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Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 lfbie * w?itif Seite 7 Theorie, er wollte seine Lehre auch verwirklichen. Er wollte eine neue jüdische „Ecclesia" gründen. „Ebionim" sind die neuen Gläubigen nicht — dies zu sein überlassen sie den gesetzestreuen Brüdern in East-End. Nun, etwas richtiges war doch an der Sache. Sie sahen, dass das religiöse Leben unter den Juden in London immer mehr abnimmt und wollten das jüdische Volk vor den Greueln des Agnostizismus retten, über den sich Miss Lily Montagu in der letzten Sitzung der B. U. am 2. 1. M. beklagte. Aber die Massregeln, die die neue Gemeinde traf, waren zu lächerlich, um eine Wirkung zu erlangen. Ob man um 3V2 Uhr anstatt 9V2 bete, ob man englische „Canticles" anstatt der hebräischen, schönen, altehrwürdigen Gebete näselnd singe, die Predigten eines self-made Seelenhirten anhöre, dies kann an dem Prozesse der Abkehr von der Religion nichts ändern. Und das, die Lächerlichkeit seines Versuches hat Mr. Claude Montefiore nach beiläufig zwei Jahren erkannt. Seine Eröffnungsrede der zweiten Sitzung der Union klang sehr resigniert. Er hat eingesehen, dass „die Ursachen viel tiefer stecken, und das Uebel viel ernster sei, als er glaubte*. Und was wird daran der Vorschlag eines der Teilnehmer der Union, Mr. J es sei, helfen, einen ständigen „Beamten" aufzunehmen, der die religiösen Angelegenheiten leiten solle? Ist es dann nicht ein sehwacher Abklatsch der grossen und mächtigen altjüdischen religiösen Gemeinde? Uebrigens haben wir uns zu lange mit der sterbenden Religions- Union aufgehalten. Requiescat in pace. * * * Und nun, als Dessert, ein wenig Anti-alien Billpolitik. In der letzten Debatte im Unterhause (am Freitag) zeigte sich deutlich, dass die Regierung vor nichts zurückschrecke, um diese Bill durchzusetzen. Der Home Secretary hat nämlich den formellen Antrag gestellt, die Bill ohne weiteres dem „Standing Committee on Law" zu übergeben. Das heisst soviel, wie das Haus aus der Besprechung der Bill auszuschalten und der Regierung, deren Hintermänner die British Brothers sind, wie es ein Redner in der Debatte angedeutet hatte, freie Hand zu lassen. Und trotz der heftigen Opposition im Hause wurde der Antrag angenommen, Und unsere lieben Glaubensgenossen, wie Cap. J e s s e 1, Col. L u c a s und Sir H a r r y Samuel stimmten dafür- Schande! Wirklich „so viel Lärm um nichts*! Gewaltstreiche, konstitutionelle Entgleisungen, die als Präzedenzfälle eine grosse Tragweite haben, finanzielle Belastung des Landes (die Kosten der Anstellung von Immigrationsbeamten werden den frommen Wünschen der Oppositionellen nach nicht 5000 Pfd. St. übersteigen) und alles, um ein paar Juden auszuschliessen. Was hätte wohl dazu Richard Co b den gesägt, dessen hundertjährige Feier man jetzt in England allüberall veranstaltet? Was hätte Manasseh ben Israel gedacht, wenn er geahnt hätte, wie es den Nachkommen jener Juden ergehen werde, für die er sich bei Cromweli verwendete? Und auch Manassehs dreihundertjähriger Todestag ist neulich mit viel Prunk und Pomp von der Jewish Historical Society (Vors. Mr. J. Spielman) gefeiert worden. War Manassehs Werk vergeblich? ♦ . . Man könnte es beinahe glauben, wenn man die Berichte aus Limerik liest, wo sogar ein Richter den Prozess eines Juden gegen einen Christen immer verschiebt, um nicht dadurch zu neuen Reibungen zwischen den Iren und den Juden Anlass zu geben. Und der Judge A dams ist kein Judenfeind. Gerade im Gegenteil. Und eben diese seine gute Absicht zeigt, wie schlimm die Lage ist. Und im „greater England*4! Da liest man in der Cape-Times den Parlamentsbericht, und man sieht, wie sich antisemitische Tendenzen über das Land ergiessen. Ich meine den Rapport des Dr. Gregory über die Einwanderung nach dem Kap. Was sich die Judenfeinde im Mutterlande nicht erlauben, das gestatten sich ihre kolonialen Brüder: den Jargonjuden als einen minderwertigen zu bezeichnen, nur weil er Jargon spricht. Das ist eine Beleidigung, die sich ein anderes Volk nicht hätte bieten lassen. Aber wir schweigen, tragen alles mit Ruhe, spielen unseren Gegnern sogar in die Hände, wie es in Transvaal der Fall ist, wo der Board of Deputies gegen die Zionist Federation kämpft und einstweilen die Interessen der Juden schädigt. Aber davon ein anderesmal. Spectator. Brief aus Caiiacla. Mr. Joseph Co wen unternahm eine grössere Agitationsreise nach Amerika, während welcher er in den bedeutendsten Städten des Ostens über die Ziele des Zionismus und den Stand der Bewegung sprach. In verschiedenen Massenmeetings, die von den amerikanischen Zionisten veranstaltet worden waren, hatte er Gelegenheit, sich ausführlich über unsere Bewegung zu äussern. Der Erfolg der Agitationsreise war ein sehr grosser. Einen ebenso grossen als wohlverdienten Erfolg hatte Mr. C o w en auch bei uns, sowohl in Toronto wie in Montreal, zu verzeichnen. Trotz der heissen Jahreszeit waren die Versammlungen, in denen Mr. Co wen sprach, ausserordentlich stark von allen Schichten der Bevölkerung besucht. Die Reise erregte in der Oeffentlichkeit grosses Aufsehen und hatte auch eine ausführliche Diskussion in der Presse zur Folge. Von den zahlreichen Interviews, die das allgemeine Interesse zeigen, das Mr. Co wen zu erwecken wusste, soll das des „Daily Herald" in Montreal mitgeteilt werden. Alsbemerkens wertes Ereignis muss die Massenversammlung vom 27. Mai in Toronto bezeichnet werden, die eine ganz ungewöhnlich grosse Beteiligung zeigte. Der Leutnant-Governeur (Statthalter) von Ontario präsidierte der Versammlung. Er bekannte sich in einer Ansprache als eifrigen Anhänger und Förderer der zionistischen Idee, die ihm als grosszügige und einzige Lösung der jüdischen Frage gelte. Von gleich grosser Bedeutung war die Versammlung in der Kings Hall in Montreal. Mr. Clarence J. de Sola, der Präsident der zionistischen Federation Canadas, hielt als Vorsitzender des Meetings eine kurze, sehr beifällig aufgenommene Ansprache und erteilte hierauf Mr. Co wen das Wort. Dieser führte unter anderem etwa folgendes aus: Er wisse eigentlich kaum, wozu er nach Canada gekommen sei; seien doch alle Juden dort Zionisten. Wenn man von den Vereinigten Staaten nach Canada kommt, da glaubt man aus England nach Schottland zu kommen. Er als Engländer wolle England nicht herabsetzen, aber wenn er nach Schottland komme, fühle er sich doch besser, da kein einziges Volk den Juden derart ähnlich sei, wie das schottische. Auf dem Zionistenmeeting in Toronto habe der Leutnant-Governor der Provinz den Vorsitz geführt und, indem er von den Juden in Palästina sprach, gebrauchte er oft den Ausdruck „Ihr Land". Das war das christliche Gewissen der ganzen WTelt, das durch den Leutnant-Governor zum Ausdruck gebracht wurde, das war die Anerkennung der Rechte des jüdischen Volkes auf das Land ihrer Väter. Und die zionistische Bewegung sei wirklich eine Sache der Notwendigkeit. Es gebe eine Judenfrage in der Welt und an ihrer Lösung seien sowohl das jüdische Volk, als auch die meisten grössten Völker der Welt interessiert. Diese Frage sei zwar nicht in allen Ländern gleich akut, aber das akute Stadium könne jeden Moment eintreten und die antijüdische Bewegung schlage oft ganz unerwartete Bahnen ein. Da beschränke zum Beispiel ein Land nach dem anderen die Einwanderung durch Forderung eines bestimmten Vermögens — oder Bildungszensus', und aus diesem Grunde werden unsere armen Brüder, die in den Ländern der Ver-

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