Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 23 „bi* * W$lt" Seite 5 wurden, worauf wir sie in unsere Teetöpfe legten und Wasser darüber gössen. In diesen Töpfen haben wir Pessach unsere Speisen bereitet. Das köstliche Sedermahl bestand aus folgenden Speisen: Mazzes, Tee, Zucker, Eier, Wasser, Aepfel, Birnen, Nüsse, Pistazien und Apfelsinen, zusammen 10 Gänge. Um 4 Uhr mittags erreichten wir Liaojang, wo die Juden des 23, Regiments 30 Puds Mazzes erhielten. Wir haben alle Gott sei Dank kein Chomez gegessen. Der Mangel an Lebensmitteln ist hier sehr stark, wir zahlen für Tee 1-20 Rub. pro Pfund, für Zucker 80 Kop. Branntwein ist hier eine Seltenheit. Der gewöhnliche Preis ißt 2f/a Rub. die Flasche. Sehr oft geschieht es, dass die Lebensmittel gänzlich zu Ende gehen; wir haben schon zwei Tage hintereinander nichts zu essen bekommen. Herzlichsten Gruss Ihr A. M. B. K. W. Wissotzky. Mittwoch den 25. Mai starb in Moskau der in russischjüdischen, besonders aber in zionistischen Kreisen wohlbekannte Philanthrop K. W. Wissotzky. Aus kleinen Anfängen zu beträchtlichem Reichtum und Ansehen emporgestiegen, gehörte Wissotzky zu den bei uns leider immer seltener auftretenden Reichen, die in ihrem Ueberfhisse ihres in Not und Elend schmachtenden Volkes noch gedenken und ihm ausgiebige Hilfe zu bringen bestrebt sind. Ausgerüstet mit jüdischem Wissen und von echt jüdischer Gesinnung beseelt, beteiligte er sich mit Hand und Herz an der Renaissance - Bewegung der letzten 20 Jahre, und seit der Kattowitzer ZionistenVersammlung nahm er regen Anteil an der Palästina-Arbeit der Zionsfreunde in Russland. Im Jahre 1885 besichtigte er Palästina und veröffentlichte in Sokolows e^oan (1889_90) seine in den jüdischen Kolonien gemachten Beobachtungen. In demselben Jahre legte er ein Gründungskapital für eine zu gründende jüdische Hochschule an; er unterstützte ausgiebig die Schule in Jaffa und andere Unterrichtsanstalten, gründete die Monatsschrift ri^n UDC* ergriff auch häufig selbst das Wort in der hebräischen Presse, wenn wichtige zionistische Fragen auf der Tagesordnung standen. Seine wohltätige Wirksamkeit reichte bis Wien, denn auch unsere Toynbee- Halle beschenkte er mit Thee für ihre Winterabende. Eine seiner letzten Stiftungen ist die Handwerkerschule in Bialystok, zu deren Bau er 60.000 Rubel spendete, n!MWn B. Der Delegiertentag der deutschen Zionisten in Hamburg. Am 22. und 23. Mai fand in Hamburg der Delegiertentag der deutschen Zionisten statt. 101 Delegierte hatten sich aus allen Teilen des deutschen Reiches eingefunden. Dr. B o d e nheimer eröffnete den Delegiertentag mit einer Ansprache, in welcher er den Fortschritt der zionistischen Bewegung in Deutschland an der Hand genauer Feststellungen nachwies. Ueber die bestehenden Ortsgruppen und über die Neugründungen und das Verhalten mancher einflussreicher Juden äusserte er sich in folgenden Worten: „Wir haben heute in Deutschland über 65 Ortsgruppen und zirka 57 Vertrauensmänner und kleinere- Gruppen in den verschiedensten Gegenden und insgesamt etwa 6000 Schekelzahler. Besonders in dem Bezirk des Berliner und Mannheimer Bureaus war im Laufe des letzten Jahres ein erfreulicher Fortschritt und die Gründung zahlreicher Vereine zu verzeichnen. Uieberall, wo siich auch nur eine kleinere Anzahl tatkräftiger Männer für unsere Sache zusammenfindet, ist die Entwicklung der Ortsgruppe gesichert. Warnen möchte ich aber vor der verfrühten Gründung von Vereinen, so lange nicht ein zuverlässiger Kern sesshafter Gemeiiideimitglieder für unsere Sache gewonnen ist. Derartige Schöpfungen, die zumeist dem Tatendrange jugendlicher Stürmer entspringen, haben sich allenthalben für eine gedeihliche Entwicklung als schädlich erwiesen. Mit Stolz können wir heute aussprechen, dass wir in Deutschland, trotzdem uns freundliche Gönner manchen Knüppel zwischen die Beine geworfen, stark genug sind, die Bewegung zum Zie'Le zu führen, selbst wenn der barbarische Druck in anderen Landern unsere Starnmesgenossen verhindern sollte, an dem Rettungswerke für unser Volk mitzuarbeiten. Denn nichts anderes erstrebt der Zionismus, als die Rettung des jüdischen Volkes in seiner1 überwiegenden Mehrheit aus fortdauernder politischer, sozialer und ethischer Not. Wir lassen uns in diesem Werk durch das Widerstreben führender Kreise nicht irre machen. Auch zur Zeit der ägyptischen Sklaverei hat es Juden gegeben, Führer in Israel, welche in seltsamer Verkennung der Begriffe vom Freiheit und Menschenwürde die Knechtschaft in Mizrajim höher hielten, als die Freiheit, zu weilcher Moses das Volk emporheben wollte. Wer an. die Dunkelheit gewöhnt ist, scheut das Licht. Das Spiegelbild jener Finsterlinge sind jene ängstlichen Herren, welche das Scheitern des zionistischen Planes ebenso erschreckt, wie seine Verwirklichung.4' Dr. Bodenheinier beleuchtete dann den Unterschied zwischen den Bestrebungen der Zionisten und denen verschiedener anderer jüdischer Korporationen Deutschlands und bemerkte hiebei unter anderem: „Wir erstreben eine Lösung ails soziales Hilfswerk für das ganze Volk und durch das Volk als selbstbewusste Einheit. Die anderen wollen einzelnen durch die einzelnen Individuen helfen. Deshalb arbeiten wir nach dem Prinzip der Sammlung und Vereinigung, die anderen nach dem Prinzip der Zerstreuung. Die Hilfe der anderen trägt den Charakter des Almosens, die unserige dem der nationalen Selbsthilfe. Es mag gegenüber den Gerüchten, die verbreitet wurden, an dieser Steflle laut und unzweideutig ausgesprochen werden, dass die Führung der zionistischen Bewegung auch in Deutschland stets die nationaljüdische Gesinnung als die Voraussetzung der zionistischen Idee betrachtet hat. Nur auf dieser Grundlage halten wir die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina überhaupt möglich." Das von einigen Seiten kolportierte Gerücht, die Leitung der deutschen Zionistem plane die Ausschliessung der Ausländer aus den Ortsgruppen, wies er als eine im Kopfe eines Assimilationsjuden gewachsene Idee mit aller Entschiedenheit zurück. Ueber die Schaffung einer Kolonie in Ostafrika bemerkte er: „Man kann die Schaffung einer Kolonie in irgend einem anderen Lande als Palästina wohl als ein Ziel für die Lösung der Judenfrage betrachten, aber dieses Ziel wäre nie und nimmer ein zionistisches. Eine solche Heimstätte für sich allein würde auch keine Aussicht auf Dauer besitzen, kann also für uns als eine endgiltige Lösung der Judenfrage nicht in Betracht kommen. Etwas anderes aber ist es, wenn man die Frage aufwirft, ob die Schaffung einer solchen Kolonie nicht ein Mittel sein kann, um das zionistische Ziel rascher und sicherer zu erreichen, als lediglich durch die Schaffung zerstreuter Kolonien ohne den Charter in Palästina und dessen Nebenländern. Die Beantwortung dieser Frage darf nicht aus einem dunklen Gefühl heraus erfolgen, sondern bedarf der kühlsten und nüchternsten Erwägung. Wenn die zionistische Bewegung in ihrer autorisierten Vertretung, d. h. dem allgemeinen Zionistenkongress durch Majoritätsbeschluss die Beschreitung dieses Weges verlangt, ist es eine Sache der Disziplin für die dissentierenden Gesinnungsgenossen, nicht etwa ihre Gesinnungen zu ändern, sondern der Ausführung dieser Beschlüsse unter keinen Umständen irgend welche Hindernisse in den Weg zu legen. Fällt der Beschluss nach der anderen Richtung, die unserem Herzen näher liegt, dann ist es ebenso selbstverständlich, dass Erwägungen der Notwendigkeit einer Gegenwartsarbeit mit Rücksicht auf die augenblickliche Notlage, unsere Gesinnungsgenossen nicht veranlassen dürfen, irgendwelche andere Schritte zu fördern." Nach der programmatischen Ansprache Bodenheimers wurde das Bureau gewählt. Und zwar: 1. Vorsitzender Bodenheimer-Köln, 2. Vors. Dr. Ludwig Franck-Hamburg, 3. Vors. Dr. Kaufmann-Freiburg. Beisitzer: 1. Gustav G. Cohen-Hamburg. 2. Dav. Woilffsöhn-Köln, 3. Julius Kalmus-Berlin. 4. Dr. Adler-Lübeck. Schriftführer: 1. Dr. Jacobi-Königsberg. 2. Dr. Alien-Hamburg. 3. Rechtsanwalt Dr. Steinitz-Gleiwitz. Hierauf folgt das Referat Professor Warburgs über unsere Aufgaben in Palästina und Syrien. (Wir werden dieses Referat in extenso in unserer nächsten Nummer veröffentlichen. Die Red.) Es entwickelte sich eine (Längere Debatte über die Rede Bodenheimers. Vor derselben wird die Absendung von Tielegrammen an Se. Majestät den deutschen Kaiser, an den Senat der freien Stadt Hamburg und an Dr. Herzl beschlossen. Hierauf referierte Dr. Alfred Klee-Berlin über die allgemeine Lage des Zio-