Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „biS # W^lt11 Nr. 25 neuen Heimat doch von sehr wesentlichem Unterschiede, ob er, wie der Slovake, höchstens als Holzfäller zu verwenden ist, oder ob er als qualifizierter Arbeiter Anstellung in einem grossen industriellen Etablissement findet. Von den G;>7.:U5 arbeitenden Einwanderern waren 90.883=13.82% in der Landwirtschaft, 92.086=14.01% als Gesinde, 320 642= 48.77% als ungelernte Taglöhner und 124.683=18.96% als gelernte Arbeiter beschäftigt. Nur ein geringer Teil der Einwanderer ist demnach in der Lage, bei dorn auch in den Vereinigten Staaten sich vollziehenden Uebergange aus einem Agrarin einen Industriestaat sich lebhaft zu beteiligen. Unter diesen wenigen Einwanderern nehmen aber die Juden den ersten Platz ein, den sie selbst gegen Engländer und Deutsche siegreich behaupten. Von den 45.051 arbeitenden Juden waren 380 in der Landwirtschaft und 3.450=7.65%, im Handel tätig. 0.664=14.79% mussten sich als Taglöhner und 7.039=15.63% als Gesinde ernähren. 26.010=57.73% waren gelernte Arbeiter! Die Engländer hatten 43.85, die Deutschen nur 31.17% gelernte Arbeiter. Die Süditaliener mussten sich zu 77.30% als Taglöhner und Landarbeiter, die Irländer, welche die meisten alleinstehenden,, arbeitenden Frauen aufweisen, als Taglöhner und Dienstboten durchschlagen. Die .Landsleute der jüdischen Immigranten, die Polen, Litthauer und Ruthenen hatten 44.470 gelernte gegen 64.925 ungelernte Arbeiter. Nebst ihren gesunden Armen haben die Einwanderer im Berichtsjahre nicht weniger als 16,517.113 Dollar 65 Millionen Mark als Morgengabe mitgebracht. Bei einer kommunistischen, völlig gleichmässigen Verteilung dieses Betrages unter sämtliche Immigranten würde jeder von ihnen 19.27 Dollar erhalten. Allein damit wären die Engländer, welche nahezu 50 Dollar und die Deutschen, die 34 Dollar mitbrachten, sehr unzufrieden. Auch die Norditaliener, welche in vieler Hinsicht mehr den Germanen als den Romanen gleichen, würden, da sie 23 Dollar mitgebracht haben, bei der Teilung noch zusetzen. Dagegen haben ihre südlichen Volksgenossen nur 11 Dollar pro Kopf mitbringen können. Den Süditalienern am nächsten kamen die Slovaken mit 12, die Kroaten mit 12.35 Dollar pro Kopf. Von den Landsleuten der jüdischen Immigranten hatten die Polen 0.50, die Litthauer 9 und die Ruthenen 9.40 Dollar pro Kopf. Fast genau ebensoviel, nämlich 9.69 Dollar pro Kopf haben auch die Juden mitgebracht. In Anbetracht des in der letzten Zeit namentlich in England gegen die jüdischen Einwohner so oft und so laut erhobenen Vorwurfs des Pauperismus wollen wir jedoch konstatieren, dass zwischen den jüdischen Immigranten und ihren polnischen, litthauischen und ruthenischen Landsleuten auch inbezug auf das mitgebrachte Geld doch ein gewaltiger Unterschied besteht. Ein oberflächlicher Blick auf das vom Einwandertmgsanite gelieferte statistische Material lehrt nämlich, dass eine ganz erhebliche Anzahl Einwanderer und zwar nicht weniger als 217.478=25 87% aller Immigranten überhaupt keinen Cent in der Tasche hatte. Nebst 102.431 Kindern werden diese mittellosen Einwanderer offenbar zum allergrössten Teile aus verheirateten Frauen bestehen, die ja gewöhnlich kein selbständiges Vermögen besitzen. Solche ohne Mittel Eingewanderte bildeten bei den Deutschen 34.25%, bei den reichen Engländern 30.66%, dagegen bei den Slovaken 16.4S und bei den Kroaten gar nur 9J2°|0. Von den christlichen Landsleuten der jüdischen Immigranten hatten die Ruthenen 13.63, die Polen 22.44% und die Litthauer 26.37%. Dem gegenüber hatten die Juden 42.526=55.8% Immigranten ohne Geld. Diese waren, wie wir nochmals betonen wollen, durchaus keine „Paupers", sondern die zahlreichen Familienangehörigen von hochwillkommenen Einwanderein, die nebst ihrer qualifizierten Arbeitskraft ihrer neuen Heimat verhältnismässig erhebliche Barmittel zugeführt haben. Würde man nun die von den Einwanderern ins Land gebrachten Millionen nicht gleichmassig unter sie verteilen, sondern die Verteilung nur unter den mit Geld Gekommenen vornehmen, so würde jeder von ihnen nicht 19.27, sondern erheblich mehr erhalten. Die Engländer würden auch bei diesen Verteilungsmodus mit 71.24 Dollar an der Spitze bleiben, aber die Juden würden dabei mit 21.93 Dollar von ihren christlichen Landsleuten, welche nur 12.15 Dollar bekämen, weit abrücken. Aber auch durch eine solche Berechnung wäre die eigentliche Vermögenslage der jüdischen Auswanderer noch bei weitem nicht genau präzisiert. Um dieses tun zu können, müsste noch berücksichtigt werden, dass die jüdischen Auswanderer für ihre zahlreichen Angehörigen die grossen Ueberfahrtskosten zu bestreiten haben. Aus naheliegenden Gründen lassen sich die Kosten der Bahnfahrten nicht näher präzisieren. Dagegen ist unter Zugrundelegung einer Ueberfahrt von Hamburg nach New-York der von den Emigranten aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rumänien und Russland für die Fahrt über den Ozean bezahlte Mindestbetrag ziemlich genau angegeben. Die Fahrt dritter Klasse von Hamburg nach New-York kostet 120 Mk. für einen Erwachsenen und 60 Mk. für jedes Kind unter 14 Jahren. Nach dieser Berechnung hatten nun in den genannten vier Ländern 276.754 erwachsene selbständige Personen ganze und halbe Schiffskarten für 45,475.220 Mk. gelöst. Auf jede Person entfiel eine Ausgabe von durchschnittlich 164.31 Mk. Auf den Anteil von 33.340 selbständigen Juden entfielen aber 7.927.200 Mk., was einer Durchschnittsabgabe von 237.76 Mk. allein für die Ueberfahrt gleichkommt. Würden diese Juden nur eine Durchschnittsfamilie zu transportieren haben, jeder von ihnen hätte 73.45 Mk. sparen und 39.43 Dollar statt wie jetzt nur 21.95 mitbringen können. Umgekehrt würden selbst die Deutschen bei einer so grossen Familie statt 52.56 Dollar 35.85 Dollar, also weniger als die Juden mitbringen. Der Pole reist mit leichtem Gepäck und gibt für den Transport seiner Person und seiner wenigen Angehörigen nur 147.25 Mk. aus, der Ruthene bezahlt 142.23 Mk. und der Litthauer 156.55 Mk. Diesen drei Völkerschaften würde, wenn sie solche grosse Familien wie die Juden mitzunehmen hätten, schon in Hamburg der Atem ausgehen. Zur Bestreitung der Ueberfahrt würden ihnen viele Millionen Mark fehlen, jedenfalls würden sie in die Vereinigten Staaten statt mit 1,008.518 Dollar Bargeld mit 767.458 Schulden anlangen. Die demnächst als Folge des Konkurrenzkampfes des Schiffstrust gegen die Cunardlinie zu erwartende Herabsetzung der Ueberfahrtspreise nach Amerika*) von 120 Mk. auf 40 Mk. wird bald zeigen, dass die jüdischen Immigranten nicht zu den ärmsten Einwanderern, sondern nach den Engländern mit zu den reichsten gehören. Die schwerwiegende Tatsache, dass der jüdische Auswanderer noch eine grosse Familie mit über den Ozean schaffen muss, ist einer von den wichtigsten Gründen, weshalb so viele jüdische Emigranten in New-York verbleiben müssen. Anders als sein mit leichtem Gepäck reisender, für niemand verantwortlicher Schicksalsgenosse hat der jüdische Immigrant den ganzen langen Weg durch eine grosse Familie auf dem Halse. Durch die schwere Bürde ist er schliesslich so erschöpft, dass er, gleich manchen Zugvögeln nach Durchquerung des Mittelländischen Meeres am Gestade unbeweglich liegen bleibt. Daher mussten im Berichtsjahre von 76.203 eingewanderten Juden nicht weniger als 50.945 66.83°/0 in New-York verbleiben, um das grosse Ghetto auf der Eastside dieser Riesenstadt noch weiter zu vergr össern. Nebst den Bequemlichkeiten, welche das grosse *) Sie ist bereits eingetreten. Die Red.