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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24 „bis # W^lt Seite 5 präsidiert hatte und Dr. Heinrich L o e w e die Festrede hielt, die in ein begeistert aufgenommenes Hedud auf Dr. Theodor Herzl ausklang. In der mehr als anderthalbtausendköptigen Versammlung referierte mit gewohnter Meisterschaft und unter immer wieder erneuertem Beifall Dr. Alfred Klee, der die Gleichgiltigen entflammte und die Feindlichen entwaffnete. Nach ihm sprach mit dem ehrlichen Feuer treuer Begeisterung Dr. Paul Rieger als Gegner des Zionismus und machte um so mehr Eindruck, als man seine ehrliche Gegnerschaft schätzt, und als er sich als ein rhetorisch sehr wirkungsvoller Redner zeigte. Zum Schlüsse wandte er sich an das Publikum mit der Apostrophe: „Und nun — ich weiss es — werden Sie mich zerreissen und zerfetzen". Unmittelbar nach ihm sprach Dr. Heinrich L o e w e aus Berlin, der unter allgemeiner Heiterkeit der Versammlung also begann : „Und siehe, ein Loewe stieg herauf und zerriss ihn!" Sodann widerlegte und zerfetzte er unter dem dröhnenden Beifalle der Versammlung die Einwürfe Dr. Riegers, und stellte seiner orthodox-reformierten mosaischen Konfession das nationale Judentum eines Moscheh-Rabbenu entgegen. Einen grossen Teil freilich seines grossen Erfolges verdankte er den beredten, aber nicht sachlich haltbaren Ausführungen Dr. Riegers, dessen sympathische Persönlichkeit eine schwache Sache verteidigte. Unmittelbar nach Loewes Erwideiung begannen die zahlreichen Meldungen zum Eintritt in die Ortsgruppe. In einer glänzenden Schlussrede widerlegte Dr. Klee die anderen Gegner. So war die Hamburger Tagung von Anfang an bis zum Schluss ein schöner Erfolg, an dem kaum Schönheitsfehler zu bemerken waren. Gefestigter denn vorher ist unser Vertrauen zu unserer Landesfiihrung. Denn wir wissen jetzt, dass sie weder das Nationaljudentum ersetzen oder verwässern will, noch dass sie an ein Ersatzzion ausserhalb Zion denkt. So hat die Hamburger Tagung nicht durch Ueberbrückung von unversöhnlichen Gegensätzen, sondern durch die Klarstellung der wirklich vorhandenen Meinungen und Anschauungen die Einheit des deutschen Zionismus vor aller Welt dokumentiert und von neuem gefestigt. Möge auch der einzige Schatten bald verschwinden, der unsere lulle Freude doch nicht so ganz ungeteilt aufkommen lassen wollte! So schliessen wir unseren Bericht mit dem herzlichen Wunsche, der am Delegiertentage immer wieder laut wurde, dass unser Theodor Herzi bald wieder im vollen Besitze seiner uns so kostbaren Gesundheit sein möge! Der Zionismus im Judentume voran! Herzl im Zionismus voran! Saxöni haz-Zaphoui. Die politische Situation. Referat, erstattet von Dr. Klee auf dem deutschen Delegiertentag. Meine verehrten Anwesenden! Das grosse Aktionskomitee hat in diesem Frühjahr in Wien getagt. Die Beschlüsse dieser Sitzung sind Ihnen in ihren Einzelheiten bekannt. Nichtsdestoweniger haben wir es für unsere Pflicht gehalten, dein deutschen Delegiertentag einen kurzen Gesamtüberblick über die Entwicklung der politischen Situation unserer Bewegung seit dem Kongress zu geben, also über die Arbeit, die das Baseier Programm in seinem letzten Satz fordert, wo es von der Erlangung derjenigen Regierungszustimmungen spricht, die für die Erreichung des zionistischen Zieles erforderlich sind. Die auswärtige Politik des Zionismus kann, wie alle auswärtige Politik, nur von einem ganz kleinen Kreis von Persönlichkeiten geführt werden, von dem Präsidenten des engeren Aktionskomitees und denjenigen, denen er in den einzelnen Ländern von Fall zu Fall Spezialaufträge gibt. Dem diskreten Charakter der Arbeit entsprechend hat die Kritik vorsichtig zu sein. Das hat man im deutschen Zionismus stets begriffen. Man hat bei uns immer das Wort jenes berühmten Führers des deutschen Liberalismus beherzigt, dass man nur in Fragen der inneren Politik, wo man von bestimmten Grundsätzen, deren Durchführung man erstrebt, ausgeht, gegebenenfalls Opposition machen könne, dass. man sich aber hüten müsse, in Fragen der auswärtigen Politik hineinzureden, die in erster Linie Zweckmässigkeitsfragen sind und nur von demjenigen richtig beurteilt werden können, der die gesamten Fäden in der Hand hält, alle Details kennt und ja auch die Verantwortung trägt. Es war ein anderer deutscher Politiker, der das Wort prägte von den Kanonenstiefeln, mit denen der unverantwortliche Kritiker häufig in feinmaschige Netze tritt. Wir sind von Basel fortgegangen unter dem Eindrucke von zwei Ereignissen, dem Ostafrikaprojekt und der Kundgebung der russischen Regierung in dem Briefe des. Flerrn v. Plehwe an Dr. Herzl. Fast sämtliche deutsche Delegierten haben für die Entsendung einer Expedition nach Ostafrika gestimmt. Sie haben das Anerbieten Englands als einen politischen Erfolg begriffen. Das grosse England hatte das jüdische Volk als eine nationale Gemeinschaft anerkannt und sich bereit erklärt, dieser nationalen Gemeinschaft eine staatliche Konstruktion zu geben. Das war ein bedeutsamer Fortschritt. Nach Basel hat nun eine Diskussion über die Ostafrikafrage eingesetzt, die häufig eine falsche Richtung nahm, indem von ängstlich besorgten Freunden Front gemacht wurde gegen die Möglichkeit, Ostafrika für Palästina einzusetzen. Daran war natürlich nie von irgend jemand gedacht worden. Die Frage einer eventuellen Besiedlung Ostafrikas war eigentlich überhaupt noch nicht zu diskutieren. Brachte die beschlossene Expedition ungünstige Nachrichten, so fiel das Projekt; brachte sie günstige, so war noch immer Zeit, auch die prinzipielle Seite der Frage anzuschneiden. Jedenfalls aber konnte nach den unzweideutigen Aeusserungen der Parteileitung die Fragestellung nie lauten: „Palästina oder Ostafrika?' sondern immer nur :„Ostafrika und Palästina?'', oder allenfalls konnte die Parole ausgegeben werden „über Ostafrika nach Palästina." Die verfrühte Diskussion und das zum mindesten überflüssige Ankämpfen gegen die Möglichkeit einer Fragestellung, die den Intentionen der Parteileitung nicht nur vollständig fern lag, sondern diametral entgegengesetzt war, hat manche unnötige Beunruhigung hervorgerufen. Dazu kam die ungesetzliche Form der Konferenz in Charkow. Wir hatten die grosse Freude, dass die niassgebendsteu russischen Führer das Ungesetzliche der Konferenz zugegeben haben. Wir glauben, dass diese Dinge, die nun erfreulicherweise erledigt sind, den Sinn für Gesetzlichkeit und das Verständnis für die absolute Notwendigkeit der Unterordnung unter die Beschlüsse unserer Organisation gestärkt haben. Das Wiener Ausgleichsprotokoll, das Sie kennen, enthält bei genauer Betrachtung Selbstverständliches. Fs spricht die Genugtuung aus, dass das engere Aktionskomitee ununterbrochen für Palästina gearbeitet hat, dass die vom Kongress beschlossene Expedition abgehen wird und muss, und, dass die Diskussion der Ostafrikafrage jedem unbenommen bleibt. Ob die letztere aber wirkjich ratsam ist, scheint es mir höchst zweifelhaft, und diesem Zweifel möchte ich auch im Hinblick auf unsere Beratungen Ausdruck geben. Nach der Rückkehr der Expedition wird das grosse Aktionskomitee wieder zusammentreten, um den Bericht entgegenzunehmen. Erst, wenn das grosse Aktionskomitee dann den Beschluss fassen sollte, das Ostafrikaprojekt als Siedelungsprojekt dem nächsten Kongresse vorzulegen, scheint mir die Diskussion in den Gruppen und. auf Laudeskonferenzen aktuell. Heute bedeutet sie Zeit- und Kräfte- Verschwendung.") *) Der Hamburger Delegiertentag hat, dieser Anregung folgend, in der Ostafrikafrage keine Beschlüsse gefasst.

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