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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bie # Weit" Nr. 24 Weiter zu Russland! Sic kennen den Wortlaut der Erklärung der russischen Regierung, der Ihnen ja in Basel vorgelegt wurde. Ich darf Sie an den Passus in der Eröffnungsrede Dr. Herzls erinnern: „Endlich ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina hei Sr. Majestät dem Sultan mit ihrem Einfluss zu unterstützen/' Ich bin berechtigt, Ihnen heute zu sagen, dass das bereits geschehen ist. Die Ihnen allen bekannten Vorgänge in der Weltpolitik haben es selbstverständlich mit sich gebracht, dass diese Dinge vorläufig sich noch in der Schwebe befinden, aber jedenfalls eröffnet uns diese neue Tatsache hoffnungsvolle Ausblicke in die Zukunft. Ich habe dann weiter auf die Empfänge in Rom hinzuweisen. Sie wissen, dass Dr. fierzl vom König von Italien empfangen wurde und mit dem italienischen Minister des Auswärtigen Sgr. Tittoni eingehend über unsere Bewegung gesprochen hat. Es handelt sich für uns darum, das gesamte europäische Konzert für unsere Sache zu interessieren, und es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, welch gewichtiges Wort eine Grossmacht wie die italienische in der politischen Entwicklung des Orients im gegebenen Augenblick mitsprechen wird. Wir begrüssen es dankbar, dass die massgebenden Stellen in Rom verständnisvolle Sympathie für unsere Sache zeigen. Es wurden auch Beziehungen zur Kurie angeknüpft. Dr. Herz! ist sowohl vom Papft selbst, wie vom Kardinal-Staatssekretär empfangen worden und hat auch hier für unsere Bestrebungen ein wohlwollendes Ohr gefunden. Meine verehrten Anwesenden! Es wird uns so oft bei unserer Arbeit entgegengehalten — freilich nur von jüdischer Seite — der Zionismus sei eine Utopie. Dergleichen kann man schwer widerlegen. „Utopie*' ist zuletzt ein Schlagwort, das man gegen jede grosse Bewegung mit weit ausschauendem Ziel ins Eeld führen kann. Wir können nicht beweisen, dass der Zionismus realisierbar sei, etwa, wie wir beweisen können, dass zweimal zwei vier ist. Wir können nur zeigen, dass wir mit vernünftigen Mitteln nach einem vernünftigen Ziel streben. Ich glaube, dass auch meine kurzen Ausführungen — es trennen uns ja nur wenige Monate von unserer Baseler Tagung — in Ihnen die Ueberzeugung gestärkt haben, dass wir nichts Unpraktisches tun, dass unsere Arbeit nichts Sprunghaftes, Unsicheres zeigt, sondern dass nach wohl erwogenem Plan umsichtig Stein an Stein gelegt wird, unser Haus zu bauen. Möge in immer weitere Kreise auch unseres deutschen Judentums die Ueberzeugung einziehen, dass es nur eine wirkliche Lösung gibt für die Judenfrage, nämlich die, die wir erstreben, und möge vor allem der allverehrte Führer unserer Gesamtarbeit, unser Dr. Herzl, recht bald neu gekräftigt bei uns sein und uns weiter den sicheren Weg weisen bis zu dem Tage, und über den Tag hinaus, wo wir erreicht haben, was wir wollen: „Die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Aus Russland. Petersburg, Die durch den Krieg in Ostasien eingetretene ökonomische Krise in Russland hat die Auswanderungsbewegung unter den Juden im Zarenreiche masslos vergrössert. Aus den Rayons von Kiew, Cherson, Elisabethgrad, Wilna, Kowno. Warschau und Wolhynien werden von russischen Blättern, von der „Petersbiirgskiia Wjcdomosti'4, .,Nowoje Wreinja" und „Xowosti" Masscuauswandcrimgen von Juden nach Nordamerika, Argentinien und Kanada gemeldet. Um aber diese Masseuauswandcrung zu regulieren, haben einige hervorragende Vertreter der Judenschaft in Petersburg beschlossen, ein spezielles Auswanderungshureau zu errichten, welches den jüdischen Gemeinden und den Auswanderergruppen in verschiedenen Städten alle nötigen Informationen über die Länder, wohin die Auswanderer gehen wollen, über die billigsten Beförderungsmittel und über die Nachfrage auf Arbeit in jenen Ländern zur Verfügung stellen soll. Wie die „Juscbnaja Rossija" und der „Krymskij Wjestnik" meldet, besteht auch die Absicht, eine Filiale dieses Bureaus in Odessa zu eröffnen. Irkutsk. Seit dem Amtsantritte des neuen General-Gouverneurs von Irkutsk, Grafen Kutaissow, hat sich die Lage der Juden in Sibirien unsäglich verschlechtert. Eine Reihe von Verfügungen der letzten Jage nahm den Juden noch den Rest der Rechte, welche sie früher hatten. So wurde den jüdischen Mädchen die Aufnahme in der Wundärzteschule gänzlich untersagt. Nunmehr publizieren die amtlichen „Iswestija Irkutskoj Gorodskoj Dumy" ein Zirkular des General-Gouverneurs von Irkutsk an den Gouverneur, in welchem vorgeschrieben wird, strenge darüber zu wachen, dass die in Sibirien lebenden Juden weder in. ihren Dokumenten noch auf den Geschäftsschildern sich, -mit christlichen Vornamen nennen. Gleichzeitig fordert das Zirkular auf, die Namen jener Juden., welche sich christliche Namen bereits beigelegt haben, richtigzustellen. Tschernigow. Der nationalrussische „Kiewljanin" berichtet folgenden für die Lage unserer Volksgenossen in Russland äusserst charakteristischen Fall: In der Nikolskaja Slohoda (Nikolsk-Änsiedlung) lebten seit Jahrzehnten zahlreiche jüdisclie Familien, welche aber plötzlich, da die Sloboda als Dorf gilt, von einer Ausweisungsordre überrascht wurden. Man kann sich die Verzweiflung dieser Bedauernswerten leicht vorstellen. Da traf in der Sloboda der Gouverneur von Tschernigow ein. Eine jüdische Deputation sprach beim Gouverneur vor und. bat ihn flehentlich um Hilfe. Der Gouverneur entgegnete, dass das Gesetz von 1882, welches den Juden den Aufenthalt auf dem flachen Lande untersagt, voll zur Geltung gelangen müsse, docli sei er bereit, jene jüdischen Familien in der Sloboda von der Ausweisung zu befreien, deren Söhne in der aktiven Armee in der Mandschurei dienen . . . Alle anderen jüdischen Familien aber unterliegen unnachsichtlich der Ausweisung . . . Kiew. Wie die „Kiewskoje Slowo" meldet, hat der neue Generalgouverneur von Kiew, General Kleigels, angeordnet, dass sämtliche Juden in Kiew, denen der Aufenthalt in der Stadt bis Ende Mai a. c. verlängert wurde, nunmehr unverzüglich in das jüdische Niederlassungsgebiet ausgewiesen werden müssen. Stowropol (Kaukasien). Es ist äusserst charakteristisch, wie man hierzulande arbeitet, um gegen die Juden zu hetzen und sie zu verleumden. Hier befindet sich eine Bibliothek, weiche zu Ehren des unsterblichen russischen Kritikers Bjelinskij, des Schöpfers der humanistischen Schule in Russland, gegründet wurde. Eher liegen nur solche Blätter und Journale auf, welche für die Gleichheit und die Freiheit aller Menschen eintreten und jeden Menschenhass scharf verurteilen. Seit geraumer Zeit fanden die Besucher der Bibliothek auch die berüchtigte „Snamja", das Organ des von Kischeuew her zur traurigen Berühmtheit gelangten Kruschewan, vor. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet, welche ergab, dass die Leiterin der Bibliothek die hasspredigende „Snamja" infolge Aufforderung der Antisemiten von Stowropol einschmuggelte, um gegen die Juden zu hetzen. Sie und die „Snamja" wurden entfernt. Petersburg. Eine Entscheidung des Senates schreibt nun vor, dass jüdische Lehrer (Melamdim) in den westlichen Gouvernements, welche Judenkindern Unterricht in Religion und Bibel ohne Erlaubnis der Behörde erteilen, nicht auf administrativem Wege zu bestrafen, sondern dem Gerichte zu überantworten sind ... Owrutsch. Das jüdische Städtchen I s k o r o s t i ist am 27. Mai, wie die Zeitschrift „Wolhyn" meldet, von einer Feuersbrunst gänzlich vernichtet worden. 250 Häuser von Juden wurden eingeäschert. Die Abbrändler sind brot- und obdachlos geworden. Petersburg. In tiefem Elend und nach langem Siechtum ist am 29. Mai in einem hiesigen Spirale der russische Redakteur Alexander Pjatkowskij, ein arger Judenfeind und Judenverleurnder, gestorben. Er hat in seiner Monatsschrift „NabljudateT (Beobachter) den Antisemitismus kultiviert. Er predigte die Vernichtung der Juden, er schreckte vor nichts zurück, um den Ritualmord, bei Juden nachzuweisen; er sank schliesslich so tief, alle Ausgeburten antisemitischer Phantasie in seinen Reden und in seiner Zeitschrift als Wahrheiten aufzutischen . . Gt. Krementschug. Bei einem Besuch des Zaren, der zur Inspizierung der nach Ostasien abgehenden Truppen eintraf, wurde er am Bahnhof auch von einer Deputation der jüdischen Gemeinde unter Führung des Rabb. Freude n b e r g empfangen. Letzterer übergab dem Kaiser eine Miniatur-Thorarolle als Geschenk der Gemeinde. Der Kaiser nahm die Rolle eigenhändig unter Ausdrücken der Befriedigung entgegen und übergab sie seinem Adjutanten, zur Aufbewahrung. Der Gemeinde liess er seinen Dank ausdrücken.

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