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Die Welt · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite i „bis & Weit11 Nr. 26 waltig grosser Erfolg, während wir gar nicht genug erfreut sein können, dass dieser elenden Assimilationssucht wenigstens nicht alle jüdischen Schul-Lehrer zum Opfer gefallen sind. Denn die vielen Privatschulen in den kleinen Städten, nicht minder wie in Berlin, die von dem reichen Schulgelde der jüdischen Schüler und Schülerinnen zehren, stellen weder jüdische Lehrkräfte an. ncch denken sie je daran, die Gefühle der jüdischen Zöglinge zu schonen. Ist es doch bekannt, dass sie sich vielfach für die berufenen Vertreter der Judenmission in partibus inlidelium — in diesem Falle im Gebiete der zu vertrauensseligen jüdischen Eltern — ansehen. Darum und noch aus vielen anderen Giünden haben wir Juden am allerwenigsten Veranlassung uns an dem frisch-fröhlichen Kampfe gegen den nationalliberalen Schulantrag zu beteiligen. Zwar glauben wir nicht an so vid Gerechtigkeit, dass man auch uns Juden unsere jüdische Schule wiedergeben wird, die uns gerade durch die Simultan. - schule der Nationalliberalen genommen worden ist. Die Klausel, dass dort Simultanschulen weiter offen gehalten werden sollen, wo das nationale Interesse es erfordert, gibt zu sehr die Möglichkeit, dass nach wie vor die jüdischen Schulen und die jüdischen Lehrer dem „nationalen" Interesse der Deutschen wie der Polen geopfert werden sollen. Wir haben aber kein Interesse, gegen den Schulantrag aufzutreten. Denn wenn wir auch für uns keine konfessionelle Schule, sondern eine jüdische Schule wünschen, in der unsere Kinder unsere hebräische Sprache und unsere jüdische Geschichte lernen, so ist doch immer eher die Möglichkeit dazu auf Grund des Schulkompromisses gegeben, als auf dem Boden der Simultanschule., die nie jüdisch und stets christlich, wenn auch nicht gerade evangelisch oder katholisch ist. Die Simultanschule war die Konipromissschule, die im Kulturkampf geschaffen wurde, um Katholiken und Protestanten zu befriedigen. Ihre Kosten haben die Juden getragen. Jetzt wollen wir uns nicht für sie in das Feuer stürzen, denn sie hat am allermeisten zu dem Brande im Judentum mit beigetragen. Aber wir wollen dahin arbeiten, dass bei dem neuen Schulgesetze auch, die Möglichkeit gegeben wird, die jüdische Schule wüeder aufzubauen, die man uns um der schönen Prinzipien eines dogmatischen Liberalismus willen ieider zerstört hat. Heinrich Sachse. Was mich der Internationale Frauenkongress in Berlin gelehrt hat. In der vergangenen Woche fand in Berlin der Internationale Frauenkongress statt. Er zeigte ein überaus reichhaltiges Programm. In vier Sektionen a) Frauenbildung, b) Frauenerwerb, cj soziale Einrichtungen und Bestrebungen und d) die rechtliche Stellung der Frau wurde uns das grosse Bild der Befreiung der Frau, der Ernanzipierung des Weibes von alten Vorurteilen vor Augen geführt. Ernste Arbeit offenbarte sich dort, grosses Können, tiefes Wissen, vor allem aber ein eiserner Wille. Dieser Befreiungskampf eines seit Jahrtausenden bedrückten Geschlechtes, erinneit er nicht unwillkürlich an unseren Befreiungskampf? Und in mehr als einer Beziehung könnten wir von den Frauen, dem schwachen Geschlechte, aus diesem ihren Kampfe lernen! Sie alle haben ihr Ziel unverrückbar im Auge und beseelt von ihrem Ideal haben sie den festen Willen und die sichere Hoffnung dereinst zu siegen, wenn auch nicht für sich, aber bestimmt für die kommenden freieren und darum besseren Frauen. Aber nicht nur ihre Kampfesart war lehrreich für ur<s! Wir konnten dort auch vieles lernen, was nicht auf dem Programm stand, das aber für die Jüdin, die ja leider gewöhnt ist zwischen den Zeilen zu lesen, das Lehrreichste war. Wir konnten dort erfahren, dass diese befreiten und befreienden Frauen nichts, absolut nichts wissen von einer unterdrückten jüdischen Frau, dass sie alle wissen von dem Elend der Arbeiterinnen, von ihren oft unerträglich schweren Daseinsbedingungen! Aber keine schien zu wissen, dass gerade den Jüdinnen nur ihres Judentums wegen allzuoft Schwierigkeiten in den Weg gestellt werden, die sie verhindern, das erstrebte Ziel zu erreichen, auf das sie sich eventuell jahrelang vorbereitet haben und zu dessen Ausübung sie ebenso befähigt sind wie ihre glücklicheren Mitbewohnerinnen, ja die sie unter Umständen an Können weit überragen. Nur zwei Beispiele möchte ich anführen. Die Gewerbeinspektion liegt bereits jetzt vielfach in Händen der Frauen, besonders da, wo es sich um Betriebe handelt, die zum überwiegenden Teile weibliche Arbeiterinnen beschäftigen. Ich selbst kenne Jüdinnen, die, obgleich sie dasselbe volkswirtschaftliche Wissen wie ihre Kolleginnen besitzen, eine solche Stellung nicht erreichen können einzig und allein deswegen, weil sie Jüdinnen sind. Mein zweites Beispiel, die Zurücksetzung der jüdischen Lehrerin, brauche ich nicht des näheren zu beleuchten. Es handelt sich hier um allgemein bekannte Tatsachen! Aber alle diese Jüdinnen schwiegen, warum sollte dann etwa eine christliche Frau sich veranlasst gesehen haben, diese Zurücksetzungen vor die Oeff-ntlichkeit des Kongresses zu bringen! Alle diese Frauen aus aller Herren Länder haben dieses Gebiet der internationalen und konfessionslosen Frauenbewegung einfach übersehen. Unter anderem sprach eine hochgebildete, glänzende Rednerin von der christlichen Ethik, der die Frauenbewegung dereinst zum Ziele verhelfen werde. Und die grosse Anzahl Jüdinnen, die regen Anteil an der Frauenbewegung nehmen, wollen auch sie die christliche Ethik? Ich fürchte, sie wissen so wenig von der jüdischen Ethik, dass sie nur allzugern sich in den Dienst der christlichen Bewegung stellen. Auf allen Gebieten des Wissens und Erkennens haben sich diese Jüdinnen umgesehen, wissen sie auch etwas von der jüdischen Literatur, von jüdischer Kunst und jüdischem Geistesleben! Ich fürchte — nein. Diese Jüdinnen treten mit aller Energie für die Verbesserung der Lage der Fabrik- und Heimarbeiterinnen, für ein menschenwürdiges Dasein der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen ein. Aber ist ihnen schon jemals der Gedanke aufgetaucht, dass es hunderttausende jüdischer Frauen gibt, die sehr wohl die Gaben und Fähigkeiten haben, etwas zu lernen und einen Beruf zu ergreifen, f-ich zu emanzipieren aus der Nacht der Unwissenheit und Gebundenheit, denen aber jede Möglichkeit dazu fehlt uncj für die sich in ihrem Lande nicht eine Person finden wird, die für ihre Befreiung eintritt, wenn sie selbst sich nicht helfen! In einer Kongressvoi Sammlung, die sich das Thema gestellt hatte, „das Verhältnis der Frauenbewegung zu den politischen und konfessionellen Paiteien", wurde über alle Konfessionen gesprochen und allen der gleiche Anteil an der Frauenbewegung zugesprochen, nur eine hatten sie vergessen, diese stolze Amerikanerin und diese hochgebildete Deutsche__die jüdische. Es scheint also, wir sind wirklich tot: man weiss nichts mehr von uns. Warum weiss man aber von uns, wenn es sich darum handelt, den Anstalten und Stiftungen dieser Frauen Mittel zu verschaffen! Und die Jüdinnen in der Frauenbewegung — sie alle haben uns vergessen, vor allem aber sich selbst. Eine Abendsitzung! Auf der Rednerbühne steht die Ehrenpräsidentin des Nationalvereines der larbigen Frauen in den Vereinigten Staaten, die in glänzendem Deutsch von der Befreiung ihrer Rasse berichtet. In jedem Worte offen-

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