Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 „bis & Welt" Seite 5 bart sich ein alles überragender Rassenstolz, wenn sie uns berichtet von den Fortschritten, die ihre farbigen Frauen gemacht haben, die seit Jahrhunderten geknechtet, unterdrückt und missachtet wurden. Und auch hier lernte ich als Jüdin. Ich sah, wie eine Frau aus einer lange verkannten Rasse auftrat und mit Begeisterung von ihrem Volkstum kündete und von der Liebe zu diesem Volke. — Wo waren wir? Waren wir wirklich tot? Doch nein, wir lebten; zwar nicht vor der grossen Oeffentlichkeit, sondern ganz im geheimen, in einem Hinterstübchen fanden wir uns zusammen, wir jüdischen Frauen. Ein deutsch-israelitischer Frauenbund sollte gegründet werden; der Name fiel und ein jüdischer Frauenbund wurde gegründet. Dieser Bund hat sich die Zusammenfassung aller in Deutschland existierenden jüdischen Frauenvereine zur Aufgabe gemacht. Sie wollen gemeinsam vorgehen und vor allem die Hauptaufgabe der meisten Frauen vereine, das Wohltun, von seinen traditionellen Bahnen in rationelle leiten. Sie wollen auf die religiöse Erziehung der Kinder hinwirken, sie wollen, oder vielmehr sie sollen sich nach den Vorschlägen der einstweiligen Vorsitzenden Fräulein Berta Pappen heim (Frankfurt a. M.) der galizischen Frage und der Bekämpfung des Mädchenhandels annehmen. Die Unterstützung der galizischen Juden allein ist ein Unding; entweder müssen sich die Frauen Deutschlands aller bedrängten Juden, soweit Europa in Frage kommt, annehmen, oder aber ihre Tätigkeit allein auf Deutschland beschränken. Auch die Tatsache, dass sich die Vorsitzende besonders mit der galizischen Frage befasst hat, ändert daran nichts. Ueber kleine Ungeschicklichkeiten und „antisemitische" Aeusseruugen, die in den Versammlungen gefallen sind, wollen wir hinweggehen. Wir wollen sie nicht in weite Kreise hinaustragen und dadurch nicht den Bund von vornherein diskreditieren. Wir wollen nur erwähnen, was tatsächlich geschehen ist, oder besser, was beschlossen ist, dass es geschehen solle. Bis jetzt ist der Bund nur begründet worden, und auch das nicht eigentlich, denn erst in einem Jahre sollen die Delegierten der Bundesvereine zusammenberufen werden, um die Statuten, die bereits jetzt im Entwurf vorliegen, durchzuberaten. Es ist unverständlich, warum diese Vorbereitungen so lange daxiern müssen, und es tut uns im Interesse der Sache leid. Die jüdischen Frauen müssen sich zusammentun, müfsen sich solidarisch erklären allem gegenüber, was ihren Schwestern geschieht. Wir müssen stolze, selbstbewusste Jüdinnen werden und einig sein, vollständig einig! Wir müssen alle Kraft daran setzen, dass dieser Bund etwas wird, worauf wir stolz sein können, dass er alle jüdischen Frauen zu ernster Arbeit in sich vereine. Nur so können wir das weitere grosse Ziel erreichen, die Gründung eines internationalen jüdischen Frauenbundes, der in Wahrheit nur eine Nation vertreten soll. Und wenn wir das erreicht haben werden, dann wird uns ein nächster internationaler Frauenkongress nicht so unvorbereitet finden, wie der diesmalige in Berlin; wir werden unsere Vertreterin zu diesem Kongresse entsenden, damit sie dort als Jüdin auftrete. Sie soll die Wünsche und Ziele der jüdischen Frauenbewegung vorbringen, sie soll vor einem internationalen Frauenpublikum die Tragödie der jüdischen Frau enthüllen und das Gewissen der Welt aufrütteln aus angenehmen Schlaf und fahrläsiger Vergesslichkeit. Dann wird der jüdische Frauenbund seine Aufgabe gelöst haben, dann wird auch er Anteil haben an dem grossen Werk der Wiedererhebung unseres Volkes! Lisbeth Feitelberg. Die Revision des Dreyfuss-Prozesses* Die Untersuchung der Kriminalkammer des Kassationshofes zur Revision des Dreyfuss- Prozesses geht ihrem Ende entgegen und dürfte in den ersten Tagen des Juli abgeschlossen werden. Nur wenn Esterhazy und Cernucki der Vorladung des Kassationshofes Folge leisten sollten, würde eine Verzögerung um eine Woche eintreten. Esterhazy und Cernucki halten sich in London auf. Die Vorladung wurde ihnen durch das französische Konsulat übermittelt. Sie haben bisher nicht geantwortet. In den letzten Tagen verhörte die Kriminalkammer den ehemaligen österreichischen Offizier Przyborowsky, welcher mit Cernucki in Verbindung gestanden ist. „N. Fr. Pr/ Oesterreichisch-zionistische Verbandskonferenz* Am 19. Juni d. J, fand an Stelle des heuer ausfallenden österreichisch-zionistischen Parteitages die Verbandskonferenz des österr.-zion. Landeskomitees und der Distriktskomitees in Wien statt. Dem Rufe des Landeskomitees hatten die Distrikte von ßöhmerj, Innerösterreich, Mähren- Schlesien, Westgalizien (Krakau) und Ostgalizien (Lemberg) Folge geleistet. Hauptzweck der Tagung war die Regelung der Finanzen und die Entscheidung in wichtigen Organisationsfragen. Das Statut der österreichischen Organisation fasst nämlich viele Nachteile in sich, die sich zum grössten Teile aus den Verhältnissen der österreichischen Judenheit erklären. Die Verschiedenheit der geistigen und materiellen Lage, der politischen und nicht zuletzt der sprachlichen Verhältnisse unter den Juden Oesterreichs hat eine weitgehende Dezentralisation der Arbeit zur Folge gehabt, die sich aber als ungünstig erwiesen hat. Denn dadurch wurde ein überaus komplizierter Apparat geschaffen, der die ohnedies geringen Mittel der Partei verschlingt, ohne dass dafür ein entsprechender Gegenwert an Arbeit geboten werden könnte. Diese Zustände wirken entschieden hemmend auf die Entwicklung der zionistischen Bewegung in Oesterreich und eine Abänderung ist dringend zu wünschen, wenngleich sich der Lösung dieser Frage unverkennbare Schwierigkeiten entgegenstellen. In seinem Berichte über die Tätigkeit des L.-K. im verflossenen Arbeitsjahre wies der Vorsitzende Dr. L.Kre nberger auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus der mangelhaften Organisation ergeben haben. Diese, sowie die Zusammensetzung des L.-K. haben zur Folge gehabt, dass sich dasselbe agitatorisch nur wenig betätigen konnte. Trotz der geringen Mittel, von denen ein grosser Teil von den Distriktskomitees verausgabt wurde, habe sich das L.-K. bemüht, zu leisten, was im Bereiche der Möglichkeit lag. Unter den Kommissionen sei besonders die Tätigkeit der Nationalfonds-Kommission hervorzuheben, deren mühevolle Arbeit schöne Resultate gezeitigt habe. Die Wirtschaftskommission hat ihre Arbeit vorderhand auf Wien beschränkt. Unter anderem hat sie eine Lektionen Vermittlung für unsere mittellosen Studenten geschaffen, die bereits ziemlich gut funktioniert. Weiters wurde ein Geschäftsunternehmen „Zion* gegründet, das sieh mit dem Vertriebe aller Zionistika befasst. Es ist zu hoffen, dass durch den Ertrag dieses Unternehmens für die Organisation eine materielle Kräftigung erwachsen und zugleich die Propaganda eine starke Förderung erfahren wird. Auch die Kulturkommission hat sich zunächst mit Wiener Angelegenheiten befasst. Unteranderem hat sie hebräische Sprach- und Literaturkurse eingerichtet, an denen sich leider nur die Mädchen vereine eifrig beteiligen. Gegenwärtig steht die Kommission wegen Uebernahme einer Schule in Unterhandlungen, Die politische