Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2Kr/-'B2 we^tf1 Seitrö „Nationale GeschichtsklittBrting". v ■ Es macht einen sehr eigentümlichen Eindruck, wenn 'man heutzutage so oft den Manger eines guten jüdischen Geschichtswerkes bedauern hört, ungefähr denselben Eindruck, als wenn diie Pastoren der Berliner 'Generalsynode über den Verfall des religiösen Sinnes bewegliche Klagen führen, 'über den beständigen Rückgang des Kirchenbesuches der Menge jammern und in hehrer Gefühlswallung daraus die Schlussfolge ziehen: also müssen neue Kirchen, gebaut werden. Weil die Kenntnis, unserer historischen Vergangenheit so wenig, verbreitet, so spärlich in die Masse des Volkes gesickert ist, deshalb sollen neue Bücher geschrieben werden, und des vielen Büchermachens wird kein Ende. Und wir sind im glücklichen Besitze eines Geschichtswerkes, das durchdrungen ist von .nationaljüdischem Feuer, dessen Verfasser mit divinatorischer Sicherheit das Richtige erkannt, um es durch die Kontrolle der exakten Forschung zu bestätigen, wir besitzen das Werk von G r a e t z, dem Geschichtsschreiber des j ü d i.s c h e n V o 1 k e s. Tiief bedauern muss man es, wenn ein so wahrhaft nationales Werk wicht weiter zum Gemeingut der allgemeinen Anschauung geworden ist, dass man heute noch die Erlaubnis erhält, die jüdische Geschichte im antinationalien Sinne darzustellen, derart sogar, dass man sich nicht einmal für verpflichtet •hält, mit Graetz selber sich dabei auseinanderzusetzen. Diese Erlaubnis wurde erteilt von der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", und diese Verpflichtung schenkte sich der Verfasser des Artikels gegen die nationaljüdische „ Geschieh tsklirtterung", Herr Dr. Samuel aus Essen. Es ist nun nicht unsere Absicht, an den einzelnen Fällen seine Aufassung zu widerlegen; zu diesem Zwecke brauchte man nichts anderes zu tun, als bei den einzelnen Stellen — Graetz auszuschreiben. Die allgemeine Bemerkung nur sei gestattet. Der echte Jude hatte im Gegensatz zu den Reformjuden nicht eine Religion im Leben, sondern indem er religiös war, lebte er; sein ganzes Leben war Religion. Was sich anderwärts bei allen Völkern in allen Zonen als religiöses, retinales, allgemein menschliches Denken und Empfinden scheidet, das war bei jenen Männern völlig identisch. Wenn die Hasmonäer und ihre Nachkommen also zur Erhaltung ihrer Religion ins Feld der Ehre gezogen sind, so verteidigten sie hierdurch ihren Nationalkultus, der ihr Leben bedeutete. Das ist eine alte, banale Weisheit, die schon vor langer Zeit ausgesprochen wurde, z. B. von Mendelssohn, dem Vater der Reform, in einem Büchlein, das ein akademisch dekorierter Herr, der über jüdische Dinge schreibt, gewiss gelesen hat. Die Bestätigung dieses Gedankens lieferte auf unumstössliche Weise Graetz in den elf Bänden seiner Geschichte der Juden. Th. Mommsen übrigens, ein Gelehrter, von dem wir schon aus Courtoisie ein gewisses Mass von „Voraussetzungslosigkelt" annehmen müssen, erklärt den Volksaufstand gegen Antiochus Epiphanes, „den Römeraffem von Profession", aus dem Hass der jüdischen Bauern gegen die unreinen Fremden. Mit den 'letzten beiden Worten ist das Ganze in seiner innigen Verbindung fein gedeutet. Es gab für die Juden keine Veranlassung, die Waffen zu ergreifen, so lange keine gewaltsamen Eingriffe in die bestehende Ordnung 'Stattfanden, deren Signatur nach Mommsen das den Staat ignorierende Festhalten der nationalen Eigeirirt in religiösen Formen gewesen war, bis durch den Druck von aussen her die Umwälzung sich "vollzog. Der Vernichter der uns von Graetz gelehrten nationalen Geschichtsklitterung hat sich den Vorwurf erspart, mit einer Phalanx dichtgeschlossener Argumentation die alte Auffassung zu durchbrechen, und durch eine umständliehe Beweisführung für seihe neue Meinung die Leser zu enuyieren. Aber einen Beweis führt er an, der zwar schon mehr als ein halbes Jahrhundert bei den Reformern im Schwange ist, der jedoch als historisches Erbstück immerhin einen Vorzug hat durch einen RiickscMuss, den er gestattet. Denn wäre ich nicht in dem Vorurteil befangen, alle' 'Refö-rinrabbiiie^r hätten gegen den Zionismus ein kluges Totschweigesystem verabredet, ich.würde Verfnuten, Herr Dr. Samuel sei ein solcher. .Er'zitiert'/iänilicn einen ..Ausspruch des Talmud: Wer sich der Verwandtschaft mit den Hasmonäern rühmt, schmäht seine Abkunft- Hiermit sind die Hasrnonäer gerichtet. Nach alter reformrabbinierischer Methode'wird wieder einmal der Talmud durch den Talmud widerlegt, der .talmudische Geist mit seinen eigenen- Waffen geschlagen. Welches Recht haben wir jetzt .noch, für die Hasrnonäer begeistert zu sein, nachdem der Talmud so böse gedroht! Und die Hasmönaer wollten doch, was Herr Dr. Samuel gerne zugibt, die Religion schützen voir den Schergen des Griechenkaisers! .. ... Indessen, diese halbe Auffassung längst : wohl geklärter historischer Tatsachen wäre an und für sich nicht ein Unglück zu nennen, aliein der Charakter dieser Aufassung spiegelt sich mit so symptomatischer Klarheit in der Beurteilung eines unserer grössten Denker und Dichter wieder, dass wir "doch" die völlige Verdrehung richtig stellen wollen. Man muss es geradezu als Beleidigung für . Jehuda Ha>levi empfinden, wenn. Herr Dr. Samuel von ihm behauptet, ihn hätte dasselbe Gefühl ins heilige Land getrieben, das Goethe und Winkelmanu nach' Italien, Curtius nach Griechenland gezogen habe. Das ist nun eine Geschichtsklitterung, die weder religiös noch national, sondern unerhört ist. Wenn der kunstsinnige Klassiker vor den weimaranischen Bären und Philistern nach dem klassischen Lande ästhetischen Lebensgenusses floh, wenn der preussische Prinzenerzieher Curtius die Stätten aufsuchte, wo er seine durch die romantische Brillegesehenen Griechenhelden wiederzutreffen. wähnte, so soll das jener heroischen Liebe für Zion gleichzuwerten sein, die der Dichterphilosoph Halevi in sein grosses Herz geschlossen, und die sein edles, stolzes Gemüt in schweigender Flamme verzehrte! Vergleichbar jener nimmer zu stillenden, fiebernden Sehnsucht nach Jerusalem und dem Lande der Väter, die in ergreifenden Liedern ihren Ausdruck fand, und in der schwierigen Wanderung nach Jaffa den Tatbeweis lieferte! Und wenn man gar den Vergleich mit Winkelmann heranzieht, der, wie böse Zungen .behaupten, deshalb Preussen verliess, weil er es im Lande des „Schinders der Völker'" — so nannte e r seinen König Friedrich den Grossen — nicht mehr auszuhalten vermochte, so ist das eine herausfordernde Geschmacklosigkeit und eine Sünde gegen den Genius des gottbegeisterten Sängers, den der Feuerbrand aufgewühlter nationaler Leidenschaft und religiöser Hofnungsseligkeit am Ende seiner Tage hinaustiieb gen Zion in den Tod . Eine so jämmerliche Auffassung hat-also die Geschichtsschreibung der •Reform von dem grössten in dem: Dreigestirn, „das dem Saitenspiel Davids einst entlockt die schönsten Laute". „Was für eine - Philosophie man wählt," man verzeihe, wenn's grob kommt, ich zitiere Fichte, „das richtet sich darnach, was für ein Mensch man ist." Einer vorgefassten Meinung zuliebe schustert man die Geschichte nach .seinem Leisten zurecht, anerkennt nur eine religiöse Gemeinschaft des jüdischen Volkes seit des „letzten Nationaljuden" Akibas Tode, und scheut sich auch im Eifer nicht, die ehrwürdigsten-und grossartigsten Gestallten und Repräsentanten echt jüdischer Gesinnung in schattenhafte Schemen aufzulösen, um die Theorie fein säuberlich zu behaupten. Ich weiss eine hübsche Anekdote,,Herr Doktor! In Hebels Schatzkästlein wird erzählt, dass* ein Jude mit einem Bauer eine Wette einging, dieser könne .nicht das Schwarze von seinem Fingernagel exakt bis. auf ein'fraarbreit abhauen. Der Bauer schlug, und schlug ihm das schwarze vom Nagel und das weisse vom Nagel und das ganze vordere Fingergelenk noch dazu glatt: .hinweg. Rasend vor Schmerz sich reit aber der Jude mit gellender .Stimme: „Au waih, ich hab's gewonnen!"; . , Luden D r e i f u s s5