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Die Welt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bis * W*H" Nr. 22 nüchternste, undogmatischeste, ich möchte sagen, unreligiöseste aller Religionen ist, die Religion, die Weltauffassung der Zukunft werden. Also nicht dort, wo Guy au seine „Religion* oder wie er sie nannte, „Irreligi011" der Zukunft suchte, wird man sie finden, sondern im , gerein igten" Judentum. Ohne auf die Gründe des Autors näher eirzugehen, ohne näher zu prüfen, ob es tatsächlich mit dem Judentum so steht, will ich nur bemerker, dabs ein solches „gereinigtes" Judentum eigentlich kein Judentum mehr ist. Was bleibt denn von dem ganzen Gerüste des Judentums dann übrig? Etwa die wenigen oberen sittlichen Grundsätze? „Das Judentum," sagt er, „ist wesentlich eine praktische Moral des Lebens" (41). Aber dann verliert es doch seine eigentlichen Merkmale als Religion. Ist doch auch der Stoizismus eine „praktische Moral des Lebens!" Verf. zitiert die Worte Darmestetters, dass die Religion der Zukunft. die Religion der Propheten in der Beleuchtung der modernen Wissenschaft sein wird. Aber war die Religion der Propheten mit derjenigen identisch, die sich Darmestetter oder unser gegenwärtiger Autor vorstellt? Sie sehen nur die Moral des Prophetismus, sehen aber nicht, dass sie auf einem religiösen Untergrunde ruhte. Und diesen Untergrund zu prüfen gilt es. Kann die Grundlage auch mit der modernen Wissenschaft versöhnt werden, dann wird der Oberbau keiner Rechtfertigung und Apologie benötigen. Die Apologien sind überhaupt überflüssig. Was sich erhalten kann, erhält sich von selbst. Und wenn die Ansichten über das Wesen des Judaismus so divergierend sind, welche ist die richtige? Coralnik. ^einlief©!). Bei Malern zu Gaste. Nicolaus Schattenstein. Nahm seinen Ursprung als Künstler ebenfalls in der Wiener Akademie und brachte es unter anderem bis zum Besitze des Berliner Beer-Preises, der zugleich mit einem Lorberkranz verliehen wird, einem faktischen und zugleich ideellen; denn an dem Wettbewerb darum beteiligen sich Künstler aus aller Herren Länder, und die Preisrichter sind durchaus von jenen Grössen, deren Nekrologe in allen Kultursprachen erscheinen. Unseren Beifall bringt Schattenstein nicht nur die Weise seines Schaffens, sondern vornehmlich auch dessen Text. Damit hat er glückliches Verständnis für ein Bedürfnis des Volkes gezeigt Wenn nämlich die Menge zur Kunst um Gaben kommt, wünscht sie nicht grau in grau bedient zu werden. Längst schon weicht sie verdriesslich dem Spiegel aus, den die Realisten hartnäckig dem Allzumenschlichen, entgegenhalten, und der ihre Gedanken mit der Gemeinheit und dem Ekel des Alltags belästigt und niederdrückt. Vielmehr eilt sie zu den Klassikern und Romantikern, um Prometheus wiederzufinden, der den Menschen das göttliche Feuer bot, um ihr Herz, ihre Gefühle zu erheben an dem Anblick der athletischen Träger menschlicher Ideale, die nicht um das Leben kämpfen, sondern um seine Schönheit, und Schönheit um sich ausstrahlen. Das ist ein Wink auch für Maler, die ja auch in ihrer Art der Menschheit predigen. Von Bildern sagt Goethe, dass sie uns am meisten fesseln, wenn sie unsere Gedanken beflügeln. Es ist die dankenswerteste Aufgabe der Kunst, die Gedanken des ewig Beladenen, des Menschen, nicht ins kraftraubende Düster zu führen, sondern schönen Erinnerungen und lebensfreudigen Hoffnungen einen Ausgangspunkt zu schaffen. Siehe SchatTenstein! Seine Stimmung erwachte stets nur dann, wenn das vorüberziehende Leben eine Rose trug. Der Ueberblick seiner Werke bietet so eine Illustration zum Dasein jenes Römers aus Sienkiewicz „Quo vadis?", der sich den Tod gab, als seinem Leben die erste Roheit drohte. Da ist gleich das grosse Bild, das dem Maler den Beer-Preis brachte. Im prachtvollgemachten Lichtkreis einer Lampe eine hinreissende Gruppe von Männern, die sich schon in Seligkeit herübergezecht haben. Hirten vielleicht oder Knechte auf einer Tanya; sie schütten einander Wein zwischen die Zähne, einige singen; rechts davon ein eng umschlungen tanzendes Paar, ganz schlanke Kraft, mit geschwungenem Hut und schwingenden Kleidern, wirbelnde Beine und wirbelndes Blut. „Das Leben ist doch schön" — „Kroatische Lieder" heisst das Bild. Daneben zwei Römerinnen mit dunkel schwimmenden Augen, eine rote und eine schwarze Schönheit, wie sie so recht in eine südlich heisse, verschwiegene Nacht hineinpassen. Als Gegenpaare zwei Wienerinnen, voll heiterer Liebenswürdigkeit und Grazie, zum Lachen und zum Walzer geboren. Dieselbe mitteilsame Freudenstimmung tragen auch die männlichen Figuren: Ein Zigeuner spielt auf einer Ziehharmonika, und von zwei Spaniern singt der eine mit dem Schalksgesicht zur Guitarre, gewiss vor einem unsichtbaren Balkone, und der andere blickt in Pose und Kleid eines Stierkämpfers uns und seinen Feinden ins Gesicht. Auch dem Alter gibt der junge Meister nichts von müder Gebrechlichkeit. Der Mann am Steuerende der verankerten Schaluppe ist gewiss der Padrone selbst und der Fischfang war gut, per Bacco! Und die rüstige jüdische Fünfzigerin neben den Kaffeetöpfen und Leuchtern lässt den Zwicker ganz vorne auf ihrer Nase baumeln, um die Dankgebete aus dem dicken Folianten auf ihren Knien herauszulesen; es ist nicht gut gegangen, nicht schlecht, man hat ein bisschen was und ist zufrieden. Selbst wenn Scijattenstein seine Objekte aus Niederungen holt, weiss er uns mit ihrem Schicksal zu versöhnen. Da ist ein Strizzi aus dem Ghetto, aber kein Desperado. Er wird schon zugreifen, der junge Bursch mit den frechen Mienen, wenn der grosse Chinese kommt, wie die Franzosen sagen, wenn sie eine gute Gelegenheit bezeichnen wollen. Schmunzelnd sitzt ein alter Jude zuoberst auf einem Balkenhaufen; sinds nicht Balken für sein neues Haus? Schliesslich von Figuralem noch die Komposition, die sich in der Nationalgalerie in Krakau befindet: Das Untersuchungsgefängnis. Aber das sind keine niedergebrochenen Verbrecher, die ihrer bürge rlichrn Todesstunde verzweifelnd entgegensehen. Ein Schachbrett steht auf einer langen Pritsche, und rings um die Spieler stehen und liegen höchst interessiert eine Menge von Schicksalskameraden in allen möglichen Typen und in den verschiedensten Ordnungsgraden der Kleidung. Als ob Schattenstein durch diese Vielen der ganzen Menschheit sagen wollte: Ihr alle seid Sünder, und das Gefängnis ist das Leben und euer Interesse ist ein Spiel und ihr wisst nicht, was euch jenseits der Türe erwartet. Wunderschön gemalte Philosophie. Wie die Menschen, malt er auch ihren Tummelplatz, die Erde. Nur jene Teile davon, die für den siebenten Tag geschaffen wurden, für Ruhe und Frieden. Ein Seegestade mit ruhig rollenden Wogen, kein Gedanke an Sturmflut und sinkende Schiffe. Parkszenen und Waldpartien, wie man sie zum Sommergang mit der Geliebten sucht. Tragende Felder, strotzend von Vergeltung für die Arbeit, die sie befruchtet hat. Einiges nur von dem vielen, das Schattenstein aus Nord und Süd, aus Menschenleib und Menschenseele, vom Licht und vom Boden mit emsigem Schaffen herbeigetragen hat, konnten wir würdigen. Heitere Behaglichkeit und tiefe Stimmung eines Feiertages sind das Echo seines Werkes. Deswegen schätzt ihn nicht nur unser Verständnis, sondern auch unser Gefühl

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