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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—,' halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 1.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Fies. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli.—.85. Nr/ 24 Wien, 10. Juni 1904 — 27. Sivan 5664, 8. Jahrgang. Die Rückwanderer. Um diejenigen, die das Elend mit unsäglicher Innigkeit in seine Arme geschlossen hat, so innig, dass es von ihnen gar nicht mehr lassen will, handelt es sich, wenn man von den jüdischen Rückwanderern spricht. Das ist ein Typus, wie ihn kaum noch ein anderes Volk auf Erden kennt, so viel Jammer und Not es auch überall gibt. Das sind die Elenden, denen es so schlecht geht, dass sie sogar noch von der Rückkehr nach Russland oder Rumänien eine Verbesserung ihrer Lage erwarten. Uud das sind auch die Entschlossenen, die sich von den letzten Resten ihrer jämmerlichen „Habe" getrennt haben, von ihrem letzten ßett und ihrem letzten Hemd, um dem Höllenrachen zu entrinnen, der sie und ihre Kinder zu verschlingen drohte. Das sind die Verwegenen, die ihre Irrfahrten begonnen hatten, ohne zu wissen, ob sie nicht bereits am nächsten Tag zurückgejagt würden, und die doch ihre ganze Hoffnung auf diesen einen, letzten Versuch gesetzt haben. Das sind die Verzweifelten, deren Ziel weit abenteuerlicher war, als einst Kolchis und das Viiess für die Argonauten; denn sie suchten ein Land, wo man gegen arme, verfolgte Fremde, wo man gegen Juden gütig ist. Die Kämpfer sind es, denen gegenüber die Krieger der Völkerwanderung wie Knaben mit Holz Schwertern erscheinen; denn die ganze Welt steht gegen sie, die Wehrlosen, in Waffen. Und das sind die Starken; denn sie wehren sich gegen die Erlösung, gegen den so leicht erreichbaren Tod, weil sie nicht sich, sondern andern, ihren Kindern oder Eltern leben müssen. Um diese jüdischen Rückwanderer handelt es sich. Warum sie zurückwandern? Nun, dem einen Staate sind sie unerwünscht. Er lässt sie gar nicht erst ein* Der andere gewährt ihnen wohl den Eintritt, aber verlangt die Sicherstellung, dass sie ihm nicht etwa in den ersten Jahren gleich zur Last fallen. Und der dritte kümmert sich überhaupt nicht um sie und lässt sie, die Arbeitshungrigen, Erwerbsdurstigen ohne jede Förderung, weil er mit den Einheimischen genug zu tun hat. Da geschieht es denn, dass jährlich Hunderte das Wagnis ihrer Wanderung mit Krankheit oder gänzlicher Erschöpfung aller Kräfte bezahlen. Aus dem übermenschlichen Ringen gehen sie als Besiegte hervor. Und da sie nicht mit einem göttlichen Wesen ringen, wie einst ihr Erzvater, der grosse Wanderer, sondern mit Menschen und menschlichen Einrichtungen, so kostet es nicht nur eine verrenkte Hüfte, sondern ihr ganzes Menschentum. Was aus diesem schrecklichen Kampfe besiegt nach der alten Stätte seiner Leiden kehrt, das ist gebrochen, zertreten in seinem Fühlen und Denken, das hält nur noch ein dumpfes Pflichtgefühl gegen seine Angehörigen und vielleicht noch die Scheu vor einer religionsgesetzlich verpönten Handlung von der ersehnten Selbstvernichtung zurück. Die meisten Rückwanderer sind solcher Art. Dass es auch unsaubere Elemente unter ihnen gibt, ist natürlich. Nach allen Erfahrungen aber, die den kompetenten Personen undBehörden zur Verfügungstehen, sind das ausserordentlich wenige. So wenige, dass man die moralische Festigkeit der Juden anstaunen muss, die ein solch beispielloses Elend nicht alle verderbt und vertiert hat. Man denke nur an die übrigen, tadelfreien, die sich als Bettler nach dem Lande ihrer Geburt durchschlagen müssen, das ihnen schon vor ihrer Wanderung nur Böses bot, und das ihnen nun vielleicht noch Schlimmeres bieten wird. Und die Demütigungen des Rückweges! Nicht nur das zerstörte Selbstvertrauen, nicht nur das Almosenheischen ist es, das sie bitter empfinden. Die unberechenbare Haltung der Juden, an denen sie vorbeikommen, die Behandlung, die ihnen zuteil wird von Seiten derer, auf deren Hilfe allein sie noch rechnen können, die schroffe Abwehr, die eine längere Rast nicht nur von Seite der staatlichen Behörden erfährt das alles müssen sie gründlich durchkosten. Das sind Tatsachen, die jeder kennt, der die Judenwanderung der letzten Jahrzehnte beobachtet. An Versuchen, in dieses traurige Chaos Ordnung zu bringen, hat es auch nicht gefehlt; aber erst seit die Staaten diesem sozialpolitischen Probleme eine von ihrem Standpunkte aus vielleicht za verteidigende, keineswegs aber judenfreundliche Aufmerksamkeit zuwenden, hat sich auch in jüdischen Kreisen der Wunsch nach einer Regulierung gezeigt. Wieviel Selbstliebe dabei mit im Spiele war, soll nicht untersucht werden; denn es ist nicht zu leugnen, dass die regellose, überstürzte Auswanderung der östlichen Juden allmählich

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