Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 flbie * w^it" Nr. 24 für die westlichen Stammesgenossen zu einer Gefahr zu werden droht. Manche Lieblosigkeit, manche grausame Massregel mag einer als berechtigt empfundenen Notwehr zugeschrieben werden. Dass auf diesem Gebiete unnötiger Weise von jüdischen Korporationen manches gesündigt wurde, ist leider nicht in Abrede zu stellen. Deshalb wurde von den Zionisten seit Jahren schon eine Ordnung der Aus Wanderungsfrage verlangt. Deshalb haben wir immer wieder eine Kooperation aller an dieser Frage interessierten jüdischen Gesellschaften und Vertretungskörper gefordert. Man hat da und dort vereinzelte Anstrengungen gemacht, die natürlich der Grösse der Aufgabe gegenüber erfolglos bleiben mussten. Daraus entwickelten sich Missstände, die uns Juden nicht nur materiell sehr belasteten — die ganze Rückwanderungsfrage gehört hieher — sondern die auch unseren Gegnern Waffen in die Hand gegeben haben. Keiner wird die Staaten anklagen dürfen, wenn sie sich gegen die unbemittelten Rückwanderer schützen wollen und ihr staatliches Interesse als Grund angeben. Das Reskript des preussischen Ministers des Innern, das den Rückwanderern an der holländischen Grenze den Eintritt verwehrt, ist nur ein Gegenstück zur Aeusserung des englischen Unterstaatssekretärs Mr. Gochrane, der vor kurzem einer jüdischen Deputation gegenüber, die gegen die englische Einwanderungsbill Beschwerde erhob, auf die Zahl der vom Jewish Board of Deputies repatriierten Juden hinwies, als Beweis dafür, dass es unerwünschte Fremde gebe. Diese Winke von oben scheinen die Kreise, die es angeht, doch zu bemerken. In England und Amerika schenkt man dieser Frage nun eine grössere Aufmerksamkeit, und auch in Berlin hat man sich in einer Konferenz mit der Frage der jüdischen Rückwanderer beschäftigt, die Deutschland passieren. An der Konferenz nahmen Vertreter der Gemeinden Berlin, Breslau, Hamburg, Kattowitz, Köln, Königsberg und Posen, ein Delegierter des israelitischen Unterstützungsvereines für Obdachlose in Hamburg — der Verein bringt mit Hilfe der Hamburger Gemeinde jährlich 38.000 Mark für diesen Zweck auf — Vertreter des Hilfsvereines der deutschen Juden und der Alliance Israelite Universelle teil. Das Ergebnis war ein ziemlich mageres. Zwei Resolutionen wurden angenommen, deren eine die Unterstützung seitens der grösseren Gemeinden, deren andere die Leitung des Stromes der Rückwanderer über Hamburg empfiehlt. Das sind kleine Mittelchen, aber nicht einmal ein ernster Versuch, die schwere Frage zu lösen. Die Hilfe kann auch nicht von einzelnen Gesellschaften ausgehen. Das ist eine Frage, die das ganze jüdische Volk angeht und nur von ihm gelöst werden kann. Deshalb ist jede Aktion einzelner Komitees aussichtslos. In Anbetracht der armen Wandernden, in Anbetracht der grossen Gefahr, die in einer ziel- und regellosen Wanderung liegt, schlagen wir noch einmal eine Kooperation der Vertreter des ganzen jüdischen Volkes vor. Wir Zionisten wissen den Wert einer Organisation zu schätzen. Wir werden zur Lösung dieser wichtigen Frage nicht nur unsere Organisation zur Verfügung stellen, sondern auch eine grosse Aktion aller jüdischen Korporationen und Vertretungen nach Kräften unterstützen. Voraussetzung bleibt allerdings, dass es sich um eine Volkshilfe und nicht um akademische Konferenzen handelt. Wie wir uns das denken, haben wir bereits oft genug gesagt. W. Berliner Brief. Mit Wohlbehagen passieren wir die breiten, luftigen, reinen Strassen Berlins. Man kann hier aus voller Brust frei aufatmen. Sehen wir die meist munteren, heiteren Gesichter, die Leute frohen Mutes zur Arbeit und von der Arbeit zur Unterhaltung rennen, sehen wir in der ganzen Hast des tollen Treibens auch die volle Zufriedenheit, so beginnt uns das Leben zu gefallen. Das gute, zufriedene Leben ist doch schön und lobenswert! Schon überkommt uns unmerklich beinahe der Glauben an „die beste aller Weltena, da führt uns der böse Zufall in eine andere Gegend, die uns. eine unangenehme Ueberraschung bereitet. Wir wenden uns vom Zentrum dem Norden zu, und bald haben wir ein völlig verändertes Strassenbild. Es zieht sich eine lange, enge Gasse, die Linienstrasse, in die verschiedene, kleine, schmutzige Gässchen einmünden. Es ist einer der ältesten Teile der Stadt, die Gegend des einstigen Juden-Ghettos. Auch jetzt sind es die charakteristischsten Judengassen. Hier konzentrieren sich alle fremden jüdischen Einwanderer. Wenn es einem leid tut, im grossen Getümmel längere Zeit jüdischen Gesichtern nicht begegnet zu sein, so hat er sie hier zur Genüge. Markante ostjüdische Typen. Die Weiber, an denen man erkennt, wie lange sie gehungert haben, schlendern im häuslich-bequemen Neglige' über die Strassen oder sitzen scharenweise mit den Kindern an den Hauseingängen. Die Männer gehen mit ihrem „Päckel" herum und suchen Verdienst. Der Hausierkasten ist wohl zumeist ihre Einnahmsquelle, für andere Handel mit Eiern und Häringgeschäfte. Nur jüngere Kräfte können auch Arbeiter werden, und bloss solche, die eine gewisse Vorbildung besitzen, können an Anstellungen in einem Geschäfte denken. — Einen eigentümlichen Eindruck machen diese scheuen Menschengestalten, wenn man an breite Strassen mit frohen Menschenmengen denkt, von denen man kommt, Da ist wohl jeder bis auf den Kutscher und Strassen feger vollauf selbstbewusst. Er tritt mit sicherem Schritt auf, denn er ist „in Stellung«. Er wagt es, ans Leben und die Menschen Forderungen zu stellen, denn er hat eine Grundlage, auf der er fusst, er füllt eine Stelle in der Gesellschaft aus. Der scheue Blick der armen Juden scheint um Verzeihung zu bitten, um Verzeihung, dass sie sich auch erdreisten, auf Gottes Erdboden herumzugehen. Sie sind eben überall — ausserhalb. Warum sie hieher gekommen sind! Sie wussten's nicht zu sagen. Die einzige Antwort: Wo wäre denn der Ort, an dem man diese Frage an sie nicht richten möchte. Der eine kam hierher ganz zufälligerweise, er hat sich hieher verirrt, könnte man sagen. Sein Ziel war ein anderes. Er war auf dem Wege nach Amerika. Der Zufall aber wollte es, dass sein Chef, der ihm die Schiffskarte kaufen sollte, erkrankte, und er zu ganz kurzem Aufenthalte in Berlin die Keise unterbrach. Da machte die Stadt auf ihn einen glänzenden Eindruck, und er fasste den festen Entschluss; „Nach Galizien kehre ich nicht mehr zurück, unter keiner Bedingung, sollte ich hier auch mein Ende finden, dort ist kein Zweck für mich/ Der andere denkt hier einen weitläufigen Verwandten zu treffen, der vor vielen Jahren ausgewandert ist. Der Dritte kommt, weil ja auch hier Gott und hier Juden sind — und die werden ihn nicht verlassen. Was soll man nun anfangen? Was Gott eben beschert. Denn einseitig sind eben unsere Juden nicht, auf ein Fach ausschliesslich haben sie sich gerade nicht verlegt. So suchen sie überhaupt etwas, das „Parnuse" bringt. Manchmal hilft auch Gott — und man verdient etwas, und so schlägt man sich durch, bis man auch die Familie zu sich nehmen kann. Das ist natürlich ein Glück