Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316099--45831-3340657
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 „bis & Nr. 25 Vergessüchkeit. Der Fardubitzer Gemeinderat, an dessen Spitze der „philosemitisch" sich geberdenda Bürgermeister Dr. Formaoek steht, „vergass", den tschechisch-jüdischen Verein „Rozvoj" zur allgemeinen Verbrüderungsfeier der Slaven, anlässiich der Bekränzung des Dichtergrabmales Kollär', einzuladen. Mit drohendem Pathos ruft das Organ des genannten Vereines aus: „Wir sind wahrlich neugierig, ob unsere Juden bei den Landtagswahlen so viel Mut besitzen werden, gegen einen solchen Mann zu opponieren/ Wie naiv! Der ,,Rozvoja sollte sich doch ein Beispiel an den deutschen Assimilanten nehmen; die sind über derlei „Vergesslichkeiten" längst erhaben, und drohen nicht. Im Gegenteil ... Aus dem Nederiand. Es freut uns sehr mitteilen zu können, dass Herr Ed. Frankfort, dem die Ehre zu Teil wurde, in der Gemäldeausstellung des Vereines „Arti et Amicitiae* mit seinem Gemälde „T al m u d s t u d i u m„ die von ihrer Majestät der Königin ausgesetzte goldene Medaille zu erwerben, unser Gesinnungsgenosse ist. — Die Direktorin des jüdischen Waisenhauses für Mädchen in Amsterdam, Frl. M. Zeehandelaar, feierte am 15. Mai 1904 ihr 25 jähriges Amtsjubiläum. Es wurden ihr an diesem Tage viele Huldigungen dargebracht, und sie bekam viele rührende Beweise der Dankbarkeit ihrer Zöglinge. Ihre Majestät die Königin erkannte ihr Verdienst an, indem sie Frl. Zeehandelaar das Ritterkreuz des Oraüje-Nassau-Ordens verehrte. Die erste jüdische Zeitung in China wurde kürzlich gegründet. Sie ist ein 14 Tage-Blatt in englischer Sprache namens „Israels Messenger" (Bote Israels). Dem Zionismus steht das Blatt sympathisierend gegenüber. Ein archäologischer Fund. Die „Archives lsraelites" berichten von einer interessanten Ausgrabung, die in Tell-el- Maltissen, im alten Megiddo, veranstaltet wurde. Leiter der Ausgrabungen ist Emin Effendi, der Gouverneur-Stellvertreter von Cai'ffa. Es gelang, einen sehr interessanten Fund ans Tageslicht zu fördern, und zwar ein althebräisches Siegel, das aus der Zeit Salomos stammt. Es ist ziemlich gross und aus Jaspis hergestellt. Es trägt ein zierlich eingegrabenes Emblem eines Löwen mit offenem Rachen und darum herum läuft eine hebräische Inschrift: „Eli-Schern'a, Sohn des Königs Salomo, Sohnes Davids.uEs wurden noch viele andere alte Gerätschaften und Denkmäler aus dieser Zeit (also IX. Jahrhundert v. Dgz.) gefunden. Man hofft, dass noch viele interessante historische Funde, die für die jüdische Altertumsforschung Wert haben, ausgegraben werden. Alles bisher Geförderte befindet sich in Beyruth. Die Deutsche Orientgesellschaft hat eine Neuwahl des Vorstandes vorgenommen; es wurden' gewählt als 1. Vorsitzender: Prinz Heinrich zu Schönaich-Carolath, Arntitz; 2. Vorsitzender: Staatssekretär a. D. ä la suite des Seeoffizierskorps F. Möllmann; Schriftführer: Dr. Bruno Güterbock; stellv. Schriftführer: Dr. Friedrich Sarre; Schatzmeister: Generalkonsul Dr. Paul Schwabach; stellv. Schatzmeister: Herr James Simon. Die Gesellschaft zählte am Schlüsse des Berichtsjahres 49 immerwährende und 1044 jährlich heitragende Mitglieder gegen 40 bezw. 719 im Vorjahre. Seit Neujahr d. J. sind 58 neue Mitglieder beigetreten. Die Einnahmen betrugen mit einem Vortrag von 82 240 Mark aus dem Vorjahre 307 397 Mark, darunter ein Geschenk des Kaisers 50 000 Mark, eine ausserordentliche Beihilfe aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds von lo 000 Mark und die Beihilfe der preussischen Staatsregierung von 88 600 Mark. Die Ausgaben betrugen 215 907 Mark; davon entfielen 121 654 Mark auf Zahlungen für die Ausgrabungen in Babylon und Assur, 18 037 Mark für die in Abusir, 14 059 Mark auf die Unkosten der Reise der Herren Dr.Thiersch und Dr. Hölscher durch Palästina und. 10 000 Mark auf die Beihilfe für den Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas zu Ausgrabungen in Teil el-Mutesellim, der wahrscheinlichen Stätte des alten M.egiddo. — In ihrem soeben erschienenen 6. Jahresberichte gibt die Gesellschaft interessante Mitteilungen über ihre an wichtigen Ergebnissen reiche Tätigkeit. In den Euphrat- und Tigrisländern bildeten den wichtigsten und erfolgreichsten Teil der Arbeiten des Berichtsjahres die am 18. September 1903 von Dr. Koldewey begonnenen, seit Ende Oktober von W. Andrae geleiteten Grabungen in Assur (jetzt Kalat Schirgat), wo zunächst, ähnlich wie früher in Fara, ein grosses festungsartiges Unterkunftshaus für die Expedition, errichtet werden musste. Gleich im Anfang haben die Ausgrabungen hier einen Palast des Königs Asurnazirpal (9. Jahrh.), welcher mehrfache Veränderungen und Erneuerungen des ursprünglichen Baues deutlich erkennen lässt, ferner einen Tempel und Reste von weiteren Palästen freigelegt. Dabei sind eine grosse Zahl von Ton- und namentlich Steininschriften gefunden worden, die den ganzen Zeitraum des assyrischen Reiches vom 19. bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. umspannen und unsere bisherigen geschichtlichen Kenntnisse in erfreulicher Weise sehr erheblich erweitern. Auch Kunstdenkmäler, wie bemalte Tonfliesen, glasierte Ziegel, ähnlich unseren babylonischen, Relief Ornamente, Alabasterschalen, mehrere Statuen, so eine des Königs Salmanassar II. (9. Jahrhundert) mit Inschrift, und vieles andere haben die Arbeiten an dieser aussichtsvollen Stätte bereits jetzt zutage gefördert. In Babylon wurden die Grabungen unermüdlich fortgeführt. Nach Beendigung der Arbeiten am Istartor, von dessen Freilegung der letzte Jahresbericht so Bedeutsames melden konnte, wurde etwas weiter südwestlich die Nordost- Ecke des Süd-Palastes auf dem Kasrhügel in Angriff genommen, und hier eine grössere Anzahl von Palasträumen freigelegt, die einen besonderen Palastteil zu bilden scheinen. Hier wurden etwa 200 Ton tafeln gefunden, die sich ihrem Inhalt nach auf wirtschaftliche Dinge beziehen und aus Nebukadnezars Zeit stammen. Sodann wurde; der östlich im Stadtgebiet liegende Hügel Hoinera näher untersucht und dabei zunächst die Reste eines griechischen Theaters aufgefunden. Auf dem Boden Palästinas wurden im vergangenen Jahre zwei Monate lang Ausgrabungen in Teil el-Mutesellim, der wahrscheinlichen Stätte des alten Megiddo, vorgenommen. In Aegypten hat Dr. Borchardt die Arbeiten an der Pyramide und dem Totentempel des Königs Ne-woser-re bei Abusir in diesem Jahre durch eine dritte Kampagne zum Abschluss gebracht. Das Innere der Pyramide ist untersucht und, so weit es möglich ist, aufgenommen. Bei den Abschlussarbeiten vor der Pyramide ergab sich, dass vor der Südost-Ecke eine kleine Pyramide gestanden hat, die wohl als das Grab der Königin anzusehen ist. Als das wichtigste Resultat dieses Winters ist aber die Freilegung und Aufnahme des monumentalen, mit Säulen geschmückten Portals zu betrachten, das im Tale dem Aufweg eröffnet. Bisher war nur eine einzige ähnliche Anlage bekannt, die den Anfang des Weges zu dem Sonnenheiligrum des Königs schmückte. Doch ist das jetzt freigelegte Portal zur Pyramide reicher als jenes. Beide aber bilden ein neues wichtiges Glied in der Geschichte der ägyptischen Architektur. Von dem Schmuck der Wände, die den Aufweg zu beiden Seiten einfassten, ist noch genug erhalten, um uns auch hier eine kunstgeschichtliche Ueberraschung zu bieten. Hier war in einer langen Reihe von vortrefflich gearbeiteten Reliefs dargestellt, wie der König als Löwe mit Menschenkopf die Aegypten benachbarten Völker niederwirft. Bisher waren die ältesten bekannten Beispiele dieser Szene um etwa 700 Jahre jünger. Die Gesichtstypen der Fremden sind vorzüglich getroffen. Es ist eine alte Geschichte ... In Königsberg in Preussen wurde eine jener Krippen gegründet, in denen die Säuglinge arbeitender Frauen tagsüber Aufnahme finden. Das Unternehmen fand in allen Kreisen der Königsberger Bevölkerung lebhafte Anteilnahme, und dass die Juden das Ihrige beitrugen, ist bei ihrer Gefühlsanlage als sicher anzunehmen. Wegen Leitung der Krippe wurden mit einer Dame, welche viele Jahre als Krankenpflegerin tätig ist und von verschiedenen Aerzten warm empfohlen war, Verhandlungen gepflogen. Unmittelbar vor Abschluss dieser Verhandlungen erhielt die Dame von der Protektorin, von Frau Oberbürgermeister Körte, nachstehendes Schreiben; „Sehr geehrte Frau Kirschner! Bei nochmaliger reiflicher Ueberlegung hinsichtlich Ihrer Anstellung in der Krippe muss ich Ihnen mitteilen, dass ich die Bedenken, die icb von Anfang an gegen die Uebergabe der Leitung an eine Schwester jüdischer Konfession hatte, nicht fallen lassen kann. Frau Dr. Stern hat sich bemüht, mich dazu zu überreden — sie meinte, ich kannte die Königsberger Verhältnisse nicht — was ja, da wir erst seit einem Jahr hier leben, sehr begreiflich ist. Ich hatte aber gestern und heute Gelegenheit zu verschiedenen Rücksprachen mit Männern, die seit Jahren hier im öffentlichen Leben stehen, dabei vorurteilsfrei und erfahren sind. Sie bestätigen mir, dass meine Sorge, dass sich unsere neue Kripoe in Arbeiterkreisen schwerer einbürgern würde, wenn eine Dame Ihrer Konfession sie leitete, berechtigt sei und das müssen wir natürlich bei einem neuen Unternehmen vermeiden. Ich bedaure furchtbar, dass wir eine so tüchtige Kraft wie die Ihre verlieren, bezweifle allerdings nicht, dass für Sie unsere ärmliche Krippenstelle kein Verlust ist, da Sie wohl sicherlich bessere Anstellungen finden können.44 — So weit wäre nun an der Geschichte weiter nichts, als eine der alten antisemitischen Beleidigungen. Viel trauriger sind die Folgen. Der Vorfall gab Anlass zu einer Interpellation im Stadtrat. Aber die Oberjuden von Königsberg liessen in öffentlicher Sitzung durch einen Wortführer erklären, dass sie das vorerwähnte Schreiben für gerecht und korrekt finden. Der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts J. Alexander ab. Nach dem Jahresbericht hat der Verein seit 20 Jahren seine Tätigkeit zum Besten der Obdachlosen und Rückwanderer in. grossem Massstabe ausgeübt. Der Herkunft nach stellten Russen und Galizier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.