Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bi* # weit" Nr. 23 Die Diamantschleifer haben die Zehring (Abzehrung), Laufen auf der Brategass' miit Fässern Hering! 0 mei, o <mei, was ist mir mei Mit der Diarnantensichleiferei! Nun könnten derartige, anstatt in eine Doktordissertation in eine dichterische Form gekleidete Monographien über die Lage bestimmter Industriearbeiterschaften eigentlich für die Organe des wissenschaftlichen Sozialismus mehr Interesse haben, als für den Zionisten. Denn eine Identität der Proletarier- und der jüdischnationalen Bewegung kann wohl nicht ohne bedeutende Einschränkungen behauptet werden. Der Begriff des Juden deckt sich doch bei weitem nicht immer mit dem eines Industrieproletariers, und auch in diesen spärlichen Distrikten stehen dem jüdischen Proletarier gar viiele Kapitalisten gegenüber, die mit ihm zu ein und derselben, zur jüdischen Nationalität gehören. Die Darstellung des schliesslich doch allgemein menschlichen Elends und die Reflexionen über besondere Angelegenheiten der jüdischen Nationalität, z. B, über die gesundheitsverwüstenden Folgen der Inzucht, gehen nicht zusammen. Aber immerhin behält der Roman für alle, die an jüdischen Angelegenheiten einen leidenschaftlichen Anteil nehmen, den Wert einer deskriptiven Monographie. — Der rein künstlerische Wert dieses Romans wird ja auch noch dadurch beeinträchtigt, dass er ganz in der Kunstübung des konsequenten Naturalismus (der ja längst vieux jeu geworden) stecken geblieben ist. Die vielen Beschreibungen und Schilderungen wären geeignet, jeden sich fortbildenden jungen Romandichter vom Naturalismus zu entwöhnen. Wie die Linien von Felsengebirgen in einer Ueberschwemmung, ertrinkt in der hoffnungslosen Breite alle Plastik. Sind dem Dichter denn nicht die Augen, aunrr^arigen über die schon allein technisch so erbarmungswürdige Rückständigkeit des Naturalismus? Und dazu stellt sich hier der Naturalismus nicht nur in Schilderungen dar, sondern auch im den Reflexionen in einer geradezu absichtlichen Bevorzugung unschöner Ausdrücke. Dabei haben freilich auch noch die Darstellungen von unschönen Dingen, Gestank, Krankheit, Gebresten, und dem Schmatzen dicker Lippen etwas von einem mattgoldenen Tone, der verheisst, dass der Dichter gar wohl dem Gefängnis der naturalistischen Doktrin entfliehen könnte. M. A. J. Ea paport: Geheimnisse der Bibel. Im Verlage des Verfassers. Wien 1904. „Geheimnisse" ist von jeher ein verlockender Titel für eine gewisse Sorte von Büchern; Geheimnisse der Bibel gar dürfte ganz besonders diejenigen anziehen, die etwas mehr erfahren wollen, als das, was jüdische und nichtjüdische Autoren in Tausenden von Kommentaren zu diesem uralten Juden buch entdeckt haben. Indes ist das Büchlein viel harmloser, als es sich in dem grausigen Titel ankündigt. Es enthält nicht etwa wirkliche „ Geheimnisse % die bis jetzt verschwiegen oder übersehen wurden, sondern einfach »n-nn ^,nD w*e w*r s*e von der „dritten Sabbat se'udah" her kennen, Auslegungen, mit denen die ungebildetsten Wunderrabbis ihren Tischgenossen als höchste, weil keinem Sterblichen verständliche, Weisheit zu imponieren pflegen. So würde, um nur ein Beispiel anzuführen, die Schlussfolgerung des Verfassers (S. 8), dass „Eva Adams zweite Frau war" und dass „Adam vor Evas Erschaffung auch ein Weib gehabt, für welche (?) er aber keine Sympathie empfand", dem obskursten Rabbi bei seinen Tischgenossen Ehre machen; was den Verfasser aber veranlasste, seine „Sithre Thora" zu „verteutschen*, bleibt ein „Geheimnis". Wollte er die hebräische Literatur mit solcher Weisheit verschonen? Sie könnte ihm dafür nicht genug dankbar sein! M. B. „Jugend", Festschrift der Ortsgruppe Hamburg-Altona zum Delegiertentage der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Dieses Merkmal freigebiger Gastfreundschaft ist ailis Kommerszeitung gehalten, blau auf weiss mit deutlich nationalem Hinweis. Vorne und auf das Riickblatt hat D. Loewenstein symbolistische Skizzen aus der Zukunft des jüdischen Palästina hingezeichnet. Auf der ersten Inhaltsseite wird natürlich die schwere Arbeit der Delegierten dem Segen eines Dichters unterzogen, der mit strammen Versrüssen seinen Pegasus meistert, weicher ein sehr gutes Tier zu sein scheint, aber das Rheumatische in den Flügeln hat. Dass eine deutschnational-jüdische Assimilantenzeitung nicht fehlen darf, wenn man lachen will, ist klar. Ein Anfall von Drehkrankheit bei einem Leitfadian dieses Kreises ist festgehalten, wobei dieser seinen Kopf in Streusand verbohrt, um den Antisemitismus nicht zu sehen. Vor seinen Prophetenaugen schimert es unentwegt schwarz-rot-gold, und er leidet noch immer an dem /leidigen Druckfehler, der das Programm der Assimilanten ist: sie erwarten Liebe, wo es doch nur Hiebe gibt. Politisch und in der Festschrift schliesst sich an diesen Redakteur der Verein mit dem vorsichtigen Titel an: „Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens4*, der fortwährend Eingaben macht gegen die antisemitische Agitation und Ausgaben für die liberale und fortwährend in Bewegung ist, um Antisemiten zum Sitzen zu bringen — ein Kampf gegen einen Mückenschwarm; man schlägt Dutzende daraus tot, ab.er der schwirrende Haufe wird nicht kleiner und nicht sanfter. Die, einzelnen Heldentaten dieses Gefechtes haben ihren begeisterten Tyrtäus gefunden: ■. \ Jahresbericht 1903 des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. („Im Deutschen Reich44, Februarheft 1904.) Nein, schimpft mir nicht auf den Central verein Und schmäht mir nicht sein Bestreben! Ihr nennet es so aussichtslos? Ich mein', Ohne ihn — kein jüdisches Leben! Es ist doch klar — ich wenigstens find's — Dass, wenn man, wie damals z. B. in Binz, In Badekabinen und „anderen Orten44 — Ich spreche nur in gewählten Worten —, Die ohne Rücksicht auf Konfession, Man heisse nun Schultze, man heisse Cohn, Einem jeden sollen geöffnet sein. Sieht antisemitische Wandschmiere rein, Die einem den Aufenthalt dort verleiden — Wenn's mögich war', würd' man ja gänzlich sie meiden —! Energisches Vorgeh'n sich da tut gebühren, Zum mindesten lässt man sie ausradieren. Würdet Ihr das nun tun? Ihr antwortet: Nein! Na da habt IhrsI Doch der Centraiverein, In Vertretung der deutschen Judenheit, War ohne Bedenken dazu bereit. Und er hat auch, ehrlich gestanden, gesiegt: : Er hat in der Tat alles runtergekriegt. Oder nehmen wir mal jenen Pädagogen, Der selbst sich zeigte so unerzogen, Dass er in christlicher Nächstenlieb' Ein antisemitisches Blatt unterschrieb. So'n Kerl mus doch raus! Doch Sie genieren Natürlich sich wieder, zu „denunzieren44. Zwar ist's fein nicht und nobel eteetera, Beim Centraivereine aber — ist alles da: Er schreibt, ohne jemals Kosten zu scheuen — Da er grosser Beiträge sich darf erfreuen — An alle Minister von Zeit zu Zeit Briefe. , Schon darum ist's falsch, wen nman meint, das er schliefe! Und er kriegt sogar Antwort; auch Nasenstüber! Manch and'rer hätf längst schon die Sache über. Doch er schreibt weiter; wenn auch ohne Chance. Na ,so ist's doch 'ne vornehme Korrespondence, Zu der man sonst selten Gelegenheit findet; Und deshalb halt' ich sie für ganz begründet. Auch seinen freundschaftlichen Verkehr Mit unsern Politikern schätze ich sehr. Ihr lächelt ironisch? Ihr denkt an Eschwege? Na ja. da war er mal zufällig träge, Da hat er zu sehr auf die Freundschaft gebaut Und mit Gotvertraif n in die Zukunft geschaut. Denn Gottvertrau'n hat er, weil, wie Ihr wisst, Der Verein ja im Grunde ein ,.gläubiger44 ist. Der vor allem den lieben Gott lässt walten, Drum hat e r nicht schuld, wenn noch alles beim Alten! — Ja, da hätte ich fast zu erwähnen vergessen, Wie mutvoll er sich stets im Kampfe gemessen Mit Bruhru Graf Pückler und dieser Art Herren; Er verstand es,- sie vor die Gerichte zu zerren Und. manchmal wieder zum „Sitzen44 zu bringen, Und sicher wird das ihm noch öfter gelingen! Drum habt Ihr ihn also zu Unrecht gerügt; Denn dies, meine Lieben, lehrt Euch doch das Leben: „Wo immer Schmutz auf der Strasse liegt. Da rnuss es entsprechende Besen auch geben!44 W. U. Weiters werden in dieser Kneipzeitung jene lauwarmen Politiker gekneipt, die dem Zionismus weiter nichts zubilligen als billige Sympathien, von denen ein Schock kaum auf einen Heiler für den Nationalfonds geht: An die Sympathischen. Dem Zionismus soll ich treten bei? — Sind seine Jünger auch Ideologen, Sympathisch sind sie, ich sag' es frei: Und daher bin ich ihnen recht gewogen.