Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite i „We # weit11 Nr. 23 3. Die Reise über Triest wurde übrigens gegen meinen Willen auf dem VI. Kongresse m Basel beschlossen, in einer Versammlung, an der sich die namhaftesten Zionisten des Osstens und Westens beteiligten. 4. In Westeuropa hielten wir uns bloss in drei Städten auf: in Tarnopol, Wien und Triest. In Tarnopal war der Sammelpunkt für die Kinder, die gruppenweise über die Grenze gekommen waren. Denn sie mussten in Gruppen zu je 5—6 Kindern unter Leitung eines Vertrauensmannes die Grenze passieren; in Tarnopol als der nächsten Grenzstadt sammelten sie sich. Von Tarnopol fuhren wir bis. Wien direkt, ohne dem Wunsche der Krakauer Zionisten zu willfahren, die uns. zum Ausruhen in ihrer Stadt eingeladen hatetn. Donnerstag abends den 22. Cheschwan kamen wir in Wien an, wo wir erfuhren, dass wir auf das Schiff nach Jaffa zwei Wochen warten müssten. Von Wien gingen wir direkt nach Triest. Die Herreu, die mir geographische Unkenntnis vorwerfen, mögen mich belehrien, weiche dieser Städte denn zu meiden gewesen wären. 5. Meine zionistischen Freunde und Bekannten in allen Städten, die ich, sei es in Russland, sei es in Oestereich, passierte, wissen, wie sehr es mir leid tat, dass ich diesen Weg machen musste. Den Wiener1 Zionisten, die mich mit den Kindern bald dorthin, bald daher einluden, leistete ich keine Folge. Ich hütete mich wohl, die Kinder irgendwie'oder -wo zur Schau zu stellen, was von nachteiligem Ehrfluss auf sie hätte sein können. Ich glaube nun meine umständliche Reise aufgeklärt zu haben und bin überzeugt, dass. alle diejenigen, welche an der Frage Interesse haben, nicht mehr im Unklaren darüber sein werden, was von den Anfällen gegen mich zu halten sei. Und nun, meine Zionsbrüder und Gesinnungsgenossen! I h r werdet es sicherlich nicht als Reklamesucht betrachten, wenn ich Euch über das Befinden der Kinder einiges berichte. Zu meiner Freude kann ich Euch das Beste mitteilen. Die Kleinen sind wohlauf, gesund und munter. Sowohl das Klima, ais die Feldarbeit üben auf sie eine ausserordentlich günstige Wirkung. Sie schauen brillant aus und versprechen tüchtige Arbeiter zu werden. Auch in ihrer geistigen Entwicklung ist ein merklicher Fortschritt zu verzeichnen, so dass unsere Tarnopoler oder Wiener Freunde sie kaum erkennen würden. Die meisten sprechen* bereits geläufig hebräisch, Freiich nach der sephardischen Art, die wir trotz des Spottes im „fiador" beibehalten wollen, da sie die richtigste scheint und in allen Schulen des heiligen Landes die vorherrschende ist. Unsere Freunde wird ferner die Mitteilung interessieren, dass bereits ein Stückchen Land in einer günstigen Lage in Galiläa erworben wurde, das sich für eine Ackerbauschule sehr geeignet erweist. Bisher weilten wir in Rischon fZ i o n. Zu Beginn dieses Monates, Nissan, übersiedelten wir in die kleine Kolonie M e i r - S a f f i a in der Nähe von S i c h r o n Jacob. Hier denken wir den Sommer zu verbringen, bis unsere Wohnstätte erbaut ist. Anfangs des kommenden Jahres werden wir hoffentlich die Einweihung unserer Schule „Kirjath-Sefer" feiern. Israel B e 1 k i n d. Die jüdischen Soldaten im russisch-japanischen Kriege. (Brief eines jüdischen Infanteristen im 23. sibirischen Regiment) Fön gw an gt schön, G.j 19. April 1904. .... Wir reisten am 6.19. Februar von Warschau ab and fuhren ohne Unterbrechung bis Irkuti-k. Doit machten wir einen kurzen Halt und "unsere Vorgesetzten trafen die ersten Anstalten zu unserer ^Bewaffnung. Jeder Soldat erhielt 120 Patronen, dann setzten wir unsere Reise bis zum Baikalsee fort. Derselbe war mit dickem Eis bedeckt. In. Ermanglung einer genügenden Arzahl Schlitten mussten Wir den See in einer Strecke von 40 Werst zu Fuss überschreiten. Nachdem wir ermüdet und erschöpft das andere Ufer erreicht hatten, rasteten wir kurze Zeit und fuhren per Bahn bis nach Liaojang weiter, wö wir am 21. März (3. April) eintrafen. Nach zweitägigem Aufenthalt brachen wir wieder auf und marschierten nach Pöngwangtschön, wo wir erst heute anlangten. Auf diesem Marsche fühlten wir zum erstenmal^ was Kriegsstrapazen bedeuten. Die Tage dehnten t-ieh zu Wochen, die Wochen zu Jahren/ Ein Europäer kann pich nicht im entferntest n eine Vorstellung von einem derartig schlechten Weg machen. Fast jeden Tag stieVsen wir auf hohe Felsengebirge; auch die Täler waren mit kleinen, spitzen Steinen wie besär. Unser schwerfälliger Zug kam darauf nur sehr Jagsam vorwärts. Kaum hörten diese hohen Bc*r#e und unwegsamen Taler auf, begannen w eder die mit Wasser bedeckten Strecken in einer Ausdehnung von mehreren YWrst. Diese Stellen mussten wir dm chwaten, wobei wir eehr oft bis an den Hals in Wasser gerieten. Kein Wunder, dass hunderte von Kameraden auf diesem gefahrvollen Marsche ih'.e Schuhe verloren und die Wanderung barfuss fortsetzen mussten. Durch das Wasser erweichte sich das Lr d^r und als wir kurz darauf in eine felsige Gegend kamen, ging unsere Beschuhung vollständig in Fetzen, und die blossen Füsse trugen schwere, blutige Wunden davon. Trotz meiner kräftigen Körpeikonetitution konnte ich mich nicht auf den Füssen halten und sank sehr oft zu Boden. Wir verloren aber trotzdem nicht den Mut. Wenn wir mit Gottes Hilfe die japanische Residenz erreichen und im Parademarsch in dieselbe einziehen werden, dann wird alles wieder aufleben. Der Feind hat ja schon drei Angriffe auf Port Arthur gemacht, und alle drei sind ihm misslungen. Nun will ich Ihnen über unsere Pessachfeier genau Bericht erstatten. Chomez haben wir nicht gegessen. AU wir am 17. März (Erew Pessach) in Charbin um °2 Uhr mittags eintrafen, mussten wir noch Chormz essen und glaubten nicht einmal Mazzes vor Augen zusehen. Woher denn auch? Um die wenigen Mussestunden an diesem Tage nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, nahm ich mein Tillimbuch (Psaltei) zur Hand und begann inbrünstig darin zu lesen. Da hörte ich plötzlich die Stimme unseres Hauptmannes rufen: Juden, Judtn! Erschreckt sprang ich von meinem Platze auf, steckte mein Tillim in die Tasche und lief aus allen Kräften zum Hauptmann. Siehe, eine angenehiine Ueberraschung! Derselbe übergab mir eine Kiste Mazzes von etwa 4 Pud mit der Bemerkung, diese sei für die in unserer Kompanie befindlichen Juden bestimmt. Wir waren unser 13, begaben uns dann auf die Suche nach einem Platz, wo wir ungestört die Sederfeier abhalten könnten. Im Personenwagen war es unmöglich, da unsere christlichen Kameraden dort überall ihr Brot hatten. Nach langem Bitten und Ersuchen wies uus der Hauptmann einen PJatz in einem Pferdewagen an, stellte uns Heu und Stroh zur Verfügung, urd so begannen wir uns einzurichten. Die Mazzeskiste diente uns f.als Tisch, wir deckten Handtücher darüber, legten unser Mazzes und Gebetbücher darauf und der Seder begann. Schade, dass wir dort keinen Photographen hatten, der diese eigenartige Feier hätte auf der Platte fixieren können. Einige weinten, andere lachten; ich selbst hätte zu den ersteren gehört, : wenn mir nicht gerade die Beschäftigung mit der Feier einige Zerstreuung geboten hätte. Am nächsten Morgen hielten wir das Gebet mit Minjan ab. Nach dem Beten machten wir uns daran, unsere Kochgeschirre zu kaschern (für Pessach brauchbar zu in acher). In Erinar.glung eines grossen Kessels, worin wir diese Gefä?se hätten hineintun können, mussten wir uns andern Rat schaffen. Wir legten drei Steine in den Ofen und warteten, bis sie glühend