Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 flbi$ # W$lt Seite 11 K r ä s a, Wilhelm Le vitus, Emanuel Hecht, Moritz Neu mann, Alois Löwit, Hermann Pollak, Adolf O p 1 a t k a, Simon Körper» Herr Julius B o n d 7 ist als Kultusvorsteher, Herr Berthold Steinreich als 'Tempelvorsteher wiedergewählt. W«lt*®b*o!)ik. Antisemitismus im Judentum. Es wird wohl noch allen die Debatte im ungarischen Reichstag über die Regelung und Abwehr der Einwanderung von rumänischen und galizischen Juden in frischer Erinnerung sein. — Doch nicht genug, dass die Antisemiten die Einwanderung der armen, verfolgten Juden zu erschweren suchen, trachten selbst die Judec, ihre eingewanderten Glaubensgenossen ihrer ohnehin schon geringen Rechte zu berauben. Dahin zielt auch die neueste Statutenänderung der Kultusgemeinde in Budapest. Bisnun galt im allgemeinen den Judecgemeinden folgendes Gesetz betreffs der Aufnahme. »Jeder Israelit ist verpflichtet, sich entweder in die Kultusgemeinde seines Wohnortes oder, falls daselbst keine besteht, sich in jene Gemeinde eintragen zu lassen, zu welcher die anderen Israeliten des Ortes gehören. Die Aufnahme in den Gern ein devei band darf von der Gemeinde nicht verweigert, noch von der Zahlung irgendeiner A u f n ah m s g e b ü h r abhängig gemacht werden." Mit Umgehung dieses Gesetzes hat die Budapester Kultusgemeinde beschlossen, ihre Statuten dahin zu ändern, da?s man eine Aufnahmstaxe von 30—600 Kronen entrichten müsse, um ein vollwertiges, aktives und passives Wahlrecht besitzendes Mitglied der Gemeinde zu werden. Wie das Assimilantenblaft „Egyenlöseg" ganz unverblümt berichtet, ist diese Massregel „gegen Galizien. id est galizische Denkungsart, Zurückgebliebenheit und Unzuverlässigkeit" gerichtet. Es könnte pinst -— so fürchtet das Blatt und mit ihm die Mehrzahl der Mitglieder der Gemein derepräsen tanz — einst der Kaftan im Sitzungssaale der Gemeinde vorherrschen. Freilich imposanter wäre es, wenn das Magnatenkostüm dominieren würde! Natürlich wird diese Massregel ihre Wirkung nicht verfehlen, da die grösstenteils armen Eingewanderten schwerlich eine so hohe Einschreibegebühr werden entrichten können. Fürwahr, die Herren von der jüdischen Gemeinderepräsentanz können den Antisemiten von der Volkspartei brüderlich die Hände reichen! Ein jüdisches Gymnasium soll in Budapest im Anfange des nächsten Schuljahres errichtet werden. Das Gymnasium wird auf ganz moderner Grundlage ftehen. Die Erziehung soll eine streng religiöse sein. Ganz besonderes Gewicht wird auf die hebräische Sprache gelegt werden. Es sind bereits Schritte zur Erlangung des Oeffentlichkeitsrechtes eingeleitet worden. Aus Budapest. (K u 11 u s g e m e i 11 d e i n B u d a p e s t.) Dem „Noyi Srbobran-Zagreb" entnehmen wir, dass am 8. ds. in Budapest eine Konferenz aller jüdischen Kultusgemeinden abgehalten wurde, zu der die Präsidenten der Gemeinden erschienen waren. Auf der Tagesordnung stand die Besprechung aller jüdischen Angelegenheiten, vornehmlich einer Autonomie. Ks wurde unter anderem eine Resolution gefasst. Schritte zu unternehmen, einen Delegierten — wie es die anderen Konfessionen tun, ins Magnatenhaus entsenden zu dürfen. Eine Deputation sprach schon in dieser Angelegenheit heim Ministerpräsidenten, und beim Kultusminister vor, die versprachen, die Sache prüfen und nach Tunlichkeit unterstützen zu wollen. — Es war eine traurige Tatsache, dass das Land, welches der zionistischen Bewegung die genialen. Führer gegeben, aus dessen Boden das Jüdischnationale seine beste Kraft gesogen, dass Ungarn, abgesehen von einigen begeisterten. Streitern, nur wenige Schekelzahler aufweisen konnte. Die Zahl 2000 stand in gar keinem Verhältnisse zur grossen Masse der ungarischen Juden, die mit Leib und Seele an der Tradition hängt und die noch nicht in rasender Selbstzerfleischung gegen das eigene Heiligtum wütet, oder in stumpfer Resignation in den Tag hinein stirbt. Der salbungsvolle Artikelschreiber des ungarischen Organs unserer Juden durfte mit zynischer Verbissenheit allwöchentlich herunterleiern: ,,Gottlob, in Ungarn gibt es keinen Zionismus!" Es ist nun anders. Das alte Zitaten- und Phrasenkrämerjudentum hat sich zutode gelebt. Nur Narren und Kinder finden ihre Erbauung in dieser Drehorgelweisheit. Ein neuer Hauch weht durch unser Land, und Frühling blüht aus den Ruinen. Junge, begeisterte Anhänger unserer Idee haben das jüdischnationale Banner entfaltet, und. von überall strömt das Volk herbei, um für Zion den Treueid zu schwören. Da hilft kein Wegdisputieren mehr und nützt kein Ableugnen, die Tatsache der Existenz des „Z s i d 0 Neplap" spricht Bände. Von den Karpathen bis zur Adria ist der Zionismus das Tagesgespräch . . . Von dem Zermalmen, mit dem der gewaltige Assimilationskämpfer S z ab 0 1 c s i der Redaktion des jungen zionistischen Organs drohte, ist bis heute noch keine Spur vorhanden. Der weckende Morgenruf hat den schweifenden, irrenden Geist in sein Revier zurückgetrieben: Er fischt nach Perlen im Meere des Talmuds. Sonst nichts. Ueber den Zionismus schweigt bis heute: Mordechai Hajehodu . . . Oder wäre seine Uhr wirklich schon abgelaufen? Schade nur, dass es nicht alle von der pompösen Assimilationsgarde einsehen wollen. In der letzten Nummer des „Zsido Neplap" zappelt und rappelt so ein Assimilationsmännlein, dass es nur eine Wonne ist, seine Sprünge durch die jüdische Geschichte zu bewundern. Was hat dieser Mann nicht alles zusammengestoppelt, um etwas logischen Firniss in sein widerspruchsvolles Assimilationsdasein zu bringen. Die zionistische Flut ist ihm über den Kopf gestiegen . . . Heraus kann er nicht, mit will er nicht, so schlägt er verzweifelt um sich und schreit und spuckt. Es wäre schade, wenn die Leser der „Welt" um den prächtigen E-ntrüstuaig&sermon dieses Mannes kämen.*) Er fürchtet das zionistische „Gift". Offenbar hat er eine etwas schwache geistige Konstitution, dieser Professor der Assimilation. Er schreibt: „Der Aegypter Moses und der griechische Philo, der Araber Maimonides wie der Maure Ibn Gabriol, der holländische Spinoza und der deutsche Mendelsohn, in England Montefiore und in Frankreich Cremieux, nicht zu nennen die Löws und die Karmans, die Kohns (Olmütz?) und die Kiss, sie alle haben den Geist der Assimilation in sein Wesen hineingeimpft. Mit verbrecherischer Leichtfertigkeit wolle man nun das Ineinandergehen der ungarischen Nation und der jüdischen Rasse hemmen. Sie wollen, bewusst oder unbewusst, all jene Bande sprengen, die mich zum ungarischen Volke, zum ungarischem Lande knüpfen, und bieten mir statt dessen ein in der Phantasie lebendes Trugland, und eine weder ethnographisch noch historisch rekonstruierbare Volksrasse. Aus dem Busen reissen sie die flammende Begeisterung für Kossuth und Petöfi und wünschen, dass ich schwärme für die „Bar-Koehba" und Moris Rosenfeld. Gegen diese gefährlichen Bestrebungen — seien sie nun latenter Wahnsinn oder bewusste Schlechtigkeit — verwahre ich mich als Ungar und als Jude, und wünsche, dass sie mich und mit mir Hunderttausende Patrioten mosaischer (ägyptischer?) Konfession von diesem langsam wirkenden Gift verschonen, das sie im „Zsido Neplap" und mit dem dort propagierten Zionismus uns reichen." Also sprach der Ungarische Professor mosaischer Konfession, der Nachkomme des grossen Landesrabbiners Mordechai Beriet in Mähren. Neu ist es zwar nicht, aber dafür dumm und verleumderisch. Wir sind nicht überrascht, denn wir kennen diese alte Garde, die sich nicht ergibt, sondern nur andere dazu bringt, dass sie sich — übergeben. Die Subvention der jüdischen Kultusgemeinde Budapest wurde seitens der Kommune von. 40 000 auf 60 000 K erhöht. Dieser Beschluss wurde vom Ministerium des Innern genehmigt. Der Kampf um den Rabbinerposten in Bartha. Dieses ungarische Städtchen ist ein stark besuchter Kurort mit einer Judengemeinde von etwa 800 Köpfen. Diese richteten sich 30 Jahre lang nach den streng" orthodoxen Ansichten von Rabb, Moses Halberstamm, an dessen Regime alle Magyarisierungsversuche und alle angestrebten Reformen in der jüdischen Gemeinde scheiterten. Nun ist er gestorben mit dem Wunsche auf den Lippen, seinen Sohn und Erben seiner Ideen als Nachfolger zu haben. Die Orthodoxen waren damit einverstanden und Hessen letzteren kommen, aber eine starke, reformerische Partei Hess alle Minen springen, um einem ..aufgeklärten Rabbi" den Eingang zu erzwingen. Vorderhand hat diese die Oberhand, aber durch bedauernswerte Mittel da es eine Schande ist, wenn streitende Juden die Staatsgewalt, noch dazu zu Unrecht und Gewalt, anrufen. Die Reformer erklärten ihre Sache als die eines angeblichen Patriotismus, machten dringliche Eingaben an die Regierung, die der ,,Kultur" zu Hilfe kommen sollte und überschwemmte die hauptstädtische Presse mit Artikeln, in denen die Magyarisierung der jüdischen Bevölkerung Barthas als lockender Köder ausgelegt wurde. An. dem Wirken des orthodoxen. Rahbinats Hessen sie kein, gutes Haar und stellten es als zelptisch fanatisches und staatsbürgerlich verwerfliches Regiment dar. Tatsächlich setzten, sich daraufhin die leitenden Kreise in Bewegung. Der junge Halberstamm wurde einfach aus der Stadt verwiesen mit der Begründung, er sei kein ungarischer Staatsbürger. Dass er in Ungarn geboren, war, verschlug nichts! Er war 20 Jahre abwesend gewesen und hatte so das Bürgen echt verloren. Das Gesuch, dass er sich hier niederlassen wolle und einstweilen vom Rabbinatssitze absehe, wurde abgewiesen, da er angeblich kein Vermögen besitzt und *) Wir publizieren, diesen Brief anlässlich der Besprechung des „Zsido Neplap".