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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 „biC # Welt" Seite 7 Aus England. Mr. Luden Wolf hält sich immer auf der Oberfläche des jüdischen Lebens. Jedesmal taucht er auf, um diese oder jene Bewegung und Strömung im Judentum zu bekämpfen. Und die Ideale Wolfs, für die er Partei ergreift, im Namen deren er redet, sind die altkonservativen, die straussvogelpolitischen, sowohl in sozialer als in nationaler Beziehung. Mr. Wolf ist eine jener Persönlichkeiten, denen der eigentliche Sinn für das lebendige, pulsierende Streben, für das warme, farbenschillernde Leben ihrer Zeit gänzlich abgeht. Sie haben aber auch keinen wahren, abgeklärten historischen Sinn. Sie behandeln die Gegenwart vom geschichtlichen Standpunkt und lassen sich in der Geschichte von vorgefassten Meinungen, von verschiedenartigen Einflüssen leiten. In der Judenfrage ist Mr. Wolf der Wortführer der Tories, wenn ich mich so ausdrücken darf. Er ist der Ideologe dieser alten, rationalistisch-bourgeoisen jüdischen Weltanschauung, die teilweise religiös-träumerischen, aber doch eher bürgerlich-bequemen Motiven entspringt, der Anschauung von der Bestimmung Israels unter den Völkern, von der jüdischen Mission. Es ist eine der abgeschmacktesten Anschauungen. Nun gibt es aber kein dummes Zeug, woran sich nicht geistreiche Theorien knüpfen Hessen, was sich nicht verteidigen liesse. Und das ist der Fall WTolP, wie auch der vieler anderer Missionsgläubiger. Mr. Wolf ist dem Zionismus abhold. Und seine Gründe hat er ebenfalls zu wiederholten Malen entwickelt. Er nahm immer die reichen Juden gegen die armen in Schulz, die satten Individuen und ihre assimilatorischen Gelüste gegen dasjüdische Volk, das leben will. Und er weiss nur e.ines immer und und immer auf's neue zu wiederholen und kennt nur ein Zaubermittel, und das ist „ Assimilation". Er gibt sich nicht einmal Mühe nachzudenken, ob und wie dies möglich sei und wie sich diese Theorie mit einem Missionstraume vereinbaren lasse. Und wenn er einmal diese Frage aufwirft, so gibt er eine Antwort, die wir von einem modernen Menschen, einem „Engländer" des XX. Jahrhunderts, der kein moderner Geistlicher ist, kaum erwarten sollten. Für Wolf genügt es, dass die Juden das bewahren, was er für Religion hält, alles andere kümmert ihn nicht. Und zum xtenmale hat er diese seine Ansichten neulich in einem Vortrage über die „Zionistische Gefahr" entwickelt. Es wird überflüssig sein, den Inhalt seiner Rede wiederzugeben, es wird hinreichen, wenn ich darauf hinweise, dass unter deo Argumenten kein einziges neues war, von Richtigkeit schon gar nicht zu reden, Worte, nichts als Worte. Die Rede scheint nach einem „Vademekum des Antizionisten" ausgearbeitet worden zu sein. Aber der „Jewish Chronicle" freute sich über den Fund, stiess fröhlich in den Wolfischen Schofar und schloss sich natürlich der Anschauung an, dass der Zionismus eine Gefahr sei. Es ist das beim „Clironicle* ja nicht neu, aber die Zionisten in London haben der Rede Wolfs eine meiner Anschauung nach über Gebühr grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist die leichteste Sache der Welt etwas zu negierer, etwas zu zerstören, aber auch das muss man geschickt machen. Ein kleines Hüttchen, ein irisches Bauernhäuschen kann man mit ganz primitiven Instrumenten demolieren, dieselben an einem amerikanischen Wolkenkratzer ar zulegen wäre ein lächerliches Unternehmen. Nun, Mr. Wolf will dem stolzen, immer mehr in die Höhe emporragenden, himmelanstrebenden Gebäude des Zionismus mit alten, abgebrauchten Argumenten und Schlagworten, die ihre Macht schon längst verloren haben, bei kommen. Poor man! Mr. Greenberg hat sich neulich in einer Rede, die bei einem Meeting des Zentralkomitees der English Zionist Federation am 29. Mai unter dem Vorsitz des Sir Francis Montefiore stattgefunden hat, mit der Rede Wolfs gründlich auseinandergesetzt. Er widerlegte alle Einwände, die von Seiten der englischen Assimilationsjuden erhoben werden und verwahrte sich dagegen, dass man die Judenfrage immer wieder mit der religiösen Frage in Verbindung setze, als ob diese zwei Fragen identisch wären. Er sagte u. a.: „Der „Jewish Chronicle" sowohl wie Mr. Wolf haben nicht einmal das Grundprinzip des Zionismus, dass die Juden eine besondere Rasse und ein besonderes Volk sind, begriffen. Es wollte damit nicht etwa gesagt werden, dass die Juden nicht ihren Platz als Bürger unter anderen Völkern eicnehmen können, es wollte bloss gesagt werden, dass sie anthropologisch eine besondere Rasse bilden, dass ihre Hoffnungen und Wünsche von denen anderer Völker verschieden wären.u . ♦ . . Einen schönen Schlager hat Mr. Greenberg geprägt, als er im Laufe seiner Rede auf die englische Assimilationsjudenschaft zu sprechen kam. Da sagte er u. a.: „Man fragt oft die Zionisten, wann sie nach Palästina gehen werden. Das könnte wahrscheinlich nicht ihre unmittelbare Aufgabe sein. Inzwischen organisierten sie das jüdische Volk und haben es mit einem Erfolg getan, wie noch keiner früher je erzielt worden ist; sie haben in ihm das Selbstbewustsein wachgerufen, das es in der neueren Zeit nicht mehr besessen hat; sie vertrieben den alten Gedanken des jüdischen Volkes, dass es nur leise, mit gedämpfter Stimme reden muss, einen Gedanken, dem Mr. ß. L. Cohen Ausdruck gab, indem er sich beklagte, dass die Juden sich zu viel vordrängen. Nicht durch Assimilation, wie Mr. Wolf behauptete — der übrigens nicht Assimilation, sondern „ Ass—Simulation* (Esel-Verstellung) gemeint hat — wird das jüdische Volk gerettet werden; man kann es nur im bestjüdischen Sinne des Wortes retten. Das wäre ihre Aufgabe als Zionisten und diese können sie ausführen überall, in allen Gegenden des Landes und nicht bloss durch Abhaltung von Versammlungen, sondern durch stillen Unterricht, wo immer sich nur die Gelegenheit dazu bieten sollte. Vor allem müssen die Zionisten den Jungen die neuen Ideen der Selbstmächtigkeit und Selbsthilfe der Juden einimpfen und durch sie die alten, engen Ghettoideen verdrängen, bis sie die zionistische Lehre als die Rettung des Judentums, als die Rettung ihres Volkes ansehen werden." Und da die Fremdenbill sozusagen unser „tägliches Brot" geworden ist, so kann ich nicht unterlassen, auch hier auf den letzten Brief von Sir Kenelm Digby in der „Times" und den darangeknüpften Leitartikel der „Times1' die Aufmerksamkeit der Leser zu lenken. Sir Digby bespricht die Frage vom jüdischen Standpunkte und zeigt die Unnahbarkeit und die Undurchführbarkeit der Bilk Speziell wendet er sich gegen die Klausel der Bill, wonach die Beamten das Recht hätten, den Einwanderer nach Belieben für einen „Erwünschten" oder einen „Unerwünschten" zu erklären. Heisst es doch direkt die Einführung des Polizei- Regimes! Und das m England, wo der „Bobby" wirklich bloss ein Hüter der Ordnung ist, und wo das Habeas- Corpus-Statut die Grundlage d,*r Gesetzgebung bildet! Es scheint, dass die Gesetzgebung anstatt vorwärts nach rückwärts schreitet. War doch einmal das Fremdenrecht auch zugleich Feinderecht (hostis — Feind und Fremder). Die „Times" iässt auf den Brief des Sir Digby einen Leitartikel folgen, der die Bill in Schutz zu nehmen und die Einwände abzuschwächen versucht/Aber Sir Kenelm Digby wird sich in seiner Agitation nicht abschrecken lassen, und er versprach einen neuen Brief folgen zu lassen, worin er noch eingehender die einzelnen Punkte der Bill analysieren wird. Auch Mr. Winston Churchill M. P. sprach sich in einem Briefe an den Vorsitzenden der Uld Hebrew Congregation in Manchester gegen die Bill aus, desgleichen die Arbeiterpresse und die Arbeitervertreter. Und auch

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