Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 23 „bi* # weit11 Seite 7 ob nicht irgend welche Ghetto-Eierschalen an ihm kleben, — ob nicht irgend in einem Viersteck noch etwas Golus-Kontrebande verborgen liegt. Man muss zugeben, dass dieser Auffassung des Schekels, die weit verbreitet ist, wenn sie vielleicht auch nicht ganz so drastisch zum Ausdruck gelangt, — dass es dieser Auffassung nicht an Idealismus mangelt. Die Seh ekel- Zahler würden dann eine Art Elite der Judenheit bilden und es wäre eine Lust, mit solchen Idealgestalten zusammenzusitzen, weise Gespräche zu wechseln und zu warten, bis durch ein Wunder das zionistische Ideail sich erfüllt. Denn irgend welche praktische Arbeit wird natürlich nicht mehr möglich sein, — sondern wir werden nur noch Theoretiker besitzen, welche es weit unter ihrer Würde finden, sich realen Dingen zu widmen. Es gilt f^en Mittelweg 7wischen diesen Extremen zu finden. Wir wollen nicht von jedem, der da will, den Schekel annehmen, da wir nicht gilauben, dass jemand, der imstande ist, eine Mark zu zahlen, damit schon den Befähigungsnachweis erbracht hat, das Schicksal unseres Volkes mitbestimmen zu können. Wir wollen aber auch nicht den Beitritt künstlich erschweren, wollen es nicht darauf anlegen, gutgesinnte Juden mit allen möglichen Mitteln abzustossen. Der Prüfstein ist unser Programm. — Aber es ist noch wenig damit gesagt, wenn wir dieses Programm in seinem Wortlaut vorlegen. Gewiss, wer sich nicht zu diesem Programm bekennt, scheidet ohne weiteres für uns aus. — Wir müssen einem jeden, der zu uns kommt, dieses Programm wörtlich vorlegen, — wörtlich, nicht umschrieben, —und wir können bei einem normalen Menschen annehmen, dass er weiss, was er tut, wenn er durch Hingabe des Schekels dieses Programm anerkennt. — Aber wir haben vorsichtig bei der Interpretation dieses Programms zu sein. Eins muss ich hier vorweg nehmen. Unser Programm lautet: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk (nicht „für die Juden", welche sich nicht assimilieren können oder wollen) — für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Das ist das Programm — weiter nichts. Dieser Leitsatz allein ist in dem § 1 unseres vom Kongress festgelegten Statutes enthalten. — Die Mittel und Wege dagegen, auf denen wir das Ziel zu erreichen gedenken, sind nicht wesentliche Bestandteile unseres Programms. Was für Anforderungen sind nun nach unserem Programm an jeden Schekelzahler zu stellen? Da haben wir zunächst die Landfrage. Der Zionismus will die Judenfrage in Palästina lösen. — Ich weiss nicht, ob die neueste Seeschlange in unserem zionistischen Blättermeere — der Territorialisirnus — irgend ein Wirkliches bezeichnet. Wenn ja, so ist zu sagen, dass Territorialisten, wie sie uns in den Fabelbüchern einiger unserer Freunde geschildert werden, nicht von uns aufgenommen werden dürfen. Natürlich weiss ich, dass es Leute gibt, welche sagen, dass die Judenfrage auch durch Gründling einer Heimstätte ausserhalb Palästinas gelöst werden kann, — nur bestreite ich bis auf weiteres, dass innerhalb unserer Bewegung von irgend welcher überhaupt in Betracht kommenden Seite diese Anschauung vertreten wird. — Selbstverständlich aber bezieht sich unsere diesbezügliche Mindestforderung eben nur auf unser Endziel. — Vollkommen gleiehgiltig kann es bei der Aufnahme für uns sein, wie der Betreffende sich zur' Kolonisation in anderen Ländern sonst stellt, ob er beispielsweise für oder gegen eine sogar von uns vor7unehmende provisorische Kolonisation ist; wir verlangen lediglich, dass die endgiltige Lösung als nur in Palästina möglich anerkannt wird. Dann kommt der Punkt der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte. — Es hat den Anschein, als ob selbst in Kreisen, welche die Hochburg unserer Idee bilden, diese Forderung in ihrer Bedeutung nicht völlig erfasst ist. — Und doch ist gerade dieser Program-mpunkt für uns fast bedeutsamer als der eben behandelte Punkt, von dem wir unseren Namen „Zionisten" herleiten. — Wir sind nicht die ersten, welche Palästina als die Endstation des Leidensweges unseres Volkes bezeichnen. Aber wir sind die ersten, welche mit dem System der Wohltätigkeitskoilonisation brechen, mit der Almosenpolitik, mit der Kleinkolonisation als Endzweck. Unbedingt ist von jedem Schekelzahler als zweites die Erkenntnis zu fordern, dass eine Lösung der Judenfrage wie nur in Palästina, so nur auf öffentlich-rechtlicher Grundlage zu schaffen ist. Wer da glaubt, auf diese verzichten zu können ,gehört nicht zu uns. — Auch hier ist wieder zu beachten, dass alle unsere Anforderungen sich nur auf das Ziel beziehen. Wer also etwa der Meinnug ist, dass unser Endziel sich gerade durch Kleinkolonisation erreichen lasse, — dass solche die öffentlich-rechtliche Sicherung nach sich zu ziehen vermag, spricht damit keine Abweichung vom Programm aus und wird in unserem Rate seine Meinung vertreten dürfen. Nun aber kommen die beiden Punkte, deren Behandlung in ü der Agitation besonders viele Klippen bietet. Es handelt sichjj einmal um die Frage: „Für wen arbeitet der Zionismus?'' und ferner um die Frage der jüdischen Nationalität. Beides muss bei Interpretation der Worte „für das jüdische Volk" erörtert werden. Für wen arbeiten wir? — Diese Frage sollte gewiss nicht streitig sein und doch hören wir von unseren deutschen Zionisten oft recht verwunderlicheAntworten.Selbstverständlich arbeiten wir nicht für die armen Juden Russlands oder Rumäniens, — überhaupt nicht für die armen Juden, — überhaupt nicht für irgend eine Kategorie von Juden, sondern wir arbeiten, wie das Programm unzweideutig erklärt, fürdi' eGesamth eitderJuden.fürdas jüdische Volk. Wer anders interpretiert, — versündigt sich schon gegen den Geist des Zionismus. Aber ebenso selbstverständlich und otft genug von massgebendster Stelle unter ieinstirnmigern Beipflichten des gesamten Kongresses ausgesprochen ist es, dass wir niemanden zwingen wollen, — wie absurd ist auch der Gedanke, — von der jedem gewährten Möglichkeit Gebrauch zu machen. Wir wollen eine Heimstätte schaffen, die jedem Juden offen steht. Ob er sie aufsuchen will, steht in der Hand jedes einzelnen. In der Praxis wird, sich vermutlich zeigen, dass aus jenen Ländern, in denen der Jude sich am wenigsten wohl fühlt, verhältnismässig der Zustrom am stärksten sein wird. Das wird sich dereinst zeigen und es lohnt sich wirklich nicht, Mutmassungen darüber anzustellen oder darüber sich zu streiten. Wir haben denen, die Aufschluss verlangen, diese unsere Anschauung auseinanderzusetzen, aber es kann uns gleiehgiltig sein, wie der den Schekel Entrichtende darüber denkt. Gewiss werde ich bei einer Propagandarede nie sagen dürfen: „Wir arbeiten nur für den Juden des Ostens," — aber wenn jetzt ein Herr aus dem Publikum auftritt und unn sagt* „Ich bin in allem einverstanden und will meinen Schekel unter voller Anerkennung des Programms entrichten, aber ich meine und wünsche, dass nur östliche Juden jene Heimstätte aufsuchen werden," — so werde ich mit innigem Vergnügen den Schekel nehmen und sagen: „Das ist nicht unsere Sache! Hoffentlich werden wir bald Gelegenheit haben, das festzustellen!" Freilich wird mir dann bald gesagt werden, ich züchte Rachmoneszionisten. — Nun, ich glaube, von allen möglichen Schlagworterl, die unsinnig gebildet und unsinnig angewendet werden, ist dies das unsinnigste. — Das Wort ist nur dann zutreffend, wenn damit jene von mir schon früher in dieser Rede gekennzeichneten Leute gemeint sind, die ohne jedes Nachdenken aus purem augenblicklichem Mitleid ihre Mark entrichten, aber wir wollen doch nicht es dahin kommen lassen, dass, wie der „Schlemiel" es jüngst sehr nett parodierte, als das Schlimmste, was einem Zionisten nachgesagt werden kann, das Rachmones angesehen wird. Schliesslich sind wir alle Rachmoneszionisten. Wir haben Mitleid mit dem armen, jüdischen Volke, — Mitleid mit dem armen, darnied.erliegenden Volke unserer Väter. — Nur wollen wir dieses unser Mitleid vernünftiger, durchgreifender betätigen, als es andere getan haben: — wir verschmähen das Betteln und Altnosengeben, wir setzen an deren Stelle das Arbeiten und das Fordern unseres Rechtes. An die Stelle der Privat Wohltätigkeit vor allem lassen wir die Wohltätigkeit in der Form treten, wie sie eines Volkes würdig ist, — und betreten so das Gebiet der Politik. — Und nun die nationale Frage! — In unserem Programm ist vom jüdischen Volke die Rede. — Unser Programm schafft nicht das V o 1 k , es konstatiert auch nichtdasBe stehen desVolk es, — sondern es setzt das Bestehen des Volkes als selbstverständlich voraus. Das zeigt uns. wie dieser Punkt zu behandeln ist. Das Bestehen oder Nichtbestehen des jüdischen. Volkes ist eine Tatsache, an. welcher durch Majoritätsbeschlüsse nichts zu ändern ist. Gäbe es kein jüdisches Volk, so könnte selbst des Dr. Faust gelehrter Famulus ein solches nicht konstruieren, da es aber ein jüdisches Volk gibt, so vermögen die Beschlüsse aller noch so mächtigen Korporationen und Verbände seine Fxistenz nicht aus der Welt zu schaffen. Unser Zionismus ist nicht etwas Willkürliches, nicht etwas am grünen Tisch Ausgehecktes, — Fr ist ein Produkt historischer Entwicklung, stellt eine Phase unseres nationalen Lebensprozesses dar. Fin Zionismus ohne jüdische Nation ist ein ebensolcher Idiotismus, wie die Idee einer jüdischen Religion ohne ein j ü d i - s c h e s V o 1 k. Das wissen wir alle, — das ist etwas Selbstverständliches! — Aber über Selbstverständlichkeiten redet man nicht, ausser in der Generalversammlung gewisser gemeinnütziger Vereine. Wer die Aufgabe hat, das Wesen des Zionismus auseinanderzusetzen, der kann gar nicht anders, als die historische Entwicklung zu skizzieren, der muss die nationale Grundlage berühren, muss auf das Unzweideutigste unsere Nationalität bekennen. Aber eine Ueberflüssigkeit und eine Konzession ist es eigentlich, erst noch nachzuweisen, dass fees eine jüdische Nation gibt. Wohl — wenn jemand ihr Vorhandensein bestreiten wolte, muss man ihn ad absurdum führen, waber man darf doch nicht vergessen, dass es sich um eine ab-