Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bie & weit" Nr. 26 „Zsidö Neplap" (Jüdisches Volksblatt). Wochenschrift für Gesellschaft und Literatur. Endlich ist einer dringenden Notwendigkeit abgeholfen. Bis nun konnte man vom Zionismus in Ungarn nur durch deutsche Blätter Kenntnis erhalten. Da aber nur ein geringer Teil der jüdischen Bevölkerung, nämlich die Juden in der Slovakei, deutsche JtSlätter lesen, konnte der Zionismus nur eine verhältnismässig sehr geringe Verbreitung finden. Denn wenn schon einmal die magyarisch-jüdischen Assimilantenblätter unserer Erwähnung taten, so wurden unsere Intentionen entstellt und unsere Bewegung lächerlich zu machen versucht, so dass eine erspriessliche Agitation ungemein erschwert wurde. Deshalb und aus anderen Gründen, die wir hier nicht erörtern wollen, sind zionistische Vereine und Ortsgruppen,, in relativ geringer Anzahl entstanden. So war denn schon lange das Fehlen einer zionistischen Zeitschrift in ungarischer Sprache als ein grosser Mangel empfunden worden. Nunmehr ist auch dieser dringenden Notwendigkeit abgeholfen, dank den aufopfernden Bemühungen der oberungarischen Misrachi-Gruppen im Vereine mit dem akad. Verein „Maccabäa" in Budapest, der bereits eine rührige Agitation zu entfalten beginnt. Die Aufgabe des „Zsidö Neplap" wird es nun sein, unsere ungarländischen Stammesgenossen über die wahren Ziele und Bestrebungen des Zionismus aufzuklären und so die Angriffe der Assimilanten zu entkräften. Wie wir aus den vorliegenden Nummern ersehen, scheint das Blatt sich seiner Aufgabe vollständig bewusst zu sein. So wird z. B. in einem Artikel „Ueber den Zionismus" von Kuty Zsigmond, der gegen uns und zwar ganz besonders in Ungarn ins Treffen geführte Einwurf, dass Zionismus und patriotische Gesinnung unvereinbar seien, beleuchtet und in glänzender Weise widerlegt. Uebrigens wird die Aufgabe des Blattes eine äusserst schwierige sein, denn dank den Verleumdungen des „Egyenlöseg" und anderer Assimilantenblätter ist unsere Bewegung gründlich missverstanden worden. Als Beispiel diene folgender an die Hedaktion des „Zsidö N£plapK gelangter Brief. Wir scheuen uns nicht, ihn ganz zum Abdruck zu bringen, weil er für die Gesinnung des grössten Teiles der ungarischen Juden charakteristisch ist. Er lautet: Geehrte Herren! Ich bin von ganzem Herzen und von ganzer Seele Anhänger der Assimilation. So haben es mich gelehrt alle hervorragenderen Repräsentanten des Judentums, der Aegypter Moses, der Grieche Philo, der Araber Maimonides, der Maure Ibn Gabirol, der Holländer Spinoza, der Deutsche Mendelssohn, der Engländer Montefiore, der Franzose Cremieux, um nicht einmal die Magyaren (!) Low Lipot, Kärmän, Kohn Jözsef (!!) zu erwähnen. Jetzt wollen Sie mit strafbarem Leichtsinn die seelische Eintracht stören, zu welcher meine Gefühle, sowie die von 100.000 Mitbürgern, als ungarischer Patriot und als Jude dem Stamme und dei Religion nach, sich vereint haben? Jetzt wollen Sie, bewusst oder unbewusst, die Fesseln lösen, die mich halten an das ungarische Vaterland, an die magyarische Nation, damit Sie sich an ein Reich, das nur in Ihrer Einbildung lebt und an ein Volk, dessen Rekonstruierbarkeit Sie weder durch geschichtliche noch ethnographische Gründe beweisen können, zusammenschliesen. Jetzt wollen Sie erblassen machen die Achtung für Kossuth und Deak, die Begeisterung für Petöfi und Arany, damit nur Bar Kochba und Morris Rosenfeld a's Ideale von Helden und Dichtern in meiner Seele leben sollen? Ich wehre mich dagegen, sei es geschehen in Verrücktheit oder vorsätzlicher Schlechtigkeit, als Magyare und als Jude, und zugleich bitte ich Sie und mit mif 100.000 Mitbürger mosaischer Konfession, verschonen Sie mich mit dem schleichenden Gift, welches Sie mit Ihrem „Zsidö Neplap" und dem . darin enthaltenem Zionismus in uns tropfen lassen wollen. Mit vorzüglichster Hochachtung etc. etc. peailletoi)* Der alte Magid. Skizze von Abraham Reisen. Mit dem Bündel auf den mageren Schultern und den sechs Predigten im Kopfe pflegte er von einem Städtchen ins andere zu wandern und jede jüdische Gemeinde mit einem Paar Predigten von den sechs zu beschenken, wofür ihm der Schames der kleinen „Schulen" in den Städtchen einen Teller vor die Tür stellte, in den ein jeder Zuhörer einen Groschen, eine Kopecke und manchmal eine Dreigroschenmünze hineinwarf. In diesem Teller fand er immer zwei, drei glatte, abgeschabte Münzen. Sein Gesicht verzerrte sich dann, die Stirne runzelte sich und der lange Bart wunderte sich : Wieso? für Thora sollte man mit glatten Münzen zahlen? Er zeigte sie dann am Sabbath nach dem Abendgebete dem Schames in der Hoffaung, dass sie letzterer vielleicht für vollwichtig finden würde, aber dieses Wunder trat nur allzuselten ein. Zumeist waren die Schamossim grosse Pedanten und wollten keine glatte Münze als vollwichtig anerkennen, als ob sie kaiserliche Beamte wären. Dann seufzte der Prediger tief auf darüber, dass die Juden im Golus so gottlos geworden seien, nahm dem Schames die Münze wieder ab und legte sie in eine besonders dazu bestimmte Börse, wo alle solchen glatten Münzen aufbewahrt wurden, damit er sie nicht mit den guten verwechsle und behüte Gott unversehens dadurch sündige, indem er irgendwem eine derartige Münze geben würde. Dann steckte er die guten Münzen in die zweite Börse, verbarg die beiden Börsen tief an der Brust und begann nach herzlichjüdischer Weise zu seufzen, bis er auch auf der Bank einschlummerte. Wie gesagt, im Kopfe hatte er nur sechs Predigten, aber er kam nur selten dazu, seinen ganzen Vorrat in einem und demselben Städtchen auszugeben. Nicht etwa, dass er ein schlechter Kaufmann gewesen wäre und seine Ware nicht hätte verkaufen wollen. Er hätte es sehr gerne gewünscht, in jedem Städtchen seine ganze Ware abzusetzen; es wäre für ihn sehr vorteilhaft gewesen, denn für 6 Predigten würde er 12 Rubel bekommen und nach einem solchen Profit hätte er sich es ersparen können, nach dem nächsten Städtchen zu Fuss zu gehend er hätte einen Wagen gemietet und wäre behaglich zur Schule dieses Städtchens geiahren, vielleicht sogar in ein Gasthaus eingekehrt, wenn es für einen solchen Luxus ausgereicht hätte. Dann hätte er auch im zweiten Städtchen für jede Predigt besser gezahlt bekommen. Es ist doch ein Unterschied zwischen einem Prediger, der zu Fuss wandert und einem, der in einem Wagen fährt. Sogar der Kaiser macht einen Unterschied zwischen Infanteristen und Kavalleristen: ein Kavallerist bekommt doppelten Gehalt... Was hilft's aber? Die Städtchen, wohin er zu kommen pflegte, waren doch sehr arm und konnten bloss für eine, höchstens für zwei Predigten zahlen und am dritten Tage musste er bereits sein Bündel auf den Rücken nehmen, sich auf die Stirne klopfen, um sich so zu überzeugen, ob noch alle sechs Predigten dahinter liegen, ob er nicht etwa behüte Gott die zwei im Städchen vergessen hätte und dann schritt er langsam durch Felder und Wälder, übernachtete im Sommer bei schönem Wetter einfach auf der Wiese oder im Gebüsch, im Winter aber in einem jüdischen Einkehrhaus, wo er ausser einem guten Nachtmahl auch ein grösseres oder kleineres Geldgeschenk zu bekommen pflegte. In dem zweiten Städtchen sagte er wieder die zwei anderen Predigten her. Erstens wollte er der Mannigfaltigkeit halber mit den Predigten abwechseln, zweitens fürchtete er, dass sich zufällig unter seinen Zuhörern in der Schul' ein Jude aus jenem ersteren Städtchen befinde und diesem die Wiederholung auffalle. Durch das vieljährige Hersagen derselben sechs Predigten, hatte er sie so einstudiert, sich so in sie eingeübt, dass er sie automatisch hersagen konnte. Er stand oft auf dem Almemor und dachte an sein Haus sein Weib, an die älteste Tochter, die man schon längst verheiraten müsste, und die Predigt floss in einem fort, ohne