Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „bie * weit" Seite 7 tahnudisehe Erziehung genoss. Im Ailter von 16 Jahren verheiratet, Hess er sich in Zabledow nieder, wo er fleissiig dem Talmudstudium oblag und mit besonderem Interesse die mathematischen Stellen des Talmuds .studierte. Maimonides' Erklärungen zum jüdischen Kalender zogen ihn besonders an und weckten in ihm eine starke Neigung zu den Naturwissenschaften, die er aus Büchern kennen lernte, welche ihm zufällig in die Hände gerieten. Erst als er nach Bialystok zurückkehrte, fand er im fiauise eines Gebildeten namens Zablodowski eine Reihe nützlicher Bücher, aus denen er zugleich die deutsche Sprache erlernte, und schon im Jahre 1835 gab er ein populär geschriebenes Werk über Algebra heraus, von dem Wunsche beseelt, auch anderen mi!t seinen Kenntnissen zw nützen. Zu seinen bedeutendsten Warken gehört jedoch seine hebräische Arbeit über Astronomie, Optik und die verwandten Geriete, der später nach eittiem literarischen Kampfe, der zwischen ihim und dem Gelehrten H, M, P i1 n v l e s*) ausbrach, erne spezielle Untersuchung der jüdischen Aera und deren Kalender folgte. 1842 erfand er in Warschau einen Apparat für die Rechnung der 4 Spezies, und von dortigen Facihmämiiern mit Empfehlungen ausgestattet, begab er si'cn nach Königsberg und hierauf nach Berlin. Alexander von Humboldt zollte seinen Arbeiten grosses Lob und das „Journal der Mathematik" veröffentlichte mehrere Abhandlungen des gelehrten Autodidakten. 1844 wurde Slonimski der Petersburger Akademie vorgestellt, die eine seiner Erfindungen mit einem Preise von 2500 Rubeln krönte. Dieser preisgekrönte Apparat wurde bald nachher auch in England patentiert. Während seines Berliner Aufenthaltes schrieb er eine Denkschrift zu Ehren Humboldts anlässlich dessen 88. Geburtstages, die von dem Berliner Kultusvorstande in Druck gelegt wurde. 1853 machte er eine chemische, 1854 ein Erfindung auf *) Dem Vater unseres Gesinungsgenossen Sam. Pineles in Galatz. demGebiete derDampfmaschinentechniik und 1856 erfand er einen Apparat zur gleichzeitigen Absendung von vier Telegrammen, den er später im Vereine mit A. B eir ni s t ein, dem Verfasser der wissenschaftlichen Volksbücher, vervollkommnete und der praktischen Verwertung unterbreitete. 1862 begründete er eine hebräische Wochenschrift unter dem Titel „Hazefirah" (das jetzige hebräische Tagblatt), das er jedoch noch vor Jahresfrist eingestellt hat, infolge seinerBerufung als Leiter und Inspektor der Rabbiner schule in Zytomir. Nachdem diese Anstalt im Jahre 1873 geschlossen worden war, begann Slonimski die „Hazefirah" in Berlin 'herauszugeben und nach erlangter Konzession im Jahre 1875 in Warschau, wo sie sich allmählich unter der leitenden Mithilfe Sokolows zu einem Tagblatte entwickelte. Sloniirnskis Teilnahme an der Herausgabe der „Hazefirah" bestand, besonders in den ersten Jahren, aus einer grossen Anzahl mathematischer und naturwissenschaftlicher Aufsätze, in denen er allwöchentlich seinen Lesenn eine Uebersicht und belehrende Einführung in alle Gebiete der exakten Wissenschaften bot. Die Artikel erfreuten sich bei den Lesern grosser Beliebtheit ob des Neuen und Nützlichen, das sie enthielten. In den letzten Jahren schrieb er fast gar nichts, aber er konnte als Greis auf die langjährige Tätigkeit eines Schriftsteilers und Lehrers seines Volkes zurückblicken, wie sich deren kaum ein anderer hebräischer Schriftsteller rühmen kann. Eine Stiftung der Petersburger „Jüdischen BiildungsgeseMschaft", bestehend aus einem Stipendium für einen jüdischen Studenten der Mathematik, begründet zum 70. Geburtstage Slouimskis, sichert das Andenken dieses Mannes, der ein langes Leben in den Dienst der Wissertschaft gestellt hat und eine Zierde unserer Literatur war. M. B e r k o w 1 c z. Die Zionistenkonferenz in Mailand. Am 20 — 21 März 1. J. fand in Mailand der vierte italienische Zionistentag statt. Der erste Zionistentag war in Ancona, der zweite in Modena, der dritte in Ferrara, der fünfte wird in Rom im Jahre 1905 stattfinden. Der von der „Idea Sionista" herausgegebene detaillierte Berieht über die Konferenz überzeugt uns vom steten Wachsen unserer Bewegung in Italien. Die Anfänge waren gering, aber immer siegreicher dringt die Idee vor, gewinnt immer weitere Kreise, umfasst grössere Interessensphären. Das Präsidium am Zionistentage von Mailand führte A,-K.-Mitglied Adv. Feiice Ravenna, Präsident der italienischen zionistischen Federation. Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten Sign. Ravenna und der schönen Begrüssungsrede des Rabbiners de Fano, referierte Ravenna über den Zionismus in Italien, über dessen Geschichte und gegenwärtige Lage. Die Ergebnisse seines Berichtes waren sehr erfreulich. Er zeigte, wie die Bewegung, die in Italien zuerst indifferent aufgenommen wurde, immer mehr an Bedeutung gewinnt. Dann sprach Rag. A. Donati über die Grenzen und die Form der zionistischen Propaganda und Organisation in Italien. Ueber seine Anregung nahm die Konferenz die Resulution an, dass sie ihre Anhänglichkeit an das offizielle Baseler zionistische Programm wieder betont und sich mit ihm vollkommen identifizierte. Prof. Bernardo Dessau, referierte über das Verhalten der italienischen Zionisten der Lage der östlichen Juden gegenüber. Er sprach von der jüdischen Not und von den Mitteln ihr zu helfen, von Palästina und Ostafrika, hob die Notwendigkeit einer aktiveren Propaganda unter den italienischen Juden hervor und schloss seine Rede mit den schönen Worten: „Der Zionismus ist gemacht. Jetzt müssen wir Zionisten machen." Adv. Roberto As coli machte in seinem Referate über den Antisemitismus in Italien auf den häufig übersehenen Umstand aufmerksam, dass in Italien der Antisemitismus gar nicht so tot ist, wie man glaubt. Er wies auf verschiedene Tatsachen hin, die seine Behauptung unterstützen. Es gebe nämlich in Italien einen moralischen Antisemitismus, eine stille Verachtung der Juden. Und diesem Uebel müsse man dadurch entgegentreten, dass man das jüdische Bewusstsein stärke, bilde, erhöhe. „Man muss ohne Prahlerei und ohne Furcht unsere Fahne schwingen und zur Sonne sehen", waren seine Schlussworte.