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Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 „Oi* # W^lt11 Seite 3 reichten Anzahl von 76.203 9-35% der gesamten europäischen Immigration! Die Zahl der jüdischen Emigranten ist also im Berichtsjahre ungewöhnlich gross gewesen* Es ist augenscheinlich : den Juden geht es nicht gut. Sie haben Ursache» mit ihrem Schicksal unzufrieden zu sein, und sie suchen dasselbe durch einen Domizilwechsel zu korrigieren. Die Ursachen des jüdischen Missvergnügens sind gewiss zum erheblichen Teil rein wirtschaftlicher Natur; ein näheres Eingehen auf statistische Zahlen lässt jedoch erkennen, dass neben diesen Gründen ökonomischer Natur wohl noch andere Ursachen die jüdische Emigration sehr wesentlich beeinflussen müssen. Es sind Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert: aus Russland 47.689 62*58%, aus Oesterreich 18.759 24-51% und aus Rumänien 8.562= 11-23%, aus den genannten drei Ländern zusammen 75.010 98*43% aller jüdischen Immigranten. Diese Zahlen sprechen eine sehr beredte Sprache. Einen weiteren Beweis für einen speziell auf den Juden lastenden Druck liefert das Studium derjenigen nicht jüdischen Immigranten, welche aus den gleichen Ländern wie die jüdischen kommen. Aus den Ansiedlungsrayon kommen nebst Juden auch Litthauer und Polen, aus Galizien Polen und Ruthenen. Die jüdischen Auswanderungsländer haben nebst 66.448 Juden noch 9.819 Ruthenen, 14.220 Litthauer und 77.047 Polen, zusammen 101.086 gegen 66.448 Juden. Die Juden lieferten in jener Gegend demnach nicht weniger als 39°/0 sämtlicher Auswanderer. Noch prägnanter sind die Zahlen über Rumänien. Dieser kleine Staat lieferte im ganzen nur 9.310 Amerikawanderer, darunter waren aber 8.562 91-95% Juden. Wer diese Emigranten nicht als politische Flüchtlinge anerkennen will, der leidet an unheilbarem Antisemitismus. Eine weitere Analyse der von der amerikanischen Regierung gelieferten Zahlen ergibt, dass unter den 76.203 jüdischen Einwanderern sich 36.463Männer und 22.696=29 78% erwachsene Frauen befanden. Solche Zahlen weisen auch manche andere Nationalitäten auf, obwohl das Durchschnittsverhäitnis für die gesamte Immigration nur 22*48% beträgt. Um die einwandernde erwachsene Frau als das, was sie sein soll, als Familienmutter, zu legitimieren, gehören zu den Frauen noch die entsprechenden Kinderscharen; und diese weist kein anderes Volk in so überwältigender Zahl auf, wie die jüdischen Ameiikawanderer. Die von ihnen mitgebrachten Kinder (im Alter von unter 14 Jahren) betrugen im Berichtsjahre 25% aller Einwanderer. Der Durchschnitt belief sich auf 11*95, sank aber bei den Polen etc. auf 9-42 und betrug selbst bei den Germanen nicht über 14-37. Diese goldene Mischung aus 45% Männern, zirka 30% verheirateter Frauen und 25°/0 Kindern erhebt die jüdische Immigration auf eine sehr hohe moralische Stufe und stempelt sie zu einem vortrefflichen Menschenmaterial, wie es ein auf Menschenzuwachs durch Einwanderung angewiesenes Staatswesen sich gar nicht besser wünschen kann. Dennoch sind im Berichtsjahre nicht weniger als 991 Juden von Mr. Williams, dem neuernannten Einwanderungskommissär, unwürdig erklärt worden, amerikanischen Boden zu betreten. Der Grund lag aber nicht etwa an der Minderwertigkeit der jüdischen Einwanderer, sondern an dem neuen Besen Mr. Williams, der auch unter den nichtjüdischen Einwanderern gut gefegt hat. Unter dem Regime dieses Beamten stieg die Zahl der Zurückgewiesenen von 0'7°/0 im Vorjahre auf 1*02%. -Die Rücksichtslosigkeit des Mr. Williams wurde selbst der Newrorker Presse zu toll und führte zahlreiche Reklamationen seitens mehrerer hochangesehenen Körperschaften herbei. Es braucht nicht erst besonders erwähnt zu werden, dass speziell die Juden von der Willkür des Mr. Williams schwer zu leiden hatten. Wir Juden sind es nachgerade gewöhnt, von dem hereinbrechenden Unglück, gleichviel ob es der schwarze Tod, eine ökonomische Krisis oder Mr. Williams heisst, in erster Reihe und am härtesten betroffen zu werden. Wir fügen zum Vergleiche die Ziffern der Zurückgewiesenen aus den letzten 4 Jahren hinzu: sie betrugen 1900 für die gesamte Immigration 0-94, für die Juden 0-45°/o; 1901 für die gesamte Immigration 0-72, für die Juden 0*59%; 1902 für die gesamte Immigration 0*76, für die Juden 0*58°|0; im Berichtsjahre dagegen für die gesamte Immigration 102, für die Juden 1*30%. Von den zurückgewiesenen 991 Juden waren angeblich 254 krank, 715 Paupers und 24 sogenannte Kontraktarbeiter. 78 Juden wurden im ersten Jahre nach erfolgter Landung'noch nachträglich des Landes verwiese». Nur die im ganzen Lande bitter gehassten Süditaliener haben mit 1*43°|0 Zurückgewiesenen noch schlechter als die Juden abgeschnitten. Sehr überrascht wird der Uneingeweihte von dem grossen Prozentsatze der jüdischen „Illiteracy" d. h. derjenigen erwachsenen Immigranten, die der Kunst des Lesens und des Schreibens unkundig waren. Von den 57.159 erwachsenen Juden sind nicht weniger als 15.141 26.49°/0 als „initeracy" bezeichnet. Zwar wiesen ihre polnischen, litthauischen und ruthenischen Landsleute noch mehr von dieser Sorte auf, nämlich 35.64%- Die Süditaliener brachten es sogar auf nicht weniger als 48.46%. Allein der Durchschnitt betrug nur 25.04 und sank bei den germanischen Völkern bis auf 2.14% herab. Es will geradezu unglaublich erscheinen, dass das Volk der Schrift, welches seit „der Leuchte des Exils" (Rabbi G e r s ch o n), also seit mehr als 8 Jahrhunderten in seinem nationalen Cheder die freiwillig durchgeführte, allgemeine Schulpflicht für Knaben besitzt, noch so viele des Lesens Unkundige aufweisen soll. Allein die Lösung des scheinbaren Widerspruches ist schon in dem Ausdruck, „allgemeine Schulpflicht für Knaben", gegeben. Unser nationales Cheder ist in der Tat nur für Knaben geschaffen worden, während das jüdische Mädchen von religionswegen einen Unterricht weder zu erhalten braucht, noch auch in Wirklichkeit bekommt. Zieht man nun von der Gesamtzahl der erwachsenen jüdischen Einwanderer die der 22.696 erwachsenen Frauen ab, so ergibt sich, dass sämtliche erwachsene jüdische Männer und ausserdem noch 7.555 erwachsene Frauen mindestens des Lesens kundig waren. Dennoch sollen die von der amerikanischen Regierung gelieferten Zahlen uns zum Nachdenken veranlassen. Sollte einmal — was von sehr ein flussreichen Parteien im Lande schon seit lange angestrebt wird — bei der Zulassung der Immigranten ein Bildungscensus eingeführt werden, so wird die prinzipielle Ausschliessung des jüdischen Weibes aus dem Cheder unserem vorläufig auf die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten angewiesenen Volke schweren Schaden zufügen. Die Tatsache, dass die jüdischen Einwanderer eine sehr grosse Anzahl Frauen und Kinder mitnehmen, darf beim Studium der jüdischen Immigration keinen Moment ans den Augen gelassen werden. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Einwanderungstabellen und beeinflusst das spätere Leben der jüdischen Einwanderer in der neuen Heimat in ganz ungeahnter Weise. So wird durch die Mitnahme der Frauen und Kinder die Zahl der erwerbenden Immigranten ganz bedeutend herabgesetzt. Während im Durchschnitte auf je 100 Einwandernde 23.31, %ei den christlichen Landsleuten der jüdischen Einwanderer gar nur 9 Nichtarbeitende kamen, betrug diese Zahl bei den Juden 40.88. Dies will bedeuten, dass je 59.12 arbeitende Juden 40.88 Nicht- oder wenig Erwerbsfähige mit zu ernähren haben. Die Engländer hatten 33.56, die Deutschen 35.44 Nichtarbeitende. Der Nachteil, so viele Esser ernähren zu müssen, kommt aber bei den jüdischen Einwanderern wenig in Betracht, da sie fast alle grosse Verdiener sind. Es ist für das Wohlergehen des Einwanderers in seiner

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