Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 25 lfbi$ * Welt Seite 15 fang der Tertiärzeit, also vor etlichen hunderttausend Jahren, meinetwegen in der Eocänepoche, erstand irgendwo auf der Erde ein affenartiges Wesen, das Sie, wenn's Ihnen Vergnügen macht, „S e m i t o p i t h ecu s" nennen können. — Sie merken, dass ich mich in meiner Terminologie genau dem Wortschatze der geschätzten Herren Naturforscher anpasse, die sich mit dieser interessanten Gegend des Deszendenzgebietes beschäftigen. — Also der erwähnte Semitopithecus, den zu entdecken ich soeben das Glück hatte, ist die Stammform, aus der in allmählicher aufsteigender Entwicklung die Juden hervorgegangen sind. Es stellt Ihnen frei, ihn mit zahlreichen anatomischen Merkmalen auszustatten, deren Spuren noch heute an den Juden nachweisbar sind.--Ich sagte, dass der Semitopithecus im ersten Drittel der Tertiärzeit auf der Erde gehaust hat. Jetzt hören Sie weiter: in der jüngsten Tertiärepoche, in der Pliocänzeit, um viele Jahrtausende später, ist dann neuerdings ein den Affen nahestehendes Geschöpf erschienen, das ich als „G e r m a nopi t h e c u s" bezeichnen will. Es hat ein blondrötliches Fell, blaue Augen und zeichnet sich durch ein auffallend treu-biederes Gemüt aus. Auf Grund Ihres Scharfsinnes in biologischen Dingen werden Sie bereits erraten haben, class wir in dem Germanopithecus den Ur¬ Altvordern der Germanen zu erkennen haben. — Wahrhaftig, ich hin frappiert, mit welch unwiderleglichen Argumenten Sie mir nachgewiesen haben, class das einjährige Judenknäblein älter ist, als der 100jährige Germanengreis. Gibt es eine zwingendere Beweisführung? Der Semitopithecus war um Jahrtausende früher auf der Erde, als der Germanopithecus, ergo besteht der Jude aus einer „älteren*'0' Eiweisssorte, als der Germane! — Meine herzlichste Gratulation! Der Jüngere: 0, ich danke! Die interessante Hypothese ist ja eigentlich Ihr geistiges Eigentum. Und ich mnss sogar zugeben, dass nach dem heutigen Stand der Wissenschaft die abenteuerlichen Schöpf iingsgeheiiunisse, in die Sie mich vorhin eingeweiht haben, durchaus nicht als rundweg absurd gelten müssten. Jedoch — D e r A e 11 e r e (triumphierend, überlaut) : Aha, aha! Das ist ja kostbar! Er lässt richtig bereits dem Semitopithecus die Wohltat der Existeuzinögliehkeit angedeihen! Ich hab's ja gewusst, ich hab's ja gewusst! Der Jüngere: Ich bin wirklich beglückt, dass Ihnen schon der hingehauchte Schatten einer Zustimmung eine solche Freude bereitet, muss aber leider bemerken, dass ich mich in den entscheidenden Punkten reserviert verhalten muss. Ich will mich nicht auf die Frage einlassen, ob die heute lebenden Menschenarten von einer Urform oder von mehreren Urformen abstammen, ob sie mono- oder polyphyleti scher Herkunft sind — Sie sehen, ich revanchiere mich mit vollwichtigen Fremdwörtern — es ist mir auch gar nicht eingefallen, zu behaupten, dass die Blutsverwandten der Juden früher auf der Erde entstanden sind, als der Urelternvater oder Uroheim der Germanen. Ich will von allen blond- oder dunkel gelockten Affen und von der Tertiärzeit absehen, meine Begründung für die erwähnte Altersangabe ist aus der uns vertrauteren Quartärzeit geholt. Der A e 11 e r e: N un, da bin ich neugierig. Der J ü n g e r e: Stellen Sie sieh einmal vor, im Schosse der Erde lägen zwei Golderzbrocken. Der A e 11 e r e: Wohl! Stelle mir s bereits vor! D e r J ü n g e r e: Wir wollen ferner annehmen, dass beide Gold brocken zu gleicher Zeit „geschaffen" wurden; dass der eine nicht früher „auf der Welt" war, als der andere. Der A e 1 t e r e: Aha, ich. kapiere. Die zwei Erzstücke mit dem identischen Geburtstage sind, wenn mich meine Divinationsgabe nicht trügt, die Indogernianen und die Juden. Der Jüngere: Sehr richtig! Ich bewundere die Schärfe der genannten Divinationsfähigkeii D e r A e I t e r e : Schon gut! Fahren Sie nur fort! Der Jüngere: Die übereinstimmende Geburtsstunde habe ich den beiden verliehen, um Ihnen zu zeigen, class ich keineswegs (»inen Altersunterschied im Sinne Ihre]' Pitheeus-Lehre im Sinne habe. Und das Material ist in beiden Fällen Gold, damit Sie mir nicht vorhalten, ich hätte von vorneherein den zwei Menschenarten ungleichwertige Entwicklungsmöglichkeiten in die Wiege gelegt. D e r A e 1 t e r e : I ch will anerkennen, dass Sie bisher keines der beiden Erzstüoke in besonderem Masse protegiert haben. Was geschieht aher weiter? D e r J ü n g e r e : Der eine Goldbrocken wird nun im Jahre 0000 v. Chr. zu einem Kelch verarbeitet. D e r A e 1 t e r e : Mit Verlaub, von welchem Gold sprechen Sie: von dein jüdischen oder dem indogermanischen? Der J ü n ge r e: Von dem jüdischen. — Dieser Goldkelch wird in Altägypten hergestellt, wo ja um 6000 v. Chr. schon eine respektable Kultur zu Hause war. Hier in Aegypten hat der Kelch durch zweieinhalb Jahrtausende eine Menge Wandlungen durchzumachen. Er wird oft und oft umgegossen, fremde Metallzusätze kommen hinein, das* Feuer wälzt seine Bestandteile durcheinander, Hämmer pochen auf ihm herum und schliesslich wird ein Goldscherben herausgerissen und mürbe geknetet und einem Schwertknauf einverleibt. In dieser Form gelangt das Gold im Jahre 3500 v. Chr. nach Babylon. D er A e 1 t e r e : Warum just im Jahre 3500? I) e r J ü n g e r e : Ich will Ihnen nur in Erinnerung bringen, dass Baoylonien schon damals ein hochstehendes Ku 1 turrei eh war, mit Gelehrten. Gesetzeskundigen, Priestern, Hofstaatsbeamten —-- I) e r A eitere: Sehr verbunden! Und was geschieht weiter mit Ihrem Schwertknauf? Der Jüngere: Ich will die Schicksale des ursprünglichen Goldbrockens nicht zu einem Roman ausspinnen, es ist mir nur darum zu tun, ihnen darzulegen, dass er schon vor 8000 Jahren in wohlentwickelten Kulturverhältnissen herumgetrieben wurde. Es Hesse sich weiter erzählen, dass das Gold dann zur Verfertigung eines Babylonischen Opfergerätes verwendet wurde, dass dieses dann nach 1000 Jahren ins alte Reich Elam verschlagen wurde, hier wieder eine Unmasse Formen durchlief und die verschiedenartigsten edlen und unendlen Beimengungen erhielt und nacheinander nach Assyrien, Phönikien, Aegypten kam, bis wir es um 1000 v. Chr. im Tempel schätze des Königs Salomen zu Jerusalem wiederfinden. Und von dorther hatte das Gold noch 3000 Jahre zurückzulegen, ehe es in unserer Gegenwart landen konnte. — 8000 Jahre! Bedenken Sie, welch ungeheuerliche Strecke in menschlichen Dingen! D er A e 11 e r e: Gewiss, ich bedenke. Aber wo wollen Sie eigentlich hinaus? Sie Aver den mir doch nicht nachweisen können, dass in den Juden von heute tatsächlich die Menseheneleinente von A11-Aegypten, Phönikien, Assur usw. stecken. Der Jüngere: Ich kann Ihnen auch nicht mit haarfeiner Angabe der Daten nachweisen, was für eine Vergangenheit das Gold durchlebt hat, aus dein Ihr und mein Fingerring gemacht ist. Aher es ist die ansehnliche Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass in dem einjährigen Judenknäblein. ein Blut ist, dessen Quellen bis in diese uralten inorgenländischen Kulturgebiete zurückreichen mögen. Sie müssen sich nur ins Gedächtnis rufen, wie vielfältig die jüdischen Stammeselemente durch den ägyptisch-phönikisch-