Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316096--45766-3340589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 „bis & W$lt Nr. 22 Mittwoch, abends 8 Uhr, im Hotel Trautwein stattfinden, teilzunehmen. Auch steht ihnen die Vereinsbibliothek, welche die Hauptwerke der jüdischen Wissenschaft und Literatur und alle Zionistika enthält, zur Verfügung. Bibliothekstunden sind Montag von 8—9 Uhr und Mittwoch von 8—10 Uhr ahends im Gartenzimmer des Hotel Traut wein. Welt-SbroDlk- Jüdische Kolonien in Brasilien und Argentinien. Herr Feinberg, der Vertreter des russischen Zentral-Kommitees der „Ika", veröffentlichte vor Kurzem einige interessante Daten bezüglich der Gründung der ersten jüdischen Kolonien in Brasilien» Nach seinen Mitteilungen bekommt jeder Kolonist 25 Hektar Land, eine Kuh, zwei Pferde, zwei Ochsen und ein Haus 8 m lang und 4 m breit. Ställe und sonstige Gebäude müssen sich die Kolonisten selbst bauen, doch wird ihnen das Bauholz dazu von der Administration der „Ika" gegeben. Wenn Herr Feinberg gut unterrichtet ist, so würde der Plan der „Ika" dahingehen, in Brasilien ein grösseres jüdisches Zentrum zu errichten. Dazu würde allerdings, wie Herr Feinberg selbst meint, noch viel Zeit nötig sein, da die „Ika" gegenwärtig noch mehr als genug mit den argentinischen Kolonien zu tun hat. In die argentinischen Kolonien sind 14 jüdische Familien aus Kischenew gekommen, die sich in Moisesville niedergelassen haben. In den argentinischen Kolonien bestehen bekanntlich eine ganze Reihe sehr tüchtiger zionistischer Vereine. Aus Algier. Eine Zeit lang herrschte in Algier Ruhe und äusserlicher Friede. Die Antisemiten, die früher unter der Führung der Drumont und K6gis den Juden während der „Affaire" das Leben unerträglich machten, schienen eine Schlappe bekommen zu haben. Und die allzuleicht vertrauenden Juden glaubten sich schon im sicheren Hafen und sahen eine neue Aera der friedlichen Entwicklung als vollberechtigte französische Bürger vor sich. Dass der Antisemitismus in Algier lange noch nicht eingeschlafen ist, dass er noch immer mächtig ist und wie ein Lavastrom immer wieder mit verheerender Wirkung hervorbricht, beweisen die letzten Gemeinderatswahlen in Oran und die an sie geknüpften Ereignisse» Es kandidierten daselbst unter anderem M. G o b e r t und M. G i r a u d, der erstere ein Antisemit, der zweite ein Liberaler. Beim ersten Wahlgange hatte der liberale Kandidat, der natürlich von den Juden mächtig unterstützt wurde, mehr Stimmen. Es kam' dann zu einer Stichwahl, aus welcher der Antisemit G o b e r t als Sieger hervorging. Somit haben die Antisemiten in Oran wieder die Majorität im Gemeinderate (19 Stimmen von 36)* Zwischen der ersten und der zweiten Wahl, am 7. Mai kam es zu einer grossen Rauferei zwischen Antisemiten und Liberalen, wobei selbstverständlich die Juden das Bad ausgeschüttet haben So wurde ein armer jüdischer Fuhrmann David ben Kalifa (erst 19 Jahre alt) auf offener Strasse, gegenüber dem Cafe „ Brassert e Alsacienne" (Boulevard Seguin) erschossen. Der Mord des armen Juden rief in der Gesellschaft von Oran, am meisten in der jüdischen, grosse Bestürzung hervor. Seinem Leichenbegängnisse wohnten die höchsten Spitzen der Oraner liberalen Gesellschaft bei, auch die Behörden waren vertreten. Es sollte eine Art Sühne für das Blut der Juden sein. Und die Antisemiten haben doch gesiegt. Und die Kampfeswut der Antisemiten ist aufs neue gestiegen. Wozu das wohl führen wird, kann man schwer voraussehen, traurig ist es immerhin. Auch in Mascare haben die Antisemiten gesiegt. In Algier, in der Hauptburg des Antisemitismus, dagegen wurden die Antisemiten geschlagen. Dass es aber den Juden viel nützen wird, wenn der Gemeinderat diese oder jene Majorität haben wird, ist zu bezweifeln* Schüren doch die Antisemiten auf jede Weise mit erlaubten und unerlaubten und eher unerlaubten als erlaubten Mitteln den Hass gegen die Juden! Die R^gis sind nicht so selten, wie man in gewissen jüdischen Kreisen krampfhaft glauben machen möchte. Aus Jerusalem. Die Herren Professoren G ü t h e - Leipzig und Kau t s ch-Halle, welche das Osterfest hier feierten, hielten den 30. April Vorträge im „Deutschen Palästina-VereinWegen des Sederabends konnten die jüdischen Mitglieder der Einladung nicht Folge leisten. Unter den jüdischen Gästen, welche Jerusalem überPessach beherbergte, befand sich auch Herr B. Goldberg aus Wilna. — Die Vorlesungen am hiesigen deutschen Archäologischen Institut erreichen am 9. Mai ihren diesjährigen Abschluss. Herr Dr. Lohr, Prof. an der Breslauer Universität, verliess hierauf am 10. desselben Monates die heilige Stadt, um nach Deutschland zurückzukehren. Gelegentlich eines Abschiedes hat Herr Prof. Lohr am 6. in den Lokalitäten de3 deutschen Palästina-Verein es einen Vortrag gehalten, zu dem auch Nichtmitgiieder freien Zutritt hatten. Er sprach über die nachexilische Geschichte des Judentums. Der leitende Gedanke war, die Erwartung des Messias und die Enttäuschung, dass er nicht gekommen. Dass die Messiasidee im Judentum für so alt gehalten wird, ist anerkennenswert. Sonst macht ja die Schule, zu der auch Professor Lohr gehört, alles Alte jung- — Auf dem Hebroner Wege nächst der deutschen Kolonie, fand ein Engländer nach einer Grabung von 92 Fuss Tiefe eine so reichlich sprudelnde Wasserquelle, dass das Wasser schon heute, nach kaum zwei Tagen von dessen Auffindung, 37a Meter tief ist. Was das für die heil. Stadt zu bedeuten hat, werden wohl all diejenigen zu beurteilen wissen, die nicht selten über Wassernot in Jerusalem klagen hörten. H a z i o n i. Aus der Kunstwelt. In der diesjährigen Bilder-Ausstellung in der Akademie in London war eines der schönsten Bilder das von Sir Wm. Eichmond R A. Das Bild stellt Moses dar, der das gelobte Land schaut. Der bekannte Maler ist jüdischer Abstammung und ist, wie er erklärt, stolz darauf. Hermann Heyermans. In Bezug auf den gleichlautenden Essay in der vorletzten Nummer sei hiermit weiters mitgeteilt, dass das Drama „Ghetto" auf der Bühne des Berliner „Neuen Theaters" demnächst in Szene geht, und Herr Direktor Max Bernhardt unsern Gesinnungsgenossen, den berühmten holländischen Maler Israels, für den Entwurf der Dekorationen und Kostüme verpflichtet hat. Eine Art jüdischer Ratssohatz ist im sogenannten „Brautzimmerg der Danziger Synagoge zur Aufstellung gekommen. Herr L. Gielbzinski hat aus den reichen Sehätzen seiner Sammlung alles, was auf Judentum und jüdischen Ritus Bezug hat, der jüdischen Gemeinde geschenkt und in Schränken übersichtlich zur Aufstellung gebracht. Der Silberwert allein beziffert sich auf über 5000 Mk., der Kunstwert ist selbstverständlich sehr erheblich höher. Man sieht dort kostbare Thoraaufsätze, Chanuka- und Jomkippurleuchter. Viele Stücke sind heimische Arbeit, das Danziger Wappen ist mehrfach ornamental verwertet. Von besonderer Schönheit ist eine grosse Ritualschüseel in italienischer Majolika. Aus Würtemberg. Eine Abordnung des Israelitischen Lehrervereins wurde jüngst vom Kultusminister Dr. v. Weizsäcker behufs Ueberreichung einer Petition in Audienz empfangen. Infolge des rapiden Rückganges der Beelenzahl israelitischer Landgemeinden stehen mehrere israelitische Volkschulstellen vor der Auflösung, und mangels neuer Stellen droht den Lehrern der betreffenden Bchulstellen im besten Mannpsalter wenigstens vorhergehende Zuruhesetzung. Die Petition machte deshalb Vorschläge, wie durch anderweitige Organisation die betreffenden Lehrkräfte im heimischen Schuldienste Verwendung finden oder in den ausschliesslichen israelitischen Kirchen dienst als \ orsänger und Religionslehrer übernommen werden könnten. (Abänderung des Art. 53 des Israelitengesetzes vom Jahre 1828.) Der Minister versprach die vorgebrachten Wünsche in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Antisemitische Plakate in Eisenbahnkoupäs Frankfurt a. M. Auf eine an die königliche Eisenbahndirektion gerichtete Beschwerde betr. Anbringung antisemitischer Plakate in den Eisenbahnkoupös erhielt das Frankfurter Bureau des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus folgenden Bescheid: „Wir haben unsere Organe schon früher und jetzt wiederholt strengstens angewiesen, auf das Vorkommen solcher und ähnlicher Plakate, wie die uns übersandten, in den Aborten oder Abtailen 'der Personenwagen zu achten und vorgefundene Plakate sofort zu entfernen, auch die in Frage kommenden und überführten Täter uns behufs strafrechtlicher Verfolgung unverzüglich anzuzeigen. Ebenso haben wir die Eisenbahndirektion in Köln und Mainz sowie die Generaldirektion in München ersucht, eine gleiche Anweisung zu treffen. Wir sprechen unser Bedauern darüber aua, dass unsere Wagen zur Anbringung der Plakate benutzt worden sind. Thomee." Es scheint, nach diesem erfreulichen Bescheid zu urteilen, als ob es sich um eine generelle Anordnung gegenüber diesem Unfug handelt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.