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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 „bk # Weit" Seite 3 schon, das nicht immer erreicht wird; sehr häufig bleibt nichts übrig als — weiter zu ziehen. Bis man die Familie bei sich hat, nimmt man Aufenthalt in den koscheren Restaurationen, wo alle zusammenkommen. Da hilft man sich auch in den bösen Zeiten, da bekommt man etwas für wenige Pfennige, da bekommt man auch Kredit. Natürlich muss man dann das Zehnfache bezahlen, aber wo kein Ausweg ist, ist auch dies ein Glück. Sonst aber ist das Restaurant nach der Schul das angenehme Lokal, wo man nach des Tages Sorge unter den Seinen einige gemütliche Stunden zubringt. Da kommen sie aus verschiedenen Eaden Russlands, Galiziens, Ungarns, Rumäniens hier zusammen, aber alle sind Juden und fremd sind sie einander nicht. Einander helfen und beistehen ist eine selbstverständliche und anerkannte Pflicht. Da trägt einer eine schwere Last und begegnet einem anderen unbekannten Juden. Dieser fühlt sich natürlich verpflichtet, die Last mit ihm brüderlich zu teilen, „'s is nicht kein ße- Bekannter, aber a Jud' is er doch* sagt er. Da ich ihn um ein Lokal frage, ist er zufrieden, mich dorthin führen zu können und so wieder etwas Gutes zu verrichten. „niSö m*ö rrm;i<< sagt er m^ Zufriedenheit. Sie suchen die guten jüdischen Gebote zu ehren, an Gott zu halten und den Versuchungen des Löbens in der goischen Stadt mit jüdischer Ausdauer zu widerstehen. Gott belohnt auch häufig dafür. So biete' einer in der Restauration den Gästen seine Waren an, erträgt mit Gleichmut die Verspottungen und da es Abend wird, erbittet er sich beim Wirt die Erlaubnis, das Mincha-Gebet zu verrichten. Zum frommen Juden fassen die Versammelten Zutrauen, kaufen bei ihm viel — und er verdient 2 Mark. „So schickt ihm Gott auf der Stelle seinen Lohn". Da es hier am schwersten ist, den Sabbath zu heiligen, so begründeten sie eine Schul "rcr ma'^n« deren Mitglieder es sich zur Pflicht auferlegten, Sabbathgebote wie bisher heilig zu halten. Nicht alle jedoch können dem ohne weiters nachkommen, und so löste sich ein Teil von denjenigen, die rücksichtslos an ihren Gelübden festhalten, ab und bezog ein eigenes Lokal. Dies halten die Väter. Die Kinder freilich werden es nicht mehr. Wie immer es den Eltern ergeht, die Kinder gemessen jedenfalls die Wohltaten der höheren Zivilisation. Da sieht man aber, wie viel gutes Material wir hier besitzen. Die junge Generation ist nach kürzester Zeit in allen Gebieten, die sie in Angriff nehmen, auf gleicher Stufe und manchmal auch tüchtiger als die Einheimischer, j. Der Delegiertentag der deutschen Zionisfen in Hamburg. (Ein Epilog.) Die kurze telegraphische Mitteilung, die ich Ihnen von Hamburg zugehen liess und der folgende Bericht haben bereits unsere Freunde von dem glänzenden Verlauf des Hamburger Delegiertentages der deutschen Zionist^n in Kenntnjs gesetzt. Freilich lag uns weniger daran, eine glänzende Veranstaltung zu machen, als sachlich unsere Verhältnisse in dem Sinne zu beraten, wie wir am meisten der Ausbreitung und der festen Zusammenschliessung des Zionismus nützen könnten. Wenn der Hamburger Tag gleichwohl auch nach aussen hin eine imposante Veranstaltung war, so war das eine erfreuliche, nicht besonders beabsichtigte Nebenwirkung. Wenn heute durch alle Zeitungen die Nachrichten von der Tagung gehen, und sogar die judenliberalen Blätter unsem Parteitag nicht haben verschweigen können, sondern sich teils sachlich referierend, teils sogar wohlwollend aussprechen mussten, so ist das etwas, an dessen Erringung uns absolut nichts lag und das uns in den Schoss gefallen ist als reife Frucht der siebenjährigen schweren Arbeit in Deutschland. Mit einer gewissen bangen Erwartung waren wir nach Hamburg gegangen. Denn die Resolutionen, die man in Berlin, München, Regensburg und Breslau gefasst hatte, und die sich gegen keinen geringeren als gegen Dr. Bodenheimer wendeten, liessen befürchten, dass eine hitzige Debatte über das nationale Prinzip einen schweren Keil in die Bewegung treiben könnte. Und so begann denn gleich am ersten Tage die Diskussion mit einem deutlichen Angriff auf den vielen von uns zu verschämten Nationalismus unseres Vorsitzenden. Die Hauptdebatte über diesen Punkt setzte freilich erst am folgenden Tage ein, nachdem sich unserm Bodenheimer schon reichlich im Laufe einer angeregten Diskussion über die verschiedensten Fragen Gelegenheit geboten hatte, klar und unzweideutig zu zeigen, dass er nicht minder national sein wolle, wie irgend einer von uns. Dadurch war der Schärfe der gegen ihn gerichteten Angriffe von vornherein die Spitz? abgebrochen worden. Und so kam es, dass dann der Berliner Antrag auf energische Wahrung des Nationalismus von seinen eigenen Antragstellern der besonderen Spitze, die er gegen eine Aeusserung Bodenheimers hatte, entkleidet wurde, ehe er vom Delegierten tage zu r Kenntnis genommen wurde. Aber die Debatte bot reichlich Gelegenheit zu zeigen, wie trotz aller kleinen Differenzen völlige Einmütigkeit auch über den nationalen Gedanken im deutschen Zionismus herrsche, und die Einheit ergab sich eben in dem gleichen Bestreben, dem Nationalismus einen möglichst deutlichen und unzweideutigen Ausdruck zu verleihen. Das Gleiche war der Fall mit der Ostafrikafrage, die deshalb von der Tagesordnung abgesetzt werden konnte, weil es unter uns keine Ostafrikaner gibt, die wirklich eine Kolonisation in einem anderen L'-imie mit zionistischen Mitteln bezwecken, als nur in Palästina. Der Palästina - Gedanke, der keine Nebenbuhler duldet, war ausschlaggebend, und wir dürfen hoffen, dass wenigstens der deutsche Zionismus d:e Klippe der ostafrikanischen Küste glücklich umschiffen wird, ohne in seinei E i n h e i t SchifToruch zu leiden. Aber sehr wichüg ist es, dass neben dieser estafrikanischen Notstandshilfe, die wir für unsere Unglücklichsten bei den nichtzionisiischen Kolonisationsgesellschaften ehrlieh maklen möchten, und die unser Ziel in keiner Weise tangiert, auf dem deutschen Delegiertentage eine andere, unserem Lande näher gelegene Notstandshilfe in Aussicht gestellt wurde, und zwar bezeichnenderweise von der Zionistischen Kommission zur Erforschurg Palästinas. In seinem Referate, da--, Prof. Warburg in deren Namen über unsere Aufgaben in Palästina hielt, wies er nicht nur auf Oelbaumspendo und Nationalfonds Inn, gab er nicht nur ein recht detailliertes Bild aller der Arbeit und der Aufgaben, die in der Gegenwart unser in Palästina harren, sondern zeigte auch, wie die schwere Not der europäischen Baum Wollindustrie diese dazu zwänge, eine grosse Kolonisation längs der geplanten Bagdadbahn ins Leben zu rufen, wenn die Baumwollindustrie Europas und im besondern Deutschlands nicht dem Ruin entgegengehen solle. VU wäre nicht minder eine Lebensfrage für die europäischen BaumwolInteressenten als für die verfolgten Juden, jüdische Kolonien mit diesem ausgesprochenen Zweck entlang pmerBahn zu gründen, die eine strategische Notwendigkeit für das türkische Reich — doch nur gebaut werden könnte, wenn eine lange Reihe von baumwollproduzierenden Kolonien sie begleite. Solche Kolonien könnten aber in grösserer Zahl nur von den Juden ins Leben gerufen werden. Für diese Kolonisation käme das Land in Betracht, welches das Mutterland der BaumwolL pflnnze sei, soweit man das übersehen könnte, und das mehr für diese Produktion geeignet sei als alle sonstigen

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