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Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „bi* # W^lt" Nr. 25 Feststellung der Perfidie des im fernen Osten erscheinenden russischen Blattes gelten die Juden als Vaterlandsverräter. Was Wunder also, dass der „Swjet", welcher in seinem Hasse gegen die Juden jedes Mittel für erlaubt hält, Korrespondenzen aus verschiedenen russischen Städten publiziert, in denen die Juden als Freunde der Japaner hingestellt werden. Erst unlängst wusste dieses Blatt aus Kertsch zu melden, dass eine Jüdin angeblich die Japaner öffentlich gepriesen und dadurch einen Streit mit einer Russin provoziert habe, welcher sogar die Einmischung der Polizei erforderte. Der Polizeimeister von Kertsch, Oberst Janow, beeilte sich, im „Juschny Kurjer" die ganze Geschichte als böswillige Erfindung zu bezeichnen und dem „Swjet" sehr bittere Wahrheiten ins Gesicht zu schleudern; aber das in Kertsch erscheinende Blatt „Juschny Kurjer" wird nur \ron den dortigen Einwohnern gelesen, während der „Swjet" unter den Russen in den Zentralgouvernements stark verbreitet ist, und seine Lügen über die Juden überall einen geschickt vorbereiteten Boden finden. Nach diesen und ähnlichen Vorkommnissen wird man begreifen können, warum unsern Volksgenossen im Zarenreiche der Glaube an eine bessere Zukunft in Russland so schwer beizubringen ist, dass sie, wie russische Blätter täglich berichten, ununterbrochen en masse den Wanderstab ergreifen. Gt. Aus Russland. Grodno. In Grodno hat dieser Tage, wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, eine Zusammenkunft von Vertretern zahlreicher Judengemeinden im Nordwestgebiete stattgefunden, um angesichts der immer wachsenden Auswanderung der Juden aus Russiland die jüdische Emigration zu regeln. Der Vertreter der Stadt Minsk unterbreitete in der ersten Sitzung Daten über Juderiauswaiiderung aus Russland in den letzten vier Jahren. Danach beträgt die Zahl der jüdischen Auswanderer für die Zeitperiode 1900—1903 mehr als 400 000, wovon .160 000 Juden, darunter 33 Prozent Handwerker, sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika niedergelassen haben. Die Debatte über die Regelung der Auswanderung endete mit dem Beschlüsse, in allen Städten des Niederlassungsgebietes Informationsbureaus zu eröffnen, welche die Auswanderer mit Reisepässen und mit allen nötigen Informationen versehen sollen. Die Versammlung beschloss gleichzeitig, die Statuten des neu zu gründenden Vereines dem Ministerium zu unterbreiten und die Regierung zu ersuchen, den Eisenbahntarif für die russischen Auswanderer zu ermässigen, sie von allen Geldstrafen zu befreien und mit Auswanderer-Legitimationen zu versehen. Zu dieser Korespondenz aus Grodno macht der Berichterstatter des russischen Blattes folgende Bemerkung: ,,Die Sache der russischen Auswanderung ist gegenwärtig derart, dass es hiesse, die Grundsätze der Menschenliebe und der Nächstenliebe vergessen, wollte man dieser Sache nicht alle Aufmerksamkeit zuwenden.kk Nach den vorgelegten Daten haben Russland von J880 bis 1900 eine Million Juden verlassen. Kiew. Wie der „Regierungsbote" meldet, ist das jüdische Städtchen Korostyschew am 8. ds. von einer Feuersbrunst heinigesucht und gänzlich eingeäschert worden. 200 Häuser, eine Synagoge und zwei Bethäuser wurden eine Beute der Flammen. Eine Jüdin hat beim Brande auch das Leben eingebüsst. Die Not der Abbrändler ist unbeschreiblich. Kowno. Wie die „Nowoje Wremja" meldet, ist am 7. ds. das Städtchen J o n i s c h k i völlig niedergebrannt. 112 jüdische Familien haben ihr ganzes Hab und Gut verloren und wurden brot- und obdachlos. Der Gouverneur von Kowno hat ein Hilfskomitee organisiert, aber die Not der Abgebrannten ist gross. Warschau. Wie der „Warschawskij Dnewrnk" meldet, ist in Warschau eine grosse Industriekrise ausgebrochen, welche die Juden hart betroffen hat. Das offizielle Blatt schreibt, dass die Bestellungen aus den inneren Gouvernements dauernd zurückgehen und dass die Fabrikation um die Hälfte reduziert wurde. Die um diese Zeit regelmässig eintreffenden Aufträge sind absolut ausgeblieben. Die Unterbrechung des alt Gewohnten zieht ausserordentlich störende, unbequeme, ja verhängnisvolle Folgen nach sich. Fin grosser Teil der hiesigen jüdischen Intelligenz pflegte während des normalen, gewöhnlichen Ganges der Dinge alljährlich im Kommissionsgeschäft seine ausreichende, bisweilen glänzende Existenz zu finden. Die Gelegenheit dazu ist in diesem Jahre nicht geboten, und diese zahlreiche Geschäftsklasse weiss sich keine andere Beschäftigung zu schaffen. Das Warschauer Bureau „Bratskaja Pomoschtsch" hat mit dieser notleidenden jüdischen Intelligenz viel zu schaffen und weiss nicht, wie es diesem Notstande abhelfen soll. Gt. Aus England. Wordsworth sagte an einer Stelle, nichts sei schöner als der Anblick Londons bei Tagesgrauen, wenn die Stadt noch schläft, diese riesige Menschenherberge an der Themse. Noch schweigt des Tages und der Arbeit Geräusch und Gerassel, es steigt noch nicht der Rauch und Qualm von den Schloten zum Himmel, die Sonne verdunkelnd. Und in den ersten Strahlen der Sonne badet sich frisch die grösste Stadt der Welt. Nun, Wordsworth war ein grosser Dichter und hat alles mit Dichteraugen geschaut. Aber war er je in Whitechapel oder in Stepney? Hat er je die bunte, scheckige, durcheinandergewürfelte, wogende Menge der Bewohner dieser Stadtviertel Londons, die den gemeinsamen Stempel des Rassentypus aufgedrückt haben, gesehen? Auch dann ist London interessant, wenn es lebt. Der Himmel ist verdunkelt, aber das Leben pulsiert. Und in der engen City, in der Downing- Street zirkulieren Reichtümer, werden der Welt Gesetze diktiert. Und in Whitechapel sitzen in den Werkstätten, in den Fabriken Arbeiter, jüdische Proletarier, die schwer um das Brot ringen und es im Schweisse ihres Antlitzes verdienen. Verschiedene Kulturen und Weltanschauungen stossen da aufeinander. Der polnische Jude und der englischeste „Brite" wohnen unter demselben Dache, in demselben Zimmer, ja manchmal in einer und derselben Person. Das jüdische Viertel ist ein fleischgewordener Widerspruch. Einerseits wird das jüdische Volkswesen gepflegt und gefördert — wie es zum Beispiel die geplante Eröffnung des neuen Jargontheaters „Orient", im East-End, in der Commercial Road, wovon wir noch zu sprechen Gelegenheit haben werden, beweist — andererseits strebt der Jude selbst immer hinaus, aus dem engen Rahmen seines Milieus, in die weite Welt. Und es gährt. Soziale, nationale, religiöse Anschauungen stossen aufeinander, bekämpfen sich gegenseitig. Wer kennt nicht die Figur von John Storm in Hall Cains „The Christian\ wer kennt nicht die packende Szene, wo er, der Prediger des Heiles, der Apostel der neuen sozialen Idee, als Opfer des Volkes fällt, für das er kämpft. Bei uns gibt es zwar derartige Szenen nicht, aber es gibt auch keine John Stomas. Keine zentrale Persönlichkeit, keine tatkräftigen Individualitäten, die ins Volk gingen und für das Volk arbeiteten. Und wenn unsere John Storms en miniature arbeiten wollen? Was kommt heraus? — Eine„JewishReligions Union", eine lächerliche, unnütze Ausgeburt müssiger Gehirne. Eigentlich ist es jetzt schon eine überflüssige Sache, über die Jewish Religions Union zu schreiben, höchstens müsste es eine Nachrede sein. Denn die besagte Union, oder mit deutschen Worten „Verein zur Entjudung der jüdischen Religion", liegt in den letzten Zügen. Sie ist eine Fehlgeburt der West-End-Juden mit deren Ideologen Mr. Claude G. Montefiore an der Spitze. Eine Fehlgeburt, weil sie aus einer Mischung zweier heterogenen, oder wenn Sie wollen, myladies and gentlemen, auch nicht heterogenen, aber jedenfalls kaum fruchtbaren Elemente, Theologie und Assimilation entstanden ist. Mr. Claude G. Montefiore eröffnete den Reigen mit seinem Buche über die „Jüdische Religion". Er hat den Ehrgeiz, der jüdische Newman, oder, um dem „rnade in Germany" treu zu bleiben, der jüdische Harnack zu sein. Ich werde der letzte sein — zum wenigsten hier — der sich mit den rein theologischen Fragen auseinanderzusetzen beabsichtigt. Aber er blieb nicht bei seiner

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