Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316097--45780-3340604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 23 „fci* * Welt" Seite 3 aber braven Arbeiter in Russland und Rumänien schwer treffen werde, ebenfalls die politischen Flüchtlinge. Dieselbe Meinung vertrat auch Sir Montagu, der den Pass durch ein Zertifikat, das vom britischen Konsulat oder dem lokalen Rabbiner auszustellen sei, ersetzt sehen möchte. Auch Mr. Claude Montefiore und Mr. Stuart Samuel äusserten ihre Unzufriedenheit mit der Bill und brachten ihre Motive vor. Letzterer zeigte in sehr energischen Worten die Missstände, die aus der Bill erwachsen würden, und deren Unzulänglichkeit. Darauf erwiderte der Unterstaatssekretär in ausweichender Weise. Er sagte u. A,: „Lord Rothschild! Ich muss Ihnen danken für die sehr gemässigte Art und Weise, wie Sie Ihre Sache, die Sie so tief interessiert, vorgebracht haben. Ich glaube aus Ihren Reden entnehmen zu können, dass wir in einem wesentlichen Punkte übereinstimmen, nämlich, dass wir, wie es der Ministerpräsident und der Staatssekretär zu wiederholten Malen gesagt haben, durch die Einführung dieses Gesetzes keine antisemitische Haltung einnehmen wollen; und dass Alle, vom Ministerpräsidenten angefangen, die Vorteile anerkennen, die, wie es auch Mr. Rothschild hervorgehoben hat, das Land den ausgezeichneten Mitbürgern jüdischen Glaubens verdankt, die hier wohnen und so viel zur Hebung der Industrie des Landes beigetragen haben. Aber, mein Lord, ich muss mich den übrigen Mitgliedern der Regierung anschliessen, die behauptet haben, dass diese Gesetze keineswegs gegen das Ganze des jüdischen Volkes gerichtet seien." Dann sagte er, erhelle es aus der Tätigkeit des Jewish Board of Deputies, dass es doch viel Juden gebe, die repatriiert werden müssen. So z. B. seien im Jahre 1899 609, 1900 1825, 1903 369 solche Fälle vorgekommen, was doch zu beweisen scheine, dass es unter den einwandernden Juden doch „Unerwünschte0 gebe. (Sir Montagu enikräftete diese Behauptung durch den Zwischenruf, dass diese Repatriierungen nur aut Wunsch der Immigranten geschehen seien, also nicht zwangsweise). Dann versprach Mr. Cochrane, auf die Bemerkungen und speziell die vorgeschlagenen Amendements der Herren Alexander und Montagu einzugehen und sie dem Hause vorzulegen. Bezüglich des Passwesens, das von der Deputation so getadelt wurde wusste Mr. Cochrane nichts besseres zu sagen, als dass es doch notwendig und nicht so schlimm sei, höchstens könne man das von Sir Montagu vorgeschlagene Zertifikatwesen einführen. Damit war die Deputation entlassen. Die Beruhigung, die wir aus diesen Erklärungen Mr. Cochranes schöpfen, ist demgemäss nur eine sehr geringe. Sp^ctator. Aus Russland. Petersburg. Die „Welt" war bereits vor mehreren Monaten in der Lage, zu melden, dass die russische Regierung die Ausweisung der Juden aus den Landstrischen, welche an den Reichsgrenzen in einer Zone bis zu 50 Werst Entfernung liegen, einstweilen bis zur endgilti'gen Entscheidung über diese Frage eirstellt. Wie nurmehr amtlich?us Petersburg gemeldet wird, hat das Ministerium »des Innern dem Petersburger Reichsrate den Antrag unterbreitet, das Gesetz, welches den Juden die Ansiedlung und den Aufenthalt in den in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegenden Landstrichen verbietet, vört'li'g aufzuheben. Durch die Aufhebung dieses Gesetzes dürfte vielen jüdischen Familien in Russland die Möglichkeit geboten werden, das Niederlassungsgebiet zu verlassen, wo gegenwärtig, wie russische, in Russland erscheinende Blätter selbst konstatieren, die Armut unter den luden erschreckende Dimensionen anzunehmen begann. Gegen diese immer wachsende Armut konnten sich die Gouverneure, welche behufs Teilnahme an den Sitzungen der im Ministerium des Innern eingesetzten Kommission zur Revision der Gesetze über die Juden nach Petersburg berufen wurden, nicht verscMiessen, und ihrem Gutachten darüber dürfte die nunmehr offiziell gemeldete Aufhebung des Wohnrverbotes zu verdanken sein. Wilna. Der Krieg im fernen Osten hat, wie die „Sewero Sapodnoje Slowo" meldet, im jüdischen Niederlassungsrayon imNordwestgebiete eine Panik durch eine industrielle Krise herbeigeführt. Viele Fabriken haben den Betrieb eingestellt, und dadurch wurden Tausende von jüdischen Arbeitern brotlos gemacht. Die Behörden haben beschlossen, die Reichen zugunsten der armen Arbeiter zu besteuern, aber die Zahl der Reichen ist leider sehr klein . . . Elisabethgrad. Wie die „Jelisawetgradskija Nowosti" weiden, weilte unlängst in dieser Stadt der Gouverneur von Cherson, Staatsrat Lewaschow. Er empfing den Rabbiner Temkin und befragte ihn über die Teilnahme der Judengemeinde von Elisabethgrad an den Spenden zugunsten des Kriegsfonds und der verwundeten Soildaten. Aus der Antwort des Rabbiners Temkin erfuhr der Gouverneur, dass die verhältnismässig nicht reiche jüdische Gemeinde von Elisabethgrad zugunsten des Kriegsfc-nds und der Verwundeten 20 000 Kronen und grosse Mengen von Wache und andere Gegenstände gespendet hat. Der Gouverneur dankte den Juden wärmstens und forderte den Rabbiner Termkin auf, ihm über diese Spenden der Juden einen ausführlichen Bericht zu unterbreiten. Kischenew. Die offiziellen „Bessarabskija Gubernskija Wjedomosti" publizieren eine Verordnung des Gouverneurs von Bessarabien, wonach 12 Juden, welche sich in der Wohnung von Kaliman Fuhrmann versammelt haben, zu verschiedenen Areststrafen verurteilt werden. Die Versammlung fand vor den russichen Ostertagen statt, und die Juden wollten über Massnahmen beraten, welche eventuell beim Ausbruch von Judenexzessen zum Schutze der Juden zu ergreifen wären. Petersburg. Die dem Senate vorgelegte Frage, ob Jüdinnen, welche die höheren weiblichen Kurse absolvieren, das unbeschränkte Wohnrecht im Reiche gemessen, wurde vom Senate, wie die „Senatskija Wjedomosti" melden, bejaht. Slawjansk. Wie der „Regierungsbote" meldet, wird heuer kranken Juden der Aufenthalt und der Kurgebrauch in dem ausserhalb des jüdischen Niederlassungsgebietes liegenden Kurorte Slawjansk während der ganzen Saison ausnahmslos gestattet. Ponjewesch. Der „Wilenskij Wjestnik" publiziert folgenden Tagesbefehl des Kommandierenden der Truppen des Wilnaer Militärbezirkes: „Während eines in Ponjewesch stattgefundenen Judenkrawalles erwies der Gemeine der 7. Kompagnie des 179. Ust-Dwinskischen Infanterie-Regiments Pawel Jermatschenko dem Gendarmen-Unteroffizier eine wichtigie Hilfe, indem er sich in. den Vo<lkshaufen warf, unter dem sich auch Bewaffnete befanden, die mit Revolvern schössen, und ieinen Teilnehmer an der Demonstration verhaftete. Für diese selbstverleugnende und treue Pflichterfüllung danke ich dem Kompagniechef Nikolski für den guten Geist, den er seiner Kompagnie eingeflösst hat, und dem Gemeinen Jermatschenko, wobei ich befehle, letzterem aus den Reservemitteln eine Belohnung von 5 Rbl. zuzuerkennen." Petersburg. Die „Welt" hat seinerzeit bereits gemeldet, dass die jüdischen Ackerbaukolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw der Verwaltung des Ministeriums des Innern unterstellt werden sollen. Wie die „Petersburgskija Wjedomosti" nunmehr melden, hat der Reichsrat die Uebergabe dieser Kolonien an das Ministerium des Innern bereits anbefohlen. Die Uebergabe findet demnächst statt. Die bei der Ackerbauverwaltung in Odessa bestehenden Kuratorien für die jüdischen Ackerbaukolonien wurden bereits aufgelöst. Gt. Von den Kischenewer Waisen. Bekanntlich wurde Herr Beikind, der die Waisen nach Palästina^brachte, von verschiedenen Seiten angegriffen, weil er angeblich einen Umweg gemacht habe, nur um mit den Kindern in den westeuropäischen Städten betteln zu geben. Das österr. L.-K. hat bereits vor einiger Zeit gegen diese Ausstreuungen Stellung genommen. Nun sei auch aus einem uns bereits vor einiger Zeit zugeschickten Briefe des Herrn Beikind, unseren Lesern das Wichtigste über diese Angelegenheit zur Kenntnis gebracht. Die betreffenden Stellen lauten: „Ich will nun zur Aufklärung dieser wohlmeinenden Leute folgendes auseinandersetzen: T. Ich reistfe über Triest, weiil die meisten Kinder über Odessa ' aus' sehr wichtigen Gründen, die den nahestehenden Personen bekannt sind, nicht reisen durften. 2. Diejenigen Kinder, die über Odessa reisen durften, nahmen auch in der Tat diesen Weg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.