein, wie ein einfacher Bettler von Haus zu Haus mit dem Sacke zu gehen und zu betteln. Ein Schauder durchrieselte ihn, Bruchstücke von seinen Predigten flogen ihm durch den Kopf und schienen über ihn zu spotten und sich über ihn lustig zu machen, schnitten Fratzen, wollten hinaus, sich losreissen und davonfliehen, ihn allein lassen. . . . Gegen Abend stieg sein Schreck. In der Schul versammelten sich Juden, kamen scharenweise und in einer Viertelstunde war.die Schul übervoll; er hatte noch nie so viel Besucher bei seinen Predigten gesehen. Und alle sahen jetzt so ernst aus, als ob man ihnen eine wichtige Neuigkeit mitzuteilen hätte. Und der alte Magid sieht, wie eine lebhafte Bewegung entsteht. Der neue Magid ist eingetreten. Das Publikum macht ihm Platz. Der alte Magid rückt sich ehrerbietig seitwärts, um ihm Raum zu geben, und sieht ihn forschenden Blickes an. Und was sieht er! Einen jungen Mann von ungefähr dreissig Jahren, mit einem schwarzen Bärtchen, ein wenig zugestutzt (er könnte schwören, es sei geschoren) mit einem weissen Oberhemd, mit einem halblangen Rock . . . „Gott im Himmel \", hätte er beinahe aufschreien mögen „Dieser wird predigen?tf „Ihn wird man den Almemor besteigen lassen?" Er begreift es nicht, der Zorn kocht in ihm. „Ketzer"! möchte er ausrufen, er hält sich aber zurück, er wird erst hören, was der da sagen wird. Und er sieht, wie der neue Magid die Tribüne besteigt, das Publikum forschenden Auges betrachtet und zu reden beginnt. Und flammen sprühend waren seine Worte. Und merkwürdig, er spricht auch über Palästina. Nun denkt sich der alte Magid, die Gefahr ist noch nicht so gross. Ueber Palästina hat er selbst doch ebenfalls eine nette Predigt. Er sagt sie immer im Städtchen Rubsewitsch her, weil von dort zwei alte Juden nach Palästina gefahren sind, um daselbst zu sterben. Und das Thema ist doch, wie es scheint, auf der Tagesordnung. Er hört aber weiter zu und fühlt, dass es eine ganz andersgeartete Predigt ist. Und er hört: „Jahrtausende lang waren wir in Ketten, Sklaven waren wir und Sklaven sind wir und wir warten noch immer in Untätigkeit. Des SchwertesSpitze ist gegen unseren Hals gezückt und wir sollen nichts anderes tun, als nur auf Messias warten, der auf dem Esel kommen wird?" . . . Ei, das ist doch Ketzerei! Warum schweigen die Zuhörer, wie ist es möglich? Aber er sieht, wie das Publikum im Banne des Redners sich befindet, dass es lautlos an den Plätzen bleibt und der Predigt mit Begeisterung und Enthusiasmus folgt. Und er hört weiter: „Ihr fahrt nach Palästina, um dort zu sterben, aber Palästina ist uns gegeben worden, damit wir dort leben, und leben wollen wir!" .. * Und der neue Magid malte das jüdische Leben ohne Fabeln, ohne Zutaten, ohne Allegorien von den Prinzen und Prinzessinnen und er schilderte alles so richtig, so wahr, dass man dem Zauber seiner Worte nicht widerstehen konnte; und der alte Magid fühlte, dass seine Welt zur Neige gehe, dass seine Sache ausgespielt sei und er nicht mehr die Kraft habe, eine solche Predigt zusammenzustellen und sein Blut kochte vor Schmerz und Ingrimm.

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