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Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 25 „bie & W^lt Seite 13 die grösste Zahl der zu Unterstützenden, daher der Verkehr in den Auswandererhallen ein grösserer war, während in der Stadt eine kleine Abnahme zu verzeichnen ist. Infolge der schlechten Lage der amerikanischen industriellen Verhältnisse war die Zahl der Rückwanderer — dieser Bedauernswertesten aller Armen — grösser, und erweist sich die geschaffene Rückwanderer-Organisation und das Zusammenarbeiten der Korporationen in den in Frage kommenden Städten als äusserst segensreich. Durch das Entgegenkommen der Direktion der fiamburg-Amerika-Linie ist es dem Verein gelungen, seit Anfang dieses Jahres für die jüdischen Zwischendeckspassag'uere der Gesellschaft auf allen nach Nordamerika gehenden Schüfen eine rituelle Verpflegung unter Aufsicht des hiesigen Ofoerrabbinats einzuführen. Durch Vermittlung des Vereins wurden in den Auswandererhallen 20 381 Personen mit 250 776 Portionen warmen Mittagessens verpflegt. Die grösste Frequenz ergab sich im November mit 3134 Personen, während im April diese nur 485 Personen betrug. Ausserdem erhielten im Vereinsbureau (Eibstrasse) 5491 Personen eine kostenfreie Anweisung auf Nachtquartier und wurden dort an 5557 Personen Portionen Kaffee sowie 2663 Portionen Mittagessen verteilt. Im Reiseverkehr wurden 3040 Personen unterstützt und zwar 214Ü nach dem Inland und 900 nach dem Ausland Gehende. In der Bekleidungs-Abteilung des Vereins wurden 1648 Personen mit Kleidun.gs^egeuständen versieben, während durch den Krankenfonds 312" Verpflegungstage im Krankenhause gezahlt wurden. Die Einnahmen des Vereins setzten sich folgendermassen zusammen: An jährlichen Mitgliedsbeiträgen 2733 Mk. 75 Pfg., an einmaligen Beiträgen aus Hamburg und ausserhalb 1161 Mk. 75 Pfg., an grösseren einmaligen Beiträgen erhielt der Verein die folgenden Beiträge: Vom Komitee für russische Juden in Hamburg 1025 Mk., von der Alliance israeiite Universelle, Paris, 400 Mk., Hilfsverein deutscher Juden in Berlin 1000 Mk., Rückwandere ripnds Breslau 600 Mk.. Spende von Herrn H. Pincus- Hamburg 1000 Mk., aus dem Nachlass der Frau Baronin Cohn- Oppenheim, Dessau, 1000 Mk. Weitere Einnahmen waren: Aus dem Frau Baronin v. Hiiisch-Kraiikenfon.ds 808,50 Mk., von Frau Baronin Edmond v. Rothschild, Paris 400 Mk. etc. Unter den Ausgaben figuriert an erster Stelle: Für Speisung, Reiseunterstützung, Zehrgelder etc. 13 753,65 Mk., ferner für Nachtquartier 2179,58 Mk., für Krankenpflege 508,26 Mk., an Abteilung für Bekleidungwesen 735,43 Mk. Für Unkosten in den Auswandererhalliem, dortige Küche etc. wurden 2234,31 Mk. und für Gehälter inkl. Beaufsichtigung der Küche in den Auswandererhallen 1839,69 Mk. gezahlt. Die Abrechnung wurde als richtig anerkannt und dem Kassier Decharge erteilt. Der Vorsitzende wies dann noch darauf hin, dass die diesmalige Abrechnung leider mit einem grösseren Defizit abschliesse. Der deutsch-israelitische Frauenbund in Berlin ist also begründet. Es schieinen alle zur Vorbesprechung eingeladenen Delegierten mit der Absicht für die Begründung des Bundes gekommen und dieselbe ohne Debatte beschlossen worden zu sein. Leider können wir nichts Näheres darüber angeben, da die für 4 Uhr angesagte Versammlung bereits um 3 Uhr begann und bald geschlossen werden musste, da einige (wie es verlautete, zwei!) zum Reichskanzler Einladungen hatten. Wir wollen aber lieber angesichts der sehr ernsten Sache all die formalen Ungeschicklichkeiten erwähnt lassen und die am Mittwoch den 15. ds. stattfindende Beratung über den Statutentwurf abwarten. Wir wollen nicht einmal mit der Vorsitzenden Frl. Pappenheim so scharf zu Gericht gehen, wie sie es tatsächlich verdient für ihre Aufforderung, ,,pünktlich, nicht 4 Uhr „jüdische Z e i t"' zu erscheinen", eine von den Redewendungen, die nicht gerade viel Selbstachtung verraten und bei jüdischen öffentlichen Versammlungen von offizieller Seite gebraucht, am wenigsten grosses Taktgefühl beweisen. Um so mehr wundert es uns, dass dieser Ausdruck gar keinen Anstoss unter den Zuhörerinneri erregte und nur bei den hinter die Tür verbannten, neugierigen Männern Aerger hervorrief. Wir wollen aber hoffen, dass die ernstgemeinten Bestrebungen der Damen auch diesen, allerdings sehr unglücklichen „Lapsus" vergessen machen werden. Bücherwelt. Edward Stilgebauer, Götz Krafft. (Berlin, Verlag Richard Bong.) Mit einer Reklame, die auf den lieblichen Spuren der Barmum und Gordon Bennett wandelt, hat der Berliner Verlag dieses Buch an das Licht des Tages und zu ci'uer gewissen aktuellen Bedeutung emporgehoben. Viel Angenehmes lässt sich ihm nicht nachrufen. Ein Stil, von dem man zum mindesten sagen muss, dass er nicht eben sehr poetisch sei: ohne jede Stimmung, wie etwa der Still in dem Verwaltiingsberkhte eines Gymnasiums. Die grossen Gedanken und Perspektiven, an denen der Roman übervoll ist, müssen woihil den Eindruck einer aufgesehminikten, .bombastischen Unwahrheit machen. Aber andererseits ist der Vornan mit den kleinen Stützen immer neuer Spannungseilemente so hübsch und effektvoll aufgebaut, dass er seiner Wirkung auf recht weite Kreise wohl sicher sein kann. Etwas Freundliches und Helles ist zudem über ihn ausgebreitet. — Freilich, an dieser Stelle würde der Roman doch so wie so nicht erwähnt werden, wenn er nicht durch eine seiner wesentlichsten Figuren auch in jüdische Sonderinteressen hinein griffe. Götz Krafft hat auf der Universität Lausanne eine schwärmerische Verehrung für den aus Mannheim'Stammenden jüdischen Studenten Sailly Löwenfeld. Er betmerkt als eine Eigentümlichkeit der jüdischen Rasse eine auffallend frühe Entwicklung des kritischen Verstandest an dem Freund. Aber trotzdem hängt sein Herz an ihm mit glühender Leidenschaft. Nun ist Götz Krafft einem Korps reichsdeutscher Studenten beigetreten, wo Vorurteile und Standesdünkel ihre Stätte haben. Infolgedessen lockert sich die Freundschaft zwischen Götz Krafft und dem Juden. Dieser ist noch immer freundlich und liebenswürdig; aber er schlägt Götz gegenüber nicht mehr tiefere Themata an, wie er es. doch in den ersten Wochen -getan hatte, und mit der Geistesverwandtschaft zwischen den Beiden scheint es vorbei. Jedoch Götz hatte immer das Gefühl behalten: wie nahe stand der Jude ihm doch innerlich, wie unendiliich viel näher als all die Anderen, die sich in verblendetem Wahne aus Gründen der Rasse und Abstammung so hoch über diesem dünkten, die Korpsstudenten und Leutnants werden konnten und Juristen, denen die höchsten Aernter des Staates offen standen, und diie darum diesen, den sie mit vielen tausend Anderen aus ihren Kreisen ausgeschlossen, verachteten. So finden sich die Beiden denn auch wieder, und eines Tages sitzt Götz mit Löwenfeld in einem Cafe. Götz vernimmt an seiner Seite leine scharfe, schnarrende, ihm wohlbekannte Stimme: ,,Na, gu'n Abend, Herr Krafft, hier muss man Sie also suchen, haben ja da nette Gesellschaft bei sich!" Es war Graf ScMippenstädt. Das Gesicht des Grafen war rot, seine Stimme klang belegt, ein. verräterischer Duft nach scharfen Zigaretten und Wein schlug Götz Krafft bei seinen Worten entgegen. In aller Ruhe war Löwenfeld sitzen geblieben. ,,Kellner, 'n Kognak!4' rief ScMippenstädt mit befehlcrisclier Stimme, so dass die vereinzelten Gäste, die sich im Lokal befanden, mit wenig freundlichen Blicken von ihren Tischen aufsahen. ,,Ici, monsieur?" fragte der Kellner, indem er Miene machte, die Platte mit dem bestellten Kognak auf den Tisch niederzusetzen, an dem Löwen fetal und Götz Krafft sassen. „Nee, Freund, riiecht mir hier zu intensiv, da hinüber," befahl der Graf. Da hob Löwentfeld den Kopf und sah den Grafen mit einem langen Blicke aus seinen dunklen Augen an. „Ich verbitte mir jede anzügliche Bemerkung, wie Sie sie hier belieben, mein Herr." Und Schlippenstädt, eine neue Zigarette zwischen seine Zähne nehmend, im Vollgefühl seiner germanischen und militärischen Ueberlegenheit, sagte lässig: „Wenn Sie mit mir reden wollen, dann stehen Sie gefälligst auf, Sie krummer Judenlümmel." Da war es geschehen. Ein kleiner, roter Tropfen Blutes sickerte langsam aus der Wunde an der Wange des Grafen hinunter, die Löwenfelds Ring bei dem wuchtigen Schlage gerissen .... Die Gäste in dem Lokal nehmen gegen den Grafen Partei, und er mussv ohne noch ein Wort sagen zu können, verschwinden. Damit ist ein Duell unvermeidlich geworden, Löwenfeld, obwohl Götz ihm dazu riet, und obwohl' er an seine alten Eitern in Mannheim denkt, deren einziger Sohn und einzige Hoffnung er ist, lehnt jeden. Gedanken an eine Flucht ab und bewahrt eine grosse Ruhe und ist fest entschlossen, die nicht ihm. aber seinem Volke angetane Schmach zu rächen. Er fällt im Duell. Nun ist dies alles doch von einer freundlichen Gesinnung gegen das Judentum diktiert, und zahlreiche Juden werden wegen 'dieses Inhaltes d:as Buch gewiss mit einem ganz ausserordentlichen Interesse lesen und von ihm angenehm berührt werden. Jedoch von dem zionistischen, so seh r vertieften Standpunkte aus wären gar bedeutsame Einwände gegen diese ph Moseini tische Tendenz und Wirkung zu erheben. Nur würde es den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen, wenn sie hier im Einzelnen ausgeführt werden sollten. M. A. * , * * Russische Juden. „t> i e Jude n'\ Schauspiel in vier Aufzügen von Eugen Tschirikow. „Die Par i a s", eine Erzählung aus dem Leben der russischen Juden von S, J u s c h k e w i t s c h. (München', 1904. Dr. J. Marchlewski & Co.) „Die Juden", „Die Parias", das sind zwei Bücher, die man zugleich besprechen muss. Nicht nur innerlich; ihrer Fabel, ihren Personen, ihren Tendenzen (entsprechend gehören sie zu-

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