Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316099--45824-3340650- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 25 „bie & weit11 Seite 5 Ghetto den jüdischen Einwanderern für die erste Zeit unzweifelhaft bietet, nebst der grossen Anziehungskraft, die eine Grossstadt wie New-York mit ihrer Riesenindustrie auf die jüdischen qualifizierten Arbeiter ausüben muss, ist der Mangel an Mitteln, um mit seinen Angehörigen weiter zu kommen, mit der Hauptgrund, weshalb der Jude das grösste Ghetto alier Zeiten errichtet hat und es noch immer weiter zu vergrössern strebt. Angesichts der schwerwiegenden Gründe, welche den Juden zur Niederlassung in New-York zwingen, ist es nur sehr anerkennenswert, wenn sich trotz alldem noch sehr zahlreiche jüdische Immigranten entschliessen, von New-York weiter ins Innere des Landes zu gehen. Von den restlichen 25.258 jüdischen Einwanderern gingen 8206 10.76°|0 nach Pennsylvania respektive Philadelphia, 4130 5.52°|0 nach Massachusetts mit der Hauptstadt Boston, 3170 4 15°/0 nach Chicago im Staate Illinois, 2004 2.65''/0 begaben sich nach New-Jersey, wo in Woodbine sich ein neues jüdisches Zentrum heranzubilden beginnt. Ohio mit seiner Hauptstadt Cinncinati vermochte nur 1521 2%, Baltimore in Maryland nur 1074 4°|0 und der Staat Connecticut nur 1020 1.3°|0 aller jüdischen Immigranten anzulocken. Von den 76.203 jüdischen Einwanderern sind demnach 72.070 94,57t>/0 nach acht Staaten gegangen. Allein der den Juden deswegen gemachte Vorwurf, immer nur bereits von anderen betretene Bahnen zu wandeln, könnte mit fast gleichem Rechte auch gegen die übrigen Immigranten erhoben werden. Nach eben denselben Staaten, welche nahezu 95°|0 der gesamten jüdischen Immigration aufgenommen haben, sind ausser den Juden noch 532.151 nichtjüdische Einwanderer gegangen. Es wandern also auch andere gern auf gut gepflasterten Landstrassen! Von diesen 532.151 Personen, welche 68.15°|0 der gesamten nichijüdischen Immigration ausmachten, ging wiederum 47.72°|0 allein nach New-Yorkund Pennsylvanien. Von den Süditalienern wanderten dahin 68°/0, von den Slaven 60°[0, von der Irländern IS°\Q und von den Polen, Litthauern und Ruthenen zusammen 54°|0. Es haben eben alle Völker das Bedürfnis, in der Fremde beisammen zu wohnen und Ghettos zu bilden. Alle von den amerikanischen Juden gemachten Anstrengungen zur Sprengung der grossen Ghettos von New-York. Philadelphia und Chicago werden ergebnislos bleiben, so lange der Jude noch treu an seiner Familie hängt und sie auf allen seinen Wanderungen stets mitnimmt. Erst wenn er zu dem Irländer Johny, bei dem Weiblein und Männlein getrennt nach Amerika marschieren, herabgestiegen sein wird, könnte man an die Auflösung der Ghettos gehen. Dann aber werden die Juden auch nicht mehr die idealen Immigranten sein, wie sie infolge ihrer sittlichen Tugenden? ihres edlen Familiensinns, ihrer hohen Bildung und ihrer gewerblichen Tüchtigkeit es zur Zeit zweifellos noch sind. Die erneuerte Judenhetze in Russland. Die antisemitischen Blätter in Russland haben in letzter Zeit ihre Ausfälle gegen die Juden mit grosser Erbitterung erneuert. In Petersburg, Moskau und Warschau eröffneten die sogenannten national-russischen Blätter einen scharfen Feldzug gegen die Juden, um in gehässigen Artikeln die Juden zu verdächtigen und sie als die Träger aller erdenklichen Laster hinzustellen. Dieser neue Felizug gegen die Juden zu einer Zeit, in der die jüdischen Soldaten auf den Schlachtfeldern in der Mandschurei ihr Blut für das russische Vaterland vergiessen, zeigt, dass es sich um eine bestimmte Taktik der antisemitischen Blätter Russlands handelt, um etwaige Reformen und Erleichterungen für die Juden zu hintertreiben. Tatsächlich hat die ^blosse Ankündigung, dass dem Reichsrate eine Gesetzvorlage über die Aufhebung des Niederlassungsverbotes für Juden in den sogenannten Grenzzonen zugegangen ist, d. h. in den Distrikten, welche in einer Entfernung bis 50 Werst von der Grenze liegen, genügt, um alle die Aasgeier im antisemitischen Lager von Petersburg, Moskau und Warschau aufzuscheuchen. Die „Nowoje Wremja", welche die angekündigte Einbringung der Gesetzvorlage mit Stillschweigen aufgenommen hatte, publiziert nunmehr über diese Gesetzvorlage eine an Umfang zwar kleine, aber an Perfidie und Hinterlist grosse Notiz, die zur Erkenntnis der Sitten der antisemitischen Presse und der Lage der Juden in Russland sehr wertvoll ist. Diese Notiz lautet wörtlich: »Angesichts der bestehenden Gesetzvorlage, den Juden das Wohnrecht in der Grenzzone einzuräumen, entsteht von selbst die sehr wichtige Frage der Verschärfung der Zollüberwachung an allen Landesgrenzen. Wie bekannt, sind die Juden die erfahrungsreichsten und kühnsten Schmuggler. Sogar ohne das Wohnrecht in der Grenzzone zu haben, betreiben sie Schmuggel und versehen ihre Glaubensgenossen mit geschmuggelten Waren, wodurch alle gesetzestreuen Kaufleute in unmögliche Konkurrenzverhältnisse versetzt werden. Mit der bevorstehenden Erweiterung des Wohnrechtes der Juden in der Grenzzone, welche auch mit dem Rechte leichteren Ueberganges über die Grenze verbunden ist, müssen daher Mitlei ergriffen werden, um die Interessen ditser Kaufleute und zugleich auch die des Aerars wachsam zu schützen." Wer die Verhältnisse in Russland kennt, weiss, welche Rolle die „Nowoje Wremja" bei den bisherigen Verfolgungen der Juden in Russland spielte, und welche Bedeutung daher der Notiz dieses Blattes beigemessen werden darf. Die Gutachten der Gouverneure über die nützliche Rolle der Juden auf dem Gebiete des Handels und des Gewerbes, welche erst unlängst in der Kommission in Petersburg abgegeben wurden; die erschreckende ökonomische Lage der Juden im Niederlassungsgebiete, welche sogar von Russen konstatiert wurde; die Opferfreudigkeit, welche die Juden im ganzen Reiche aus Anlass des Krieges in Ostasien bekunden — das alles ignoriert die „Nowoje WremjV gänzlich, um jede den Juden zugedachte Erleichterung im Vorhinein als Verbrechen an Russland hinzustellen. Aber noch mehr: sogar heroische und patriotische Taten von Jaden zu Gunsten ihrer russischen Mitbürger werden von den antisemitischen Blättern in „Schandtaten" der Juden verwandelt, um so die feindselige Stimmung gegen unsere Volksgenossen im Zarenreiche noch zu erhöhen, Ein jüdischer Fleischlieferant hat mit einem grossen Fleischtransport die Blokade der japanischen Schiffe vor Port-Arthur durchbrochen und das Fleisch dem russischen Kommandanten der Festung abgeliefert. Es war ein kühnes Stück, Aber aus diesem Wagnis wurde eine Schandtat gemacht. Die offiziellen „Irkutskija Gubernskija Wjelomosti* druckten die Erzählung eines Zeitungsausträgers ab, wonach der jüdische Lieferant den Japanern einen Fleischtransport geliefert hätte. Wohl erwies sich die Erzählung als böswillige Erfindung, wohl wurde der phantasiereiche Zeitungsausträger eingesperrt, aber die giftige Legende drang in das Volk ein und erzeugte eine den Juden feindselige StimmuDg. Sogar in Charbin fand man die Müsse und den Mut, die Juden arg zu verleumden. So wusste der „Charbinskij Wjestnik* zu melden, dass die in Charbin lebenden Juden Gottesdienste für den Sieg der japanischen Waffen veranstalten. Die verleumdeten Juden haben zwar den „Charbinskij Wjestnik* sofort geklagt, aber bis zur gerichtlichen