Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Di* & Welt" Nr. 26 und Seins — wenigstens im Reiche der menschlichen Handlungen — liegen Willen sei emente. Nicht bewusst gewollte Handlungen, sondern unbewusste, instinktive. Die Sonnenblume strebt zum Lichte, das Volk zum Leben. Und wenn es gesund ist, kann es unmöglich sein Leben in Frage stellen. Und ist das jüdische Volk krank? Oder sind wir es nur, wir Intelligenten? Sind etwa die jüdischen Intelligenten die wirklichen Volksvertreter? Kann ein gesundes Volk durch eine kranke Intelligenz vertreten, geleitet werden? Ich will keine dogmatische Antwort geben, ich will diese Frage weder verneinen, noch bejahen. Es gibt ja Momente, in denen die Intelligenz wirklich das Volk vertritt. Aber bei uns Juden, in der gegebenen Zeit, ist es kaum der Fall. Diejenige geistige Klasse, die Elite des Volkes, welche man mit dem Namen „Intelligenz" bezeichnet, ist nicht volkstümlich, hat eine zerfahrene Erziehung genossen und hat darum auch keine innere, tiefere Fühlung mit dem Volke, keine ganze, gesunde Seelen Stimmung. Unsere Intelligenz ist deklassiert und diese Klasse der „Deklassierten" ist immer diejenige, die die Zerrissenheit, den Schmerz, die Sehnsucht in das Leben des Volkes hineinbringt. Und es ist auch gut. Zweifel und Schmerz sind süss und nützlich, wenn man nur mit ihnen nicht kokettiert. Fragen wir, zweifeln wir, forschen wir, dringen wir immer tiefer in unser eigenes Wesen, aber ernst. Auch Selbstkasteiung ist eine Wonne, aber nur dann, wenn sie nicht Selbstzweck wird, sondern Mittel, um zur höheren Erkenntnisstufe, zu der eines Buddha oder eines Jogi zu gelangen. Aber vergessen wir bei dieser tiefen Analyse nicht, dass wir eigentlich mit dem reellen, tatsächlichen Leben wenig zu tun haben, dass unsere Probleme und Lösungen kein Haarbreit das Leben unseres Volkes weiter fördern werden. Je tiefer eine gesellschaftliche Frage wird, desto intensiver beginnt sie die einzelne Persönlichkeit zu beschäftigen. Sie nimmt ausser ihrer gesellschaftlichen auch eine individuelle Seite an. Und unsere Probleme, die der Intelligenz, sind doch nur individueller Natur, ein Ausfluss unserer Persönlichkeit. Sind wir krank — wir Intelligenten — erklären wir es, gestehen wir es uns, wollen wir nicht diesen unseren Zustand als den normalen ansehen, steigen wir in dieser . Beziehung zum Volke hinab, schöpfen wir aus diesem unverwüstlichen Bronnen der Lebenskraft — Willen und Kraft zum Leben. Denn krank sind wir, wir Suchenden. Wie Träumer gehen wir, suchen, tappen umher, eilen unserem Sterne, der uns von der Ferne entgegenblinkt, nach, wollen ihn erreichen, und sind uns der grossen Entfernung bewusst, der schweren Arbeit. Und wenn wir auf dem Wege Leute begegnen, die ebenfalls suchen und dem ersten besten Irrwische folgen, ihren Himmel so niedrig, ihren Stern scheinbar zum Greifen nahe sehen, dann müssen wir lachen. Wie naiv sind doch die meisten Leute! . . . Da steht so einer und meint die Wahrheit enthüllt zu haben, während er nur einen Schatten ihres Schattens sah. Da stehen Juden jetzt in aller Herren Ländern und spüren, dass die Zeit gekommen sei, in der ihr Leben eine bedeutende Wendung annehmen werde, an einem Scheidewege stehe. Sie ahnen vielleicht, dass der Moment gross sei, aber sie sind zu klein, zu kurzsichtig. Kleine Menschen —- kleine Ausblicke., . . A. Cor alnik. Aus Russland. Petersburg. Die ökonomisch-industrielle Krise, welche gegenwärtig in Russland herrscht, hat nach den Berichten russischer Blätter besonders verhängnisvoll auf die Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter gewirkt. In Warschau herrscht unter den jüdischen Handwerkern und Arbeitern, wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik" selbst konstatiert, tiefe Niedergeschlagenheit, weil die Arbeitslosigkeit an Umfang immer zunimmt. Die Schuhfabrikation in Warschau bildete bisher einen reichen Industriezweig, welcher tausende von Handwerkern und Arbeitern ernährte. Nunmehr ist die Fabrikation so zurückgegangen, dass viele Fabriken geschlossen und zahlreiche Handwerker entlassen werden mussten. Bis jetzt arbeiteten in den Warschauer Schuhfabriken 1000 Zuschneider, jetzt beträgt ihre Zahl nur 150; die Zahl der Schuhmeister und Gesellen in den Fabriken betrug bis jetzt 1200, jetzt beträgt sie nur 165; die Zahl der Halbschuhmacher belief sich früher auf 800, jetzt beträgt sie nur 60. Derartige Erscheinungen sind auch auf allen Gebieten der Industrie und des Handels zu konstatieren. In Lodz haben alle Fabriken ihre Produktion auf ein Minimum reduziert und dadurch wurden unzählige Arbeiter brotlos. Der jüdische Hilfsverein wird täglich von hunderten von unglücklichen Arbeitern förmlich gestürmt, aber die Mittel des Vereines sind derart winzig, dass die Unglückliehen meistens unbefriedigt abziehen müssen. Nur für die brotlosen Weber sind die Fabrikanten eingetreten, und zwar drückte sich ihre Hilfe darin aus, dass sie den Webern freien Mittagstisch in der Volksküche gewährten. In Wilna herrscht, wie der „Wilenskij Wjestnik" meldet, unter den Juden grosse Not. Wohl wurden Arbeitshäuser organisiert, welche sogar vom Gouverneur von Wilna, Grafen P ahle n, gefördert werden, aber die Lage der Brotlosen hat sich leider nicht gebessert. Petersburg. Die Zahl der jüdischen Aerzte, welche nach dem Kriegsschauplatze geschickt werden, vermehrt sich täglich in verblüffender Progression. In Kiew wurden anfangs dieser Woche neuerlich 30 Aerzte zur aktiven Armee beordert, darunter 26 Juden. Aus Kowno reisten anfangs Juni noch 3, aus Riga noch 11, aus Wilna noch 2, aus Jelisabethgrad noch 5, aus Minsk noch 4, aus Stolbzy noch 3 jüdische Aerzte nach der Mandschurei ab. Auch viele Zionisten, darunter der bekannte Arzt und Schriftsteller Dr. Schljaposchnikow aus Charkow wurden nach dem Kriegsschauplatze beordert und befinden sich bereits daselbst. Petersburg. Der Kassationshof in Zivilangelegenheiten verhandelte Ende Mai über die Schadenersatzklage, welche die während der Juden exzesse in Kischinew beraubten und geplünderten Juden gegen den ehemaligen Gouverneur v. R a a b e n, den Vizegouverneur U s t r u g o w, die Polizeichefs Lutschinskij und Makedonow erhoben haben, welche durch ihre Untätigkeit die Exzesse geduldet und gefördert haben. Der Senat wies sämtliche Klagen ab. Ljublin. Wie der „Warschawskij Dnewnik" meldet, wurde im Städtchen Zolkowo in seiner Wohnung der ehemalige Rabbiner des Bezirkes von' Zolkowo H. T o p e 1 durch einen Schuss, welcher durch das Fenster eindrang, getötet. Der Täter wurde bis jetzt nicht eruiert. T o p e 1 hinterlässt eine Witwe und vier unmündige Kinder. Er stand erst im 40. Lebensjahre. Hornel. Der hiesige jüdische Hilfsverein publiziert, wie die „Nowosti" melden, seinen Rechenschaftsbericht für das abgelaufene Jahr 1903. Der Verein hat die Aufgabe, die in Not geratenen Juden vor Bettelei zu schützen, arme Juden mit Holz zu versehen, ärztlichen Nachtdienst zu unterhalten, Vorschüsse ohne Zinsen zu geben und die jüdische Volksküche zu erhalten. Wie gross die Armut unter den Juden in Hornel sein muss, geht daraus hervor, dass der Verein im Berichtejahre den Betrag von 100,000 Rubeln verausgabte. Cherson. Wie die ^Orlowskija Nowosti* melden, hat die Auswanderungsbewegung in letzter Zeit auch die jüdi-