Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 „bis * weit" Seite 7 Rabbinerverbande einberufene Delegiertentag der galizischen Gemeinden zur Aufgabe gestellt, wurzelt tief im traurigen sozial-wirtschaftlichen Milieu des Landes, wobei allerdings die arg vernachlässigte Erziehung der jüdischen Mädchen in den kleineren Orbschaften bedeutend ins Gewicht fällt. Insoferne es jüdische Mädchenhändler gibt, werden sie weder gründlichgehalteneEeferate, noch die schönsten Resolutionen aus der Welt schaffen, ebensowenig die von Rabbinern beantragten, über solche Individuen zu verhängenden synagogalen Strafen (Nichtaufrufen zur Thora u. dgl.) zu ernüchtern vermögen. Polizei und Staatsanwalt dürften in solchen Fällen viel wirksamer eingreifen. Istesjedoch einmal festgestellt, dass jüdische Mädchen einen verhältnismässig hohen Prozentsatz der Opfer dieses Schandgewerbes stellen, dann müssen all diejenigen Faktoren, denen die Sache am Herzen liegt, gleich jedem erprobten Arzte bei der Behandlung eines so schwierigen Krankheitsfalles weniger die Symptome, als vielmehr die Ursachen der Krankheit zu erkennen und zu beseitigen trachten. Die grosse räumliche Entfernung, der Mangel eines kontinuierlichen Handin -Handgehens, wie auch die Unkenntnis von Land und Leuten Hessen bis nun alle noch so eifrigen Bestrebungen unserer deutschen Volksgenossen zum Zwecke der wirtschaftlichen und intellektuellen Hebung der jüdischen Massen Galiziens illusorisch erscheinen. Eine wenn auch minimale Initiative behufs Inangriffnahme praktisch-sozialer Hilfstätigkeit verdanken wir dem jüdischen Hilfsvereine in Frankfurt a. M., der im Einvernehmen mit der hiesigen Bne-Brithloge 3 Volkspflegerinnen, nach Galizien entsendet hat. Eine von ihnen hat die Agenden einer Oberin am jüdischen Lazarusspitale übernommen und es wird eine ihrer Hauptaufgaben sein, in nächster Zeit die systematische Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen in Angriff zu nehmen. Hiedurch würde einerseits vielen armen Mädchen ein ebenso ehrenvoller als idealer Lebensberuf eröffnet, andererseits auch einem in jüdischen Kreisen vielfach empfundenen Bedürfnisse Rechnung getragen werden* Die nebst Fr. Nord wald hier weilenden Damen: Frau Pauline Cohn und Frl. Baer, die wir als gesinnungstreue Jüdinnen kennen zu lernen das Vergnügen hatten, halten es vor all^m für angezeigt, mit den auf jüd. humanitärem Gebiete tätigen Personen in Fühlung zu treten, die hiesigen schon bestehenden Institutionen kennen zu lernen, um dann gestützt auf die zu diesem Zwecke in Aussicht gestellten finanziellen Hilfsmittel des Auslandes eine oder mehrere Wohlfahrtseinrichtungen für jüd. Mädchen ins Leben zu rufen. Ein Asyl für mittellose jüd« Frauen und Mädchen und die Errichtung einer jüd. Dienstbotenschule sind die vorläufig ventilierten Pläne, von denen eventuell einer zur Ausführung gelangen würde. Das Projekt einer Dienstbotenschule findet in weiteren jüdischen Kreisen grossen Anklang. Geschickt angefasst, mit genügenden Mitteln vorbereitet und gewissenhaft durchgeführt, könnte es die bisherige Erziehungsweise des weiblichen Proletariats günstig beeinflussen und so manches junge, unerfahrene Geschöpf, das durch Not und böse Einflüsterungen auf schlechte Wege gerät, auf die Bahn eines gesunden, moralischen Lebensweges zurückführen. In dieser Voraussicht begrüssen auch wir Zionisten unsere aus dem Westen gekommenen Stammesschwestern auf das herzlichste und wünschen ihren echt volkstümlichen Bestrebungen vollen Erfolg. Wir zweifeln nicht, dass unsere Gäste bei den massgebenden Faktoren der Gemeinde jene kräftige, moralische Unterstützung finden werden, ohne weiche die Realisierung einer so wichtigen Frage undenkbar erscheint. Ben Z i o n. Aus der Wiener jüdischen Toynbee-Halle. Rechenschaftsbericht des Vorstandes. *) Das dritte Jahr der Wiener Jüdischen Toynbee- Halle reiht sich in Bezug auf angestrengte Tätigkeit und, wie wir ohne Überhebung sagen dürfen, auch in Bezug auf den Erfolg würdig den Vorjahren dieses Institutes an. Das Arbeitsjahr der Toynbee-Halle teilt sich bekanntlich in das Winter- und Sommerhalbjahr. Das erste ist den allabendlichen Vorträgen, das zweite der Abhaltung von Lehrkursen vorbehalten. Auf beiden Gebieten hat die Toynbee-Halle alles das geleistet, was unter den gegebenen Verhältnissen zu erreichen war. Abend für Abend fand ein Vortrag statt. Die verschiedensten Wissensgebiete wurden aufs eifrigste berücksichtigt. An zirka 130 Abenden bemühten sich Vortragende den Besuchern der Toynbee-Halle Belehrung und Erholung zu bieten. Diese 130 Vortragsabende bedeuten aber nicht, daß nur 130 Vorträge stattgefunden haben. Auch das wäre ja eine sehr achtbare Leistung, denn es gibt in ganz Wien kein ähnliches Institut, das auch nur eine annähernd gleiche Anzahl von Vorträgen aufzuweisen hätte. In unserer Toynbee-Halle aber wurde noch mehr geleistet. Die Abende zerfallen nämlich in zwei Teile: Vor und nacti der Teepause. Vor der Teepause fand an den erwähnten 130 Abenden immer ein Vortrag statt. Nach der Teepause gab es zweimal in der Woche ein sogenanntes Halbkonzert — so genannt, weil es nicht den ganzen Abend füllte — und an den anderen vier Abenden wieder Vortrag, auch im zweiten Teil. Es haben im ganzen an 200 Vorträge stattgefunden. Wir haben die Vorträge unter gewisse Rubriken subsumiert, nämlich die Rubriken: Geschichte, Naturwissenschaft, Medizin, Jurisprudenz und verwandte Gebiete, Philosophie (mit zahlreichen Unterabteilungen) und Literatur. Vorlesungen und Debatten mögen für sich kurz besprochen werden. Zur Illustration des Gesagten möge es gestattet sein, einige dieser Vorträge namentlich anzuführen. Aus dem Gebiete der Geschichte: Aus vergangenen Tagen (Geschichte des Mittelalters), Kaiser Josef II. und seine Beziehungen zum Judentum, Kulturbilder aus der jüdischen Vergangenheit, Palästinensische Geschichte, Akiba und seine Zeit, Bar Kochba usw. Medizin und Naturwissenschaft: Über die Chemie der Nahrungs- und Genussmittel, Hygiene des Mundes und der Gebilde des Nasen-, Mund- und Rachenraumes, Hygiene der Zähne, Krankenpflege, Die hauptsächlichsten Krankheiten der jüdischen Rasse, Hygiene des Ohres (ein Zyklus von Vorträgen), Allgemeine Hygiene (ein Zyklus), Ueber Tuberkulose, Pflege und Ernährung des gesunden und kranken Kindes, Der Äther in der modernen Physik, Die Elektrizität im Dienste der Menschheit, Naturwissenschaft im Alltag, usw. Aus dem Gebiete der Jurisprudenz: Österreichische Verfassungsgeschichte (ein 14tägiger Jahreszyklus), Ueber Eisenbahnrecht, Das moderne Strafrecht, Garantien gegen den Justizmord im modernen Strafrecht, Pflichten und Rechte der Geschworenen, Das Heimatrecht, Die Staatsgrundgesetze, Das bürgerliche Gesetz Mosis, Die Bibel als Rechtsbuch, Über Volkswohnungen, usw. Philosophie und verwandte Gebiete: Schopenhauer und das Judentum, Die Einheit Gottes, Die Entstehung des Judentums, Henri Dunant, ein Wohltäter der Menschheit, Die Pflege des kindlichen Geistes, Über *) Aus dem dritten Jahresberichte,