Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 lfbie * w^it Nr, 23 nismus, insbesondere über desSsen auswärtige Politik. Im allgemeinen schliessen sich diese Mitteilungen an die bereits bekannten Verhandlungen des A.-C. an, das in Wien getagt hat. Redner erörterte das von England angeregte ostafrikanische Kolonisationsprojekt, ging dann weiter auf die Stellungnahme der einzelnen Staaten zu den Bestrebungen der Zionisten ein und erklärte mit Bezug auf Russland, dass der Leiter der zionistischen Bewegung, der um dieselbe hochverdiente Dr. Herzl, auf eine an den russichen Minister Plehwe gerichtete Anfrage, ob die russiche Regierung die Kolonisationsbestrebungen der Zionisten in Palästina beim Sultan der Türkei unterstützen werde, eine bejahende Antwort erhallten habe. Der Kassenbericht des Zentralkomitees wird durch Herrn Wolff aus Köln erstattet. Nach einer kurzen Aufzählung von Ziffern klagte der Kassier über die mangelhafte Abführung derDistriktsbeiträge an das Zentralkomitee. Er verlangt, dass dem Zentralkomitee das Recht erteilt werde, von den einlaufenden Schekelgeldern 25 Prozent für seine Ausgaben zurückbehalten zu dürfen. Der Bericht wird von mehreren Rednern scharf kritisiert. Der nächste Gegenstand der Tagesordnung betraf Organisation und Propaganda. (Referent: Herr Fritz S o n dh e i rn e r - Frankfurt a. M., Korreferent: Herr Assessor Dr. F r i e d e m a n n - Wiesbaden.) Auf Antrag der Ortsgruppe Mannheim wurde das neue Organisationsstatut, nachdem dasselbe im Plenum durchberaten, einer siebengiiederigen Kommission überwiesen. Die Ortsgruppe Posen beantragte zum fünften Punkt der Tagesordnung: „Organisation und Agitation1' die Annahme folgender Resolution: Der Delegiertentag empfiehlt 'den Ortsgruppen dringend, den Fragen des jüdischen Gemeinlebens, der Stellung der deutschen Juden zu den gesetzgebenden Faktoren, den politischen Parteien und überhaupt zu den politischen Ereignissen wie den besonderen wirtschaftlichen Interessen der deutschen Juden beständig die grösste Aufmerksamkeit zuzuwenden und diese Fragen in den internen Sitzungen und namentlich in öffentlichen Versammlungen immer wieder zur Diskussion zu stellen. In der Diskussion über diesem Antrag trat Dr. Jakobson n dem Antrage entgegen. Ein gleiches war der Fall bezüglich des Delegierten Esdermann- Hamburg. Die Versammlung beschloss, diese Angelegenheit dem nächsten Delegiertentag zur Erörterung zu überweisen. Frau Wagner - Berlin wünschte die Errichtung von Frauenvereinen mit dem Ziel einer Agitation für den Zionismus. Diese Vereine müssten sich zu einem Verbände jüdischnationaler Frauenvereine zusammenschlössen. Ein Beschluss wurde nicht gefasst. Herr Assessor Dr. G r o n ein a n n - Hannover hielt hierauf sein Referat über den Schekel. Der Schekel. Aus dem Referate des Assessors Dr. S. Gronemann. ... Es war eine der glücklichsten Ideen der Schöpfer unserer Organisation, die uralte Einrichtung des Schekels zu erneuern und zur Grundlage unseres neuen Gemeinwesens zu machen. In dem Worte „Schekel'4 liegt Tradition — liegt Geschichte. Es erinnert uns an die Zeiten jener ersten grossen Wüsten Wanderung unseres Volkes — möge die jetzige die letzte sein — da Moses unbeirrt dem Volke vorausschritt — jenem Haufen kaum befreiter Sklaven, die den erhabenen Gedanken der Gotteseinheit wie der Volkseinheit noch kaum zu fassen vermochten, — da die einen sich zurücksehnten nach den Fleischtöpfen der Sklaverei, während die anderen sich weigerten, den vom Schicksal bestimmten Umweg durch die Wüste anzutreten, — an eine Zeit, die der unseren, was unseres Volkes Arbeit und Sinnesart anlangt, so sehr gleicht. — Und damals erhob Moses den ScheKek Jeder, der sich nicht von seinem Volke trennen wollte, — nicht von den Töchtern Moabs sich verlocken und nicht von den Pfeilen Amaleks sich erschrecken Hess, — der nicht die Schrecken der Wüstenwanderung scheute und nicht das Vertrauen auf die Verheissung verlor, jeder, der mitmarschieren wollte und mitkämpfen wollte für das gelobte Land, entrichtete eine massige Spende, eine Kopfsteuer. Es war das nicht ein blosses Hingeben von Geld, es lag darin das Hingeben der Persönlichkeit, — es lag darin das wiederholte Anerkenntnis und Gelöbnis gegenüber der Sache des Volkes. Wir haben den „Schekel44 wieder eingeführt, — das Wort zunächst in unseren Sprachschatz wieder eingefügt. Und der Sinn dieser Wiederbelebung kann nur der sein, dass wir auch den Geist jener alten Schekelzahlung wieder aufleben lassen wollen.' Es kann sich beim Schekel nicht nur um eine Geldsammlüng handeln, sondern um mehr. Der Schekel soll unsere Einheit repräsentieren, soll das Dokument und der Massstab unserer Stärke sein. Mit dieser Auffassung stknmt die Anlage unserer Organisation überein. Jeder, der den Schekel entrichtet und nur er hat das Recht, zum Kongresse zu wählen und gewählt zu werden, das Recht, mitzuwirken an der Schaffung des Schicksals seines Volkes. Die Schekelquittung gewährt das höchste, fast einzige Recht, das das jüdische Volk zu vergeben hat, — es ist der Bürgerbrief unseres Ideallstaates . . . Es sind somit gewisse Mindestforderungen aufzustellen, welche derjenige erfüllen muss, den wir für würdig erachten, den Schekel zu entrichten. Denn ausser einer Pflicht zur Schekelzahlung gibt es auch ein erst zu erwerbendes Recht auf Schekelzahlung. Unsere Agitation nach aussen richtet sich darauf, neue Schekelzahler zu gewinnen. Nun, wir müssen so agitieren, dass wir sicher sind, dass die durch unsere Agitation Gewonnenen genau wissen, was die Zahlung ihres Schekels bedeutet. Und da eben in dieser Beziehung allerhand Meinungsverschiedenheiten entstehen können, wenn nicht entstanden sind, so ist die Frage „Von wem dürfen wir Schekel erheben?" nur zu beantworten, indem wir bestimmte Leitsätze für die Agitation aufstellen. — Wenn wir sicher sind, dass die Agitation im ganzen Reiche nach einheitlichen Grundsätzen betrieben wird, — dass von allen unseren Vertretern zu den wichtigeren grundlegenden Fragen übereinstimmend Stellung genommen wird — nur dann werden wir die Masse der deutschen Schekelzahler als ein einheitliches, zuverlässiges Ganzes betrachten können. Es ist vielleicht überflüssig, hier einzufügen, dass selbstredend hier nur an die grundlegenden programmatischen Materien gedacht ist, nicht aber an Zeit- und Streitfragen innerhalb der Bewegung . . . Die Anschauung, dass wir den Schekel nehmen sollen, wo wir ihn nur kriegen, erscheint mir die bei weitem verfehlteste. Die Vertreter dieser Idee sehen in dem Schekel vielfach nur ein Geldstück, wie jedes andere auch. Aus rein fiskalischen Gründen wollen sie keine Möglichkeit, das Volksvermögen zu mehren, sich entgehen lassen. — Bei dieser Auffassung ist allerdings das historische Wort „Schekel44 zu einem gewöhnlichen Reklamewort herabgesunken und zwar zu einem aas Publikum in grober .Weise täuschenden Kennworte. — Das dürfen wir nie und nimmer zugeben; das fiskalische Interesse soll bei uns nicht ausschlaggebend sein. Ausserdem aber braucht das Volksverrnögen durchaus nicht unter unseren Prinzipien zu leiden. Wenn jemand aus Freundschaft für mich oder aus Mitleid mit den armen Juden Russlands oder dergleichen, an sie Ii sehr löblichen Gründen, das jüdische Volk um eine Mark bereichern will, so mag er dieses Kapital dem Nationalfonds zuführen, — nie und nimmer aber soll er damit das Recht gemessen, durch seine Stimme vielleicht ausschlaggebend über das Schicksal unseres Volkes zu entscheiden. Wenn es nun wirklich nur Vertreter eines allen anderen Erwägungen unzugänglichen Fiskalisimus wären, welche diese weitgehende Liberalität bei der Schekelerhebung befürworteten, so wäre darüber kaum ein Wort zu verlieren. Das ist eine reine Nützlichkeitserwägung, die sich eben über alle theoretischen Einwände hinwegsetzt. Aber die Idee, als ob wir den Schekel von jedem erheben dürften und folgeweise — diese Folgerung ist nur logisch — auch, wo nur die Möglichkeit vorliegt, von jedem erheben müssen — diese Anschauung wird auch theoretisch begründet und eifrig verteidigt. Auf dem fünften Kongresse legte Ussischkin einen Organisationsentwurf vor, — es war ein Entwurf voll grosser und kühner Ideen, die es bedauerlich erscheinen lassen, dass er in der Beratung fast gar nicht gewürdigt wurde — im übrigen aber reichlich unpraktisch. — In diesem Entwürfe heist es im § 18: „Schekelzahler sind alle Juden und Jüdinnen ohne Unterschied des Alters" und Herr Ussischkin fügt in der Begründung hinzu: „Der Schekel wird von jedem verlangt, ohne Altersbestimmung und ohne Erläuterung seine_r Beziehungen zum Zionismus. Dieser mein Vorschlag entspringt" aus der Ansicht, dass die Zahlung der Volksabgaben, des Schekels, obligat ist; dieser Umstand gibt uns das Recht, die Abgabe von jedem zu fordern, der nicht offiziell aus dem Judentum getreten ist. Ebenso behandeln alle Regierungen aller Staaten ihre Staatsbürger, welcher Ansicht sie auch über ihre Regierung sind.44--Sehr hübsch und geistreich, aber doch etwas zu weit von dem realen Boden entfernt. — Herr Ussischkin vergisst, dass wir noch keinen Staat haben, dass wir vielmehr erst die Grundlagen zu einem Gemeinwesen schaffen wollen, diese Grundlagen aber gar nicht schlimmer gefährden können, ajs durch die Annahme seines Vorschlages.. Wollten wir den Schekel von jedem Juden verlangen, ohne ausser der Mark noch etwas zu verlangen, — ei, so würden wir vielleicht von jedem deutschen Juden dieses Trinkgeld erhalten können. Wie aber der von diesen Schekelzablern gewählte Kongress aussehen und was für Beschlüsse er fassen wird, das auszumalen überlasse ich unserem Freunde Mwapwa Jurnbo von Schlemiel. Nicht viel brauchbarer ist die Anschauung, welche das andere Extrem vertritt, — welche ungeheuer skrupulös vorgehen wWl und jeden, der sich bereit erklärt, den Schekel zu entrichten, erst unter die kritische Lupe nehmen will — erst eine minutiöse Untersuchung verlangt, ob nicht irgendwie von dem Kandidaten ein Assimilationsbazillus eingebracht wird, —