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Die Welt · 1904-06-17 · 25 (17.6.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
25 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Eine andere Betrachtung aber ist womöglich noch wichtiger. Was wird mit allen den Tausenden Armer und Aermster geschehen, die jetzt, ohne Vorbereitung, ohne bestimmtes Ziel — wenn man den Landungsplatz nicht als solches ansehen will — nach Amerika wandern? Einem Teile wird es sicher nicht gelingen, auch nur bis zum Abfahrtshafen zu gelangen. Es wird ein mühseliges Fortschleppen von einer jüdischen Gemeinde zur andern werden, das damit schliessen wird, dass einige in irgendeinem Orte bleiben werden, wo man sie duldet, und sie den notdürftigsten Lebensunterhalt zu gewinnen hoffen dürfen, während andere durch mildtätige Personen oder Gesellschaften wieder dorthin zurückbefördert werden, woher sie gekommen sind. Ein anderer, besser situierter Teil wird nach New York gelangen, wird sogar über die paar Dollar verfügen, die man bei der Landung vorweisen können muss, und dann eben noch ins New-Yorker Ghetto gelangen können. Im grossen und ganzen noch glücklichere Menschen, wTeil sie doch eine Existenzmöglichkeit vor sich sehen. Auch von diesen wird ein Teil das europäische Festland unfreiwilliger Weise wiedersehen, weil er in Amerika sich nicht wird durchringen können. Ein anderer Teil wird nach einiger Zeit von New York weiter wandern müssen, weil das East End New Yorks eine weitere Ueberfüllung nicht mehr verträgt. Das wird wieder eine neue und keine angenehmere Wanderung werden, als es die erste war. Die Freunde der Einschränkung der amerikanischen Einwanderung werden Material in Fülle bekommen, und Mr. Williams, der Einwanderungskommissär, wird nicht der einzige Beamte sein, über den die Presse zu klagen haben wird. Gegen alle diese Dinge, die noch lange nicht vollständig aufgezählt und in ihren Einzelheiten beleuchtet wurden, können wir momentan höchstens das Eine tun, dass wir die ganz oder fast ganz Mittellosen von einer übereilten Auswanderung abzuhalten suchen. Wir sind wahrlich keine Fürsprecher der Zerstreuung der Juden in recht ferne Länder, aber dieser plötzliche Massenzuzug in eine einzige Stadt und noch mehr in einen einzigen Stadtteil kann unmöglich gute Folgen haben* Wir müssen übrigens auch darnach trachten, den Auswanderern Gebiete anzuempfehlen, in denen für sie eine Existenzmöglichkeit und zugleich die Sicherheit geboten ist, dass sie nicht die dort bereits ansässigen Juden in ihrer Position schädigen und sich dadurch selbst jedes zukünftige Vorwärtskommen abschneiden. Wir müssen darauf sehen, dass das zwecklose Umherreisen der Auswanderer aufhöre, bei dem unserem Volke ganz unnötiger Weise Millionen Geldes einfach verloren gehen. Das alles und noch manche andere bedrohliche Folgeerscheinung lässt sich nur durch die von uns immer wieder verlangte Regulierung der jüdischen Auswanderung durch eine über alle Erdteile sich erstreckende Organisation erreichen. Wir haben an dem scheinbar nebensächlichen Umstände des Kampfes einiger Schiffsgesellschaften gezeigt, wie unsicher und gegen die kleinste Erschütterung widerstandslos sich die Stabilität der Verhältnisse des jüdischen Volkes zeigt. Es ist ja gar nicht abzusehen, welchen Zufällen wir unsere Brüder und uns selbst aussetzen, wenn wir da nicht Wandel schaffen. Sollte es denn wirklich so schwer sein, das freiwillig und zur rechten Zeit zu tun, wozu sich die jüdische Gesamtheit durch irgend eine grössere Katastrophe vielleicht gerade zu ungünstiger Zeit gezwungen sehen würde? Das wollen und können wir nicht glauben. Eine grosse Aufgabe harrt ihrer Lösung. Es müsste sonderbar zugehen, wenn wir Juden sie nicht glücklich zu Ende führen könnten. Wenn wir nur wollen! W. Die jüdische Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1902/1903. Von J, Turoff. Die Wanderung der Juden nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist für Gegenwart und Zukunft des gesamten jüdischen Volkes yon so enormer Tragweite geworden, dass man sich wundern muss, dass derselben bisher von keiner Seite mehr als eine gelegentliche oberflächliche Betrachtung gewidmet worden ist Es ist das umso erstaunlicher, als das erforderliche Material von offizieller Seite seit vielen Jahren in kaum geahnter Fülle geliefert wird. Im nachstehenden wollen wir versuchen, an der Hand des offiziellen Berichts ein Bild von der jüdischen Auswanderung nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1902/1903 zu entwerfen. Nach dem vom Chef des Einwanderungswesens, dem General-Kommissär P.P. Sargent, dem Finanzministerium erstatteten Bericht haben in den 12 Monaten, vom 1. Juli 1902 bis 30. Juni 1903, nicht weniger als 921.315 Personen amerikanischen Boden betreten. Davon gingen 64.269 Kajütenpassagiere ab, welche zwar registriert, aber nach dem Gesetze weiter nicht behelligt werden dürfen, da von ihnen angenommen wird, dass sie Geschäfts- oder Vergnügungsreisende sind und mit den eigentlichen Immigranten, welche in der Regel nur als Deckpassagiere ankommen, nichts zu schaffen haben. Solche Zwischendeckpassagiere gab es nun im Berichtsjahre 857.046. Es ist das eine seit Bestehen der Vereinigten Staaten noch nie erreichte Zahl, Fast alle Länder und Erdteile haben an dieser zu keiner Zeit und in keinem Lande dagewesenen friedlichen Völkerwanderung teilgenommen. Afrika, Australien, das übrige Amerika, sowie die Inseln des Atlantischen, Indischen und Stillen Oceans sandten 12.573 l*460/o, der asiatische Kontinent beteiligte sich mit 29.966 3-49% aller Einwanderer. Der Löwenanteil an der gesamten Immigration entfiel jedoch auf Europa, das 814.507 95'05°/0 aller Einwanderer geliefert hat. An der Spitze der gesamten Immigration marschierte in dem Berichtsjahre Italien, das nicht weniger als 250.622 Emigranten lieferte, ihm folgte Oesterreich-Ungarn mit 206.011. Das weite Zarenreich nimmt mit 136.093 Auswanderern erst den dritten Platz ein; denn was ein eigentlicher Busse ist, wandert nach Sibirien aus, und die nach Amerika emigrierenden „Russen* sind Deutsche, Finnländer, Polen, Juden oder Litthauer. Die erstgenannten drei Länder liefern demnach zusammen 572.726, d. i. 66-82 der gesamten und 70*32 der europäischen Emigration Es folgen dann im weiten Abstände: Skandinavien mit 77.647, England mit 68.947 und Deutschland mit 40.086 Emigranten. Die germanischen Länder, welche fast ein volles Jahrhundert hindurch das Gros der Amerikawanderer lieferten, haben nun den romanischen und slavischen Ländern den Vortritt lassen müssen. Auch die Zusammensetzung der Immigration hat gegen die Zeit von vor 30 Jahren eine wesentliche Alteration erfahren. Die bis vor Kurzem dominierend gewesenen germanischen Rassen entsendeten in diesem Jahre nur 185.917 Immigranten und mussten den ersten Platz den Romanen abtreten, welche mit 255.940 Auswanderern den dritten Teil der gesamten europäischen Immigration gestellt haben. Unter diesen Romanen sind nur sehr wenig Franzosen, da diese seit mehr als 150 Jahren keine Menschen mehr exportieren und diesen Exportartikel an die Italiener abtreten mussten. Letztere haben im Berichtsjahre nicht weniger als 252.441 Menschen nach den Vereinigten Staaten abgegeben. Die Slaven stellten diesmal 180.893, die Irländer 35.366 und die Juden kamen in der bisher noch nie er-

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