Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316099--45833-3340659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 „bi$ * W^lt" Nr. 25 sammen. Schon die beiden Titel schlingen ein unzerreissbares, kulturhistorisches Band um die beiden Werke. „Die Juden" sind ein erschütterndes Bild der Zustände in der jüdischen Intelligenz Russlands in dramatischer Form, und ihr Verfasser ist Eugen T s c h i r i k o \v. „Die Parias" sind eine Prosa-Erzählung aus dem Leben rmssicher Juden von S. Juschk e w i t s c h. Beide Autoren kennen das Leben unseres Volkes im russischen Exil bis in die feinsten oder, besser gesagt, bis in die tiefsten Verzweigungen seines Leidens. Beide haben ein grosses, heissblutendes Herz für unser Volk. Erinnert die Art Tschirikows an die dramatische Darstellung Gorkis im „Nachtasyl", so ist Juschkewitsch ersichtlich ein Schüler des grossen Tolstoi. Aber die Gleichheit der Auffassung von der politischen, ethischen und kulturellen iVUssion des Judentums, die sicn bis auf die Individualisierung und Personifizierung dieser Ideen erstreckt, so dass gleiche Figuren in den Werken auftreten, beweist, mit welchem gewaltigen geistigen Inhalte, mit welcher wirksamen geistigen Kraft der Zionismus die Intelligenz des russischen Judentums erfüllt hat. In beiden Büchern hat der Zionismus aber innerhalb des Judentums Kämpfe zu bestehen, die er nach echt tragischem Muster siegreich besteht, während seine Helden für ihn Blutzeugnis ablegen. Der Gegner oder richtiger Mitbewerber um die Massen russischer Juden ist der Sozialismus, der die nationalen und urheimatlichen Momente ausschaltet und das Ende der Leiden unseres Volkes auf die allgemeine Menschheitsbeglückung hinausschiebt. In den durchwegs schwärmerisch und sentimental angelegten Naturen der gedrückten russischen Juden findet eine solche Lehre naturgemäss einen günstigen Boden, und die tausendfachen Fäden, welche unser Volk mit denjenigen Völkern verbindet, die ihm auch nur die bescheidenste Gastfreundschaft gewähren, unterstützen die Lehne, <": die Verheissung des Judentums in die Verheissung der ganzen Menschheit aufgehen lassen will. Aber beide Autoren verstehen es musterhaft, der tiefen Poesie Ausdruck zu verleihen, die aus einer wie aus weiter Ferne, aber deutlich hörbar, mitklingenden Sehnsucht der Juden nach der geliebten Heimat strömt. Es ist eine wunderbare Erscheinung im Leben der Einzelnen wie der Völker, dass gewisse rmassen unter der Schwelle des Bewusstseins, wie aus einem früheren, versunkenen Leben, Vorstellungen, Gefühle, ja sogar Gedanken schlummern, deren Vorhandensein nur historisch zu erklären ist. Man sagt dann: Es liegt im Blute. Die Sehnsucht der Juden aber nach der Heimat braucht, wie beide Autoren clheutlich zeigen, keine Erklärung durch verborgene atavistische Empfindung. Sie ist da, sie klingt mit, sie übt wunderbare Wirkung. Aber oberhalb der Schwelle des Bewusstseins, der Welt des Wesentlichen, des Tatsächlichen, des Gemeinen lag der starke, zwingende Antrieb für uns Juden insbesondere in Russland, nach der lang entbehrten Heimat uns zurückzusehnen, der Fahne des Zionismus zu folgen. Die beiden Werke sind ihrer Handlung nach auf die furchtbaren Verfolgungen und blutigen Metzeleien zugespitzt, unter denen das Judentum zu leiden hat. Beide Geschichten ersticken in einem Blutbade. Die ganze Stimmung des Dramas wie des Romans beherrscht die dumpfe, fast resignierte Todesangst der hilflosen, verhetzten, verhöhnten und gewissermassen unter dem Mordmesser dahinlebenden Juden. Diese Bücher, in denen kein Racheschrei ertönt, sondern nur ein Wehruf oder besser, ein Mahnruf, mit allen Kräften der Heimat zuzustreben, sind dennoch furchtbare Anklagen gegen die entsetzlichen Folgen barbarischer Rückständigkeit in den irregeführten Massen. Während Tschirikow in seinen „Juden" mehr ein Drama der zionistischen Propaganda gedacht hat, das erst im Schlussakte zu starkem dramatischem Affekte ansteigt, hat Juschkewitsch ein mit grosser Liebe ins kleinste Detail ausgeführtes Kulturbild des Lebens der russischen Juden in der Vorstadt der Grossstädte des Ansiedlungsrayons geliefert und gezeigt, wie die Juden dort zermürbt und zermalmt werden, auch wenn, man sie zufällig nicht dahinschlachtet. Der Zionismus allein ist die einzige Hoffnung auch dieser Elendsten aller Elendsten und der arme totkranke Daniel, der weiss, dass er das Land seiner Väter nicht mehr sehen wird, spricht aus dem Herzen aller, wenn er sagt: ..Abraham . . . Moses . . . Herzl . . . Das heisst: Die Juden . . der Weg aus der Knechtschaft . . . der Weg nach Hause.'1 O. R. Feuilleton. Wer tst eigentlich der Äeltere? V e r s o n e n : Ein 5;>jii liriger, würdevoll aussehender Herr von unverkennbar germanischem Habitus und ein 23jäh rigor junger Mann mit „spezifisch jüdischem Typus"'.' Zeit: Zeitalter der Vererbungstheorie. 0 r t: Ein Eisenbahnkoupee II. Klasse. I) e r A e 1 t e r e (im Tone beträchtlicher Gereiztheit) : Aus der Art, wie Sie über die Hassen fragen sprechen, hört man deutlich den gewissen Dünkel heraus, der seinerzeit das gesehwollene Wort vom „Auserwählten Volke" fabriziert hat! — Sammeln Sie erst noch einige Lebenserfahrung;, junger Mann, dann wird Ihnen möglicherweise das Recht zustehen, mit diesem Akzent der Unfehlbarkeit Ihre Urteile zu fällen. Der J üngere (erstaunt lächelnd) : Sie titulieren mich : „Junger Mann"? — Es scheint, dass hier ein kleiner Irrtum obwaltet. Ich bin ja der Aeltere von uns beiden. D e r A el t e r e (streng) : Wenn Sie sich aufs Gebiet der Spässe begeben, werde ich mit grosser Bereitwilligkeit die Debatte abbrechen. (Wendet den Kopf schroff dem Koupeefenster zu.) Der J üngere (mit ganz unschuldiger Miene und besänftigend) : Nicht doch! Ich bin keineswegs geneigt, Scherze zu machen — allein ich halte mich tatsächlich für den Aelteren. Der Aeltere (kehrt den Kopf mit rascher Bewegung wieder dem Reisegefährten zu und bricht in ein geräuschvolles Gelächter aus): Hohoho! Das ist wirklich gelungen! Wie alt sind Sie denn, junger Mann? D e r J ü n g e r e : 2?> Jahre. D e r A e 11 e r e (spöttisch) : Nun und ich bin halt 53 Jahre alt. — Jetzt nehmen Sie mal ihre mathematischen Kenntnisse zusammen, junger Freund, und vergleichen Sie gefälligst die beiden Zahlenwerte. D e t J ü n g e r e (mit bedauerndem Kopf schütteln) : Ach Gott, Sie missverstehen mich. Ich spreche ja nicht vom i n d i v i d u e 11 e n Alter. D e t A e 11 e r e (einigermassen verblüfft) : Hm, würden Sie mir nicht erklären wollen, wie ich das verstehen soll? D e t J ü n g e r: Ich behaupte, dass ein jüdisches einjähriges Kind älter ist, als ein 100jähriger germanischer Greis. Der Aeltere (gezwungen lachend): Sie werden immer amüsanter. Ich beginne ernstlich Gefallen an Ihnen zu finden. D e r J ü n g e r e: Das freut mich aufrichtig und ich hoffe, mich Ihrer Zustimmung noch mehr zu versichern, wenn ich meine Anschauung näher begründe. Ich sage: dieses einjährige jüdische Kindchen ist zwar, als individuelle Erscheinungsform betrachtet, jünger als der erwähnte 100jährige Germane, jedoch es besteht dem Stoffe nach aus einer weitaus älteren Plasma-Art. Der Aeltere (unruhig auf seinem Sitze herumrückend) : Sehr gelehrt ausgedrückt, aber ziemlich unverständlich! D e r J ü n g e r e : Sie haben recht! (Nachsinnend ) : Wie soll ich mich ihnen denn nur verständlich inachen . . .? D e v A e 11 e r e : Es müsste denn sein, dass Sie sagen wölben : die Juden gehören einem älteren Menschenstamme ein, als die Germanen; der „Urahne" der Menschengruppe, aus der die Juden hervorgegangen sind, ist früher auf diesem Erdplaneten aufgetaucht, als der „Urahne" der Mcnschons|>czi.cs, der die Germanen enstannnen; — Sie sind doch Darwinist? Der J ü n g e r e : So ziemlich. D e r A eitere: Natürlich! — Nun vielleicht — wer weiss denn? — hegen Sie die nette Vorstellung, dass Juden und Germanen aus verschiedenen Uraffen sich entwickelt haben. Es ist ja sogar möglieh, dass Sie sich über diesen Gegenstand eine eigene detaillierte Theorie zurechtgelegt haben; ich schlage folgende Fassung vor: zu An-