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Die Welt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bie & w^it11 Nr. 22 Schulen und Kurse eröffnet und die handwerksmässige Erziehung mit gutem Erfolge gefördert. Um der Judennot in Nordafrika zuhilfe zu kommen, habe die Alliance den Ackerbau unter ihnen zu verbreiten gesucht. Die agronomische Schule in Djedeida hätte gute Erfolge gehabt, aber die Zöglinge, die dann bei den Grundbesitzern Arbeit suchen, wären vielfach der Konkurrenz der christlichen Arbeiter, meistens Italiener und Spanier von stark antisemitischer Gesinnung, ausgesetzt gewesen, die sie stark verfolgten. Das gieng so weit, dass die Alliance ein Gut in der Nähe von Algier in einer Ausdehnung von 1600 Hektar angekauft hat, und dort werde sie den jungen Leuten Arbeit und Boden verschaffen. Es sei dies ein Anfang zu grösserer Tätigkeit. Die Gesellschaft hätte für die Erziehung sämtlicher Kinder im Orient nicht Mittel genug, so dass in den Grossstädten allein über 30.000 jüdische Kinder ohne ErziehuDg bleiben. Doch konnte sie einigermassen für Palästina sorgen: sie hätte die Talmud-Thora-Schule unterstützt und brächte in diese allmählich hygienische und kulturelle Reformen. Man sage, dass die Alliance vielleicht zu viel aufgeklärte Jugend im Orient schaffe, die vielfach bei der ökonomischen Misere deklassiert würde. Wäre dem so, warum würden dann die Gemeinden und Eltern zum Unterhalt der Schulen fast die Hälfte der Ausgaben beisteuern? Was den Kassabericht anbelangt, lautet er für 1903: Einkünfte 1,440.474 Frcs. (darunter 600.000 Frcs. als Beisteuer von den Gemeinden und Eltern und 263.700 Frcs. seitens der Ica), Ausgaben 1,525.003, Defizit also 84.529 Frcs. Herr Simon begrüsst die Tätigkeit der Alliance, die, wie er sagt, sachliche Kritik und Ratschläge gerne wohlwollend entgegennimmt und dankt dem Präsidenten und dem Komitee. Präsident Herr Leven befragt die Versammlung, ob jemand das Wort nehmen wolle, und da sämtliche Anwesende schwiegen, kündigt er noch die Eröffnung der Bibliothek an, welche die Alliance in dem Garten des Lehrerseminars für das Publikum gebaut hat, und welche vielleicht die grösste *) in der Welt sei. Er sagt, Zion würde nie untergehen; Zion sei überall, wo jüdische Herzen ihrer grossen Mission (?!) für Zivilisation und Fortschritt bewusst seien. Damit schloss die Versammlung. N. B. D. Berliner Brief. B e r-lin, 16. Mai 1904. Es ist gar nicht so lange her, dass in der Judenheit ein heftiger Kampf um die Religion wütete. Wir schauen kaum in die dritte Mensehengeneration zurück, wenn wir auf die mit der bürgerlichen Emanzipationsbewegung in Deutschland annig verbundenen geistigen Emanzipationsbestrebungen aus bisheriger Erstarrung, die verkündeten Reformideen und die durch sie hervorgerufenen Gegenkämpfe zurückblicken. Die Epoche der Friedländer, Zunz, Geiger, Holdheim ist gar nicht weit hinter uns. in der geschichtlichen Entwicklung des Judentums (in Deutschland speziell) die der unserigen nächste, unmittelbar vorangehende — und doch, wie ihre Vertreter, beinahe in völliger Vergessenheit. Mangel an Bewusstsein geschichtlicher Tradition kennzeichnet ja überhaupt unsere gegenwärtige Generation, aber vielleicht geht am schärfsten der Riss zwischen unserem Heute und den verflossenen Tagen durch dieses Gestern. In religiöser Beziehung herrscht heute im Judentum die grösste Zersplitterung. Von den amerikanischen und deutscheu Reformjudjen bis zu den verschiedenem Schattierungein russischer und polnischer orthodoxer Juden gibt es mannigfache Abstufungen, und zunächst die grösste Menge Indifferenter und die von einander weit entfernten Gruppen Hessen sich tatsächlich schwer durch ein Band gemeinschaftlicher religiöser Gesinnungen vereinigen. Könnte man bei dieser Zerstückelung von einer Entwicklung des Judentums in religiöser Beziehung sprechen? Wo sind die Werke unserer Reformer? Treten wir in den Tempel der jüdischen Reformgemeindc in Berlin ein. Sie ist eine der ältesten jüdischen Reform- *) Gemeint ist wahrscheinlich jüdische. Sie steht anschliessend an das Lehrerseminar der Alliance in Auteuil Und umfasst 40.000 Werke. gemeinden. Das nächste Jahr wird sie ihr sechzigjähriges Jubiläum feiern. Sonntags, pünktlich um 10 Uhr, beginnt der Gottesdienst, pünktlich um 31 Uhr ist er zu Ewcbs. Es sind wenige Dutzend (um nicht das 'Streng verbannte hebräische Wort „Mini-an" zu gebrauchen) Männer zur Rechten und Damen zur Linken zum Gebet versammelt. Die Männer sind ohne Kopfbedeckung, dafür die Damen in Hüten. Es herrscht eine feierliche Stile, eine frostig durchschauernde Kühle. Hübscher Cborgesang und Orgelmusik. Der Vorbeter liest mit theatralischen Gesten und weinerlicher oder affektiert pathetischer Stimme der frommen, andächtigen Gemeinde Gebete in deutscher Sprache vor. Einzelne wenige Sätze werden noch in hebräischem Text zitiert. Ein Gebet für das Kaiserhaus, Gebete für neugeborene, neuvermählte und verstorbene Reformjuden erfolgen. Die Thora wird hervorgeholt, durch einige im Urtext und Uebersetzung vorgelesene Zeilen das Thoraleseii „markiert44. Hierauf folgt die Predigt, noch ganz kurze Gebete — die Stunde ist um und die gotterfüllte, gestärkte und erbaute Gemeinde geht wieder für eine Woche gesättigt nach Hause zurück. Wir schauen auf die elegant gekleideten Herren und Frauen, lauter brave, anständige Bürgersleute, und wunderai uns, in ihnen die direkten Schüler Geigers, Holdheims, die legitimen Träger der jüdischen Mission sehen zu müssen. Da es unsere Brüder sind, freuen wir uns, dass sie wenigstens die Last der Mission nicht allzu sehr bedrückt, was dem Wachsen und Gedeihen ihrer Leibesperipherie wohlbehagt. Offenbar ertragen sie es auch mit Gleichmut, dass die Zahl der Priestergarde stets eine riecht geringe ist. Kaum 600 Mitglieder zählt die hiesige Reformgemeinde — dies ist bei der Gesamtzahl der Berliner Juden sehr unbeträchtlich. Ja, es ist merkwürdig, wie die Vorkämpfer der Reform, die immer wieder diie Entwicklungsfähigkeit des Judentums betonten und nur im Sinne der bisherigen historischen Entwicklung es vorwärts bringen wollten, tatsächlich so unhistorisch sein konnten. Ihre Bekämpfung des ganzen Zeremonialgesetzes, ihr Wunsch, zum geläuterten biblischen Judentum zurückzukehren, war ein rücksichtsloser Bruch mit aller historischer Entwicklung und hätte bei folgerichtiger Konsequenz zum Verwerfen sämtlicher Formen und Aufhebung der religiösen Gemeinschaft überhaupt geführt. Sie aber ersetzten die bisherigen Formen durch andere, starre, fremde, sie verwarfen den historisch gerechtfertigten Inhalt und Hessen bloss einen unfassbaren, „idealen Kern", bestehen. Sie taten es aus aufrichtiger, grosser Liebe zum Judentum. Nur verblendet waren sie. Sie meinten, so viel vom Judentum von sich opfern zu müssen als Dank für die Aufnahme unter die fremden Völkier •— da kannten sie keine Grenzen. Was bewegt nun dennoch die Mitglieder der Refomgemeinde, sie zu erhalten? Ist es religiöses Gefühl? Das rein religiöse Gefühl würde ebenso oder vielleicht noch mehr Befriedigung finden in einer stillen Andacht bei sich zu Hause, oder wenn man sich näher Gott fühlt in Gemeinschaft anderer Menschen, dann, in jeder beliebigen Gemeinschaft, die zu Gott betet. Also Grundsätze der judischen Religion? Von diesen ist hier aber nichts zu verspüren, und was die ersten Lehrer ihren Reformen zur Grundlage geben wollten, davon haben die Reformgemeindemitglieder keine A hnun g. Dennoch würden sie sicherlich auf die Frage, was sie hierhergeführt hat, entschieden antworten: Die Religion unserer Väter! Drückt sich nicht darin unbewusst das Gefühl der nicht zugestandenen Stammeszugehörigkeit aus? Können wir auch auf die so stark Assimilierten noch rechnen? Beweist es etwas, dass ihr Prediger im der Predigt die Versammelten mit warmen Worten zur Unterstützung jüdischer Wissenschaft auffordert? Vielleicht! Viel wird aus diesen Kreisen kaum mehr für das Judentum erblühen. j.

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