Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 „Di* & W^lt ^6 Und niedergedrückt und verstimmt ging er am nächsten Morgen in aller Früh zu Fuss nach dem nächsten Städchen. Dort hat er zwar keinen neuen Magid angetroffen, und er hätte beinahe den jungen Magid vergessen und weiter geglaubt, dass die Welt noch immer die alte sei und die Juden noch Juden seien, wie es Gott befohlen hatte. Aber alle seine Hoffnungen wurden mit einem Schlag vernichtet, als er um die „Minchazeit" in der Schul aus der Lade in seinem Kopfe eine von seinen Predigten auspacken wollte. Da trat ein junger Mann auf ihn zu, hiess ihn freundlichst willkommen und fragte ihn: „Sind sie ein Zionist?tf „Ein was?" starrte er ihn erschrocken an. „Ich meine, können Sie etwas über Zionismus sagen?x wiederholte der junge Mann lächelnd seine Frage. _ „Sinist", antwortete der Magid und zog eine leidende, kränkliche Miene auf, „was? bin ich denn ein „Apikores" (Kelzer). Ich predige Thora und nicht Ketzerei." Aber er glaubte nicht mehr an seine eigenen Worte. Er hätte sehr gern etwas über Zionismus gesagt. Warum auch nicht? Wenn das doch mehr gilt, als die alten Predigten? Aber wie erlernt man es? Jener junge Mann hat doch so schön gesprochen, so herzinnig. Er wird es nie so machen können, um keinen Preis! Und er musste wieder eine von seinen alten Predigten herunterleiern und er bebte vor Schrecken. Ihm schien es, dass der junge Mann, der ihn da früher fragte, ob er ein „Sinist* sei, ihm gegenüberstehe und die Zunge ausstrecke. . . . Und die Juden wurden immer ausgelassener und schenkten den neuen Predigern, diesen Zionisten, immer mehr und mehr Gehör und den alten Magid will niemand mehr anhören. Es passierte ihm, dass er oft vereinsamt auf dem Almemor stand und nur für den Schames predigte, der ihm gegenüber sass und schlummerte und für den Rabbiner, der ein grosser Gelehrter zu sein glaubte und überhaupt kein Gewicht auf Predigten legte und auch jetzt in ein Buch hineinschaute. Und auch die Teller wurden immer weniger voll, man warf keine Münzen hinein und dem alten Magid blickte die Zukunft entgegen, in der er seine sechs Predigten „ausverkaufen" und mit dem Bettelsack in die Welt werde hinauswandern müssen. Aber nicht so leicht hat sich der Magid in sein Schicksal gefügt. Sein langer Bart mit den vielen, drinschimmernden weissen Haaren, der ihm das Aussehen eines „Gelehrten" verlieh und sein langer halbseidener Kaftan hielt ihn vor diesem letzten Wege zurück. Er suchte nach anderen Mittela. Das erste Mittel war, eine neue Predigt über Zion um jeden Preis zu erlernen. Er hat schon einige Mal so für sich selbst hin es versucht und in der Stille die Probe zu einer derartigen Predigt gemacht. Aber es wollte nicht gelingen. Erstens fehlten ihm die Worte, über die die neuen Prediger verfügten, zweitens konnte er nicht den gehörigen Ton finden, und drittens hat er selbst an die neue Predigt nicht geglaubt. .. Ihm schien es, dass im Moment, wo er die Tribüne besteigen und die ersten Worte sagen wird, die Zuhörer ihn sofort bei der Lüge ertappen werden, dass sie sofort erkennen werden, dass er selbst nicht daran glaube. Und Verzweiflung und glühender Hass überwältigten ihn. Wenn er nur imstande wäre alle neuen Prediger, diese Zionisten, auszurotten, dass von ihnen kein Andenken mehr bleibe! Aber er fühlte sich ihnen gegenüber so alt, so schwach, so wehrlos. Seine Waffe, die sechs Predigten, ist abgestumpft und er kann sich ihrer nicht mehr zum Kampfe bedienen. Er muss sich aber retten, er muss sich eine Waffe verschaffen! Glücklicherweise hat er erfahren, dass Gott sei dank noch nicht alle Juden von den Zionisten verführt worden sind, dass es noch viele Städtchen gibt, besonders in Polen, wo die Juden sie Ketzer nennen und sie in den Bann legen wollen. Und der alte Magii klammerte sich an die neuen Gemeinden, wie ein Ertrinkender sich an einem Strohhalm festhält, und der Hass, der Zorn gegen die neuen Prediger, die ihm sein Brot vom Munde wegnahmen, verhalfen ihm dazu, eine neue Predigf, die siebente, zu erlernen. Und diese sagte er in vielen Städtchen her, schmähte die neuen Prediger, die Ketzer, welche Ketzerei unter den Juden verbreiten. Oft grämte er sich zwar darüber. Wer weiss, ob er nicht durch diese Predigt jene Welt verlieren werde. Wie? Er spricht doch gegen Palästina, gegen die Ansiedlung von Juden im Heiligen Lande, wo jeder unter seinem Feigenbaum und unter seinem Weinstock sitzen wird und sorgenlos, ohne Kopfzerbrechen, ohne neue Predigten erfinden zu müssen, um das Stücken Brot verdienen zu können, ruhig leben wird. Er beruhigte sich jedoch mit dem Gedanken, dass viele andere Rabbiner auch den Zionisten grollen. Gewiss wissen sie aus dem Talmud, dass die Juden im Golus sein müssen — und er hielt wieder seine Predigt. Aber die siebente Predigt war von kurzer Dauer. Als er einmal in ein Städtchen kam und um Minchazeit den Almemor bestieg, um seine siebente Predigt zu halten, da fühlte er auf einmal, dass die Schul' in Aufregung sei. Er fühlte, dass sein Ende gekommen sei. Die Zuhörer waren mit seiner siebenten Predigt unzufrieden. Und mit einem letzten Rest von Mut, der ihm noch übrig blieb, rief er in einem Tone, in dem er einst über die Hölle zu sprechen pflegte: „Die heutigen Ketzer wollen Messias mit Gewalt bringen, sie tragen weisse Brusthemden, scheren sich den Bart . . . Aber er kam nicht zu Ende. Der Schames ging auf ihn zu und sagte ihm: „Reb Magid, das Publikum verlangt, dass Sie Ihre Rede schliessen." Er wurde bleich, die Zunge erlahmte, mit einem beklommenen Herzen wendete er sich zum Thoraschreine, küsste den Vorhang und schritt niedergedrückt hinunter. Er verliess für immer die alten Predigten — und die neue, die siebente .... Und mit der Zeit verging auch sein Zorn. Er sah ein, dass es doch nicht angehe, dass die Juden im Golus sein sollen und sich hinschlachten lassen, nur damit er sein Brot habe. Er muss zwar noch die jüngste Tochter verheiraten und die Zionisten hätten gut getan, nur noch ein paar Jahre mit den neuen Predigten zu warten. Aber Gott wird gewiss helfen, und die Juden sind trotz der neuen Predigten doch noch ein feines Volk. Wohin er nur hineingeht, weist man ihn nicht ab» Jeder gibt einen Groschen oder eine Kopecke. In einer Hinsicht ist es jetzt sogar noch besser. Früher warf man ihm häufig hinter seinem Rücken in den Teller glatte Münzen hinein, ohne dass, er es wusste, jetzt aber, wenn er selbst in die Häuser kommt, achtet er genau darauf. Und nur selten schiebt man ihm eine glatte Münze unter. Briefkasten. Hr. W. Sp„ Gwozdiec. Bitte die Sache durch den Zionsverein ordnen zu lassen. Wir können solche Angelegenheiten nur nach einem offiziellen Bericht erörtern. Hr. A. Gl., Prag. Diese Erledigung Ihres Auftrages ist natürlich unstatthaft. Wir haben Ihren Brief sofort an den Nationalfonds-Kommissär geleitet.. Gruss. Hr. F. Uscieczko. Wir haben Ihren Brief dem Nationalfonds-Kommissär übergeben. Besten Dank. Hr. W. G., Friedek. Wenden Sie sich an die österr. N.-F.-Kommission, IX., Türkenstrasse 9. Hr. M. Th., Bojan. Dankend abgelehnt. Abonnentin in Finnland F. C. Marken erhalten. Besten Dank. Bitten um weitere Sendung. Degel, Zion, New-York, Basten Dank. Weitere Sendung erbeten. National-Fond-Kommissio n.