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Die Welt · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 „bie & w^it" Seite 3 sehen Ackerbauer ja den Gouvernement Cherson und Jekaterinoslaw ergriffen. Der Grund hierfür liegt darin, dass viele jüdische Familien im Laufe der Jahre bedeutend grösser wurden, während das ihnen vor 50 Jahren zugewiesene Areale dasselbe geblieben ist und die Bedürfnisse aller nicht befriedigen kann. Die Regierung will die neuen Familien nicht mit Grund und Boden versehen, so dass sie sich genötigt sehen, auszuwandern. Vor ihrem endgiltigen Beschlüsse, auszuwandern, hatten die jüdischen Ackerbauer nochmals den Versuch gemacht, die Cherson-Bessarabische Ackerbauverwaltung zu bewegen, ihnen Grund und Boden zuzuweisen, aber dieser Versuch scheiterte gleich allen anderen. Die Auswanderer wollen nach Nordamerika und Argentinien. Luginy (Bezirk öwrutsch). Dieses grösste jüdische Städtchen im Bezirke Öwrutsch wurde am 8. d. M., wie die „Nowosti" melden, von einer Feuersbrunst gänzlich eingeäschert. Die Notlage der Jaden ist unbeschreiblich. Das Blatt schildert diese Lage mit folgenden erschütternden Worten: Das Weinen und das Jammern der hungerigen und nackten Kinder und Erwachsenen bedrücken das Herz und lassen sich gar nicht beschreiben. Der Gouverneur von Wolbynien hat ein Komitee zur Sammlung von Spenden eingesetzt. An der Spitze des Komitees steht der Untersuchungsrichter. Auch die Stadt Minsk ist von einer schweren Feuersbrunst heimgesucht worden, über deren Folgen wir noch berichten werden. In Bobruisk ist die jüdische Handwerkerschule völlig niedergebrannt. Die sogenannte „Brandsaisonu der namentlich jüdischen Städte in Russland hat sich nun eingestellt, um die kritische Lage der Juden im Zarenreiche noch zu verschlechtern.. Gt. Schuikompromiss und KompromissschuSe/) In der politischen Welt Preussens steht heute der Schulkompromissantrag der uationalliberalen Partei, — denn als solchen darf man ihn füglich bezeichnen — im Vordergründe des Interesses. Die jüdische Oi ffVntlichkeit bat sich bisher kaum mit diesem Antrage beschäftigt und doch soll er nicht zum wenigsten auf die jüdischen Schuiverhältnisse zurückwirken, wenn auch den Antragstellern an den Juden ebenso im freundschaftlichen wie im feindlichen Sinne recht, herzlich wenig liegt. Und auch dadurch kommen die Antragsteller uns gewiss nicht näher, dass Leute unter ihnen in erster Linie sind, die dem Antisemitismus dadurch eine tatsächliche Anerkennung zuteil werden Hessen, dass sie aus unserm Lager den vorteilhaften breiten Weg zu der Mehrheit der anderen gefunden haber. Die Simultanschule gilt im allgemeinen als eine speziell den Juden zu gute kommende Einrichtung. Es ist das selbstverständlich bri einer Auffassung, die die Lösung der Judenfrage im den Juden günstigen Sinne durch Verminderung der konfessionellen Eigei.heiten aller Bekenntnisse sucht. Wer über diese Dogmatik des Berliner Tagblattes und der mit ihm verschwistei ten Reformgei, ossenschaft hinauszublicken veimag, wird freilich zweifeln, ob die Judenfrage dadu?ch zu lösen sei, dass die Religion des idealen Wertes entkleidet zu einem Marktartikel wird, den man nach Belieben vertauschen und handeln kann. Ohne uns selbst auf irgend einen religiösen oder unreligiösen Standpunkt zu stellen, müssen wir feststeilen, dass der nie das Wesen der Judenfrage erfasst hat, der in der Judenfrage ein religiöses Problem sieht, das man aus der Weit schaffen kann, indem man aller Religion gegenüber mög- +) In Preussen ist der Kampf um die Simultanschule wieder heftig entbrannt. In der „Jüdischen Rundschau" wird dazu im obig-jn Artikel von zionistischer Seite Stellung genominen. Die Red. liehst feindlich oder wenigstens wurstig auftritt. Wer so die Judenfrage lösen will, gehört zu Kastan--ins Panoptikum und kann sich für Geld sehen lassen. Aber noch vor 30 und 20 Jahren glaubte man auf diese Weise alles Heil für die Juden kommen zu sehen, und als die Simultanschulen eingeführt wurden, da gab es ein Weitlaufen unter den jüdischen Gemeinden, ihre Volksschulen in Simultan schulen umwandeln zu lassen. Das Muster gaben dazu jene jüdischen „ Wohltäter", die bei ihren reichen Legaten dafür sorgten, dass Juden, „ohne Unterschied der Konfession" dauernd von den Wohltaten ausgeschlossen bleiben. Das Muster waren ferner solche Anstalten wie das Philanthropin und die Jacobsohnschule, die als jüdische Schulen gelten und deren ganzer ausschliesslicher Zweck es war und zum Teil noch ist, die jüdischen Zöglinge allmählich aus dem Judentum herauszuführen, während sorgsam dafür gesorgt wird, dass die christlichen Schüler nicht etwa in ihrem Glauben lau werden können. Man glaubte mit-der Forderung der liberalen Parteien nach der Simultan schule wer weiss wie sehr der faktischen Gleichberechtigung;näher zu kommen, um so mehr, als die jüdischen Gemeindeführer ja bei uns jener Klasse angehören, bei denen Vermögen an Geld und Gut und Besitz an jüdischem Interesse und Gefühl im umgekehrt proportionalen Verhältnisse zu einander stehe*. Wo jüdische Volksschulen existierten, wurden sie zum allergrössten Teile in Simultanschulen umgewandelt und damit jener Zustand geschaffen, durch den vor allem der jüdische Lehrerstand, an dem ja dem reichen Gemeindevorsteher und dem nicht minder reichen Repräsentanten nichts, garniehts gelegen war, ins Proletariat herabgezvvungen wurde. Und wo wider den Willen der Juden die Regierung ihnen die Wohltat zuteil werden Hess, die jüdische Volksschule zu erhalten, da standen die Lehrer unter dem alleinseligmachenden Einflüsse der von der Simultanschule ausgehenden Stiömung und gaben sich in der jüdischen Schule redliche Mühe, möglichst simuitan die jüdischen Kinder mit dem Geiste und dem Wissen des Judentums nicht bekannt zu machen. Schreiber dieses kennt eine solche Volksschule in einer Posenschen Stadt, wo der Herr Lehrer, dessen Schule freilich auch sonst rocht schlecht ist, den sogenannten Religionsunterricht buchstäblich dazu benutzt, sich über das Judentum in einer Weise lustig zu machen, es zu verhöhnen und zu verspotte!!!, dass er seine konservativen Familien angehörigen Schüler und Schülerinnen aufs tiefste in ihrer jugendlichen Seele verletzt. Aber das ist wohl eine Ausnahme. Im allgemeinen kann man ohne weiteres feststellen, dass, wo jüdische Volksschulen roch übrig geblieben sind, auch mehr jüdischer Geist und mehr Gefühl vorhanden ist, dass wir heute vor der grossen Frage stehen, ob die' jüdische Schule denn auch eine Zukunft haben soll. Es ist interessant, dass z. B. aus Lissa, wo eine jüdische Schule ist, die pädagogisch und in jüdischer Beziehung Besseres als die meisten ähnlichen Anstalten leistet, eine sehr grosse Zahl tüchtiger Zionismen hervorgegangen ist. Es ist ein Es fordernis des dogmatischen Liberalismus ü b e r a 1L d i *» Sim u 11 an sc h u 1 e e i n zu tu h r en s 13 i es E r fo r d ein i s i s t aber nicht zur Staatsmaxime geworden. Vielmehr haben bisher nur die Juden ihre Schulen aufgegeben, um sie in Simultanschulen verwandeln zu hissen. Da man zugleich die jüdischen Lehrer bis auf eine ganz geringe Zahl aus ihnen verdrängt hat, so hat man zugleich damit den jüdischen Lehrerstand auf eine entsetzlich niedrige soziale Stufe herabgediückt und andererseits in Wahrheit gar nicht eine konfessionslose, sondern eine christlich-konfessionelle Schule für die jüdische Jugend geschaffen. Das war freilich im- Sinne der Zeitung von und für getaufte Juden, die als das führende Blatt der deutschen Juxenheit gilt, ein ge-

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