Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 lfbie * weit" Seite 3 wir seien bereits erkrankt, ich habe es auch nie behauptet. Meine Ansicht ist, dass, wenn England das Heim der Freiheit für die armen Flüchtlinge, deren einziges Verbrechen Armut ist, bleiben soll, die Klausel gegen sie in der Bill ausgeschaltet sein müsse. Und damit wäre unser Einwand gegen die Bill überhaupt beseitigt. . Und dieser Ansicht Zangwills pflichten beinahe einstimmig alle Klassen und Schichten der jüdischen Gesellschaft be;. Mit Ausnahme der wenigen jüdischen Parlamentsmitglieder, die für die Bill votierten, mit Ausnahme etwa von B. L. Cohen, des wahren Assimilantentypus, der alles Jüdische unterdrücken möchte, weil es jüdisch ist, der leicht für alle judenfeindlichen Massregeln zu gewinnen wäre, wenn man sich nur damit bei John Bull einschmeicheln könnte, mit Ausnahme also dieser wenigen, deren blosser Name schon bei den besser denkenden englischen Juden nicht gerade angenehme Gefühle erweckt, verhalten sich sämtliche Juden in dieser Angelegenheit ebenso wie Zangwill. Ja, die beginnen einzusehen, dass die Bill eine weittragende Bedeutung erlangen wird. Wie leicht ist es z. B. den Italienern, die doch auch in Scharen nach London ziehen, diese Massregel über sich ergehen zu lassen. Hinter ihnen steht ihre Regierung, ihr Land, dass ihren Hilferufen immer Gehör schenken wird. Dort wird wirklich die Bill keine grosse „prinzipielle" Bedeutung erlangen. Anders steht es mit den Juden. Und die Juden gelten als Fremde par excellence, gegen sie wird gehetzt, sowohl seitens des fanatischen katholischen Irlands, als auch seitens der anglikanischen British-Brothers. Das auswärtige Problem hat sich schnell in ein internes verwandelt, wie es der „Jewish Chronicle" in seinem Leitartikel bemerkt. In England ist die Judenfrage im Entstehen. Und mag sich das offizielle England gegen diese Zumutung sträuben, wie es aus dem Briefe des Premierministers ersichtlich ist, Tatsache bleibt es immerhin. Die Judenfrage hat doch das Spezifische an sich, dass sie nur eines kleinen Funkens bedarf, um zu einer Flamme aufzulodern. In einer Versammlung, die vorige Woche inLimehouse Town-Hall stattfand, hat dasParlamentsmitglied Sir Harry S. Samuel diesen Befürchtungen Ausdruck gegeben, und seine diesbezüglichen Bemerkungen sind in manchen Punkten sehr interessant. Trotzdem die Juden jetzt ihr Judentum zu fühlen bekommen, trotzdem man sie ziemlich barsch daran erinnert, dass sie doch keine Engländer sind, solle und dürfe man sich nicht ducken, sich verstecken und den Mund halten, wie es die waschechten Assimilanten predigen, wean sie überhaupt in jüdischen Angelegenheiten mitzureden wagen. Er dagegeo meinte, dass die Juden nur dann von der Bevölkerung geachtet werden, wenn sie Rasse und Religion nicht verleugnen, sondern an ihnen festhalten und sie hochschätzen. Ein weiterer Schritt auf dem Wege der Selbsterkenntnis wird das geehrte Parlamentsmitglied vielleicht zur radikaleren, durchgreifenderen Lösungsart der Juden, frage führen — zur nationalen. Es ist interessant, dass sich Leroy-Beaulieu, der berühmte französische Nationalökonom und Judenfreund, der gegenwärtig in Amerika weilt, in beinahe analoger Weise über die Zukunft des jüdischen Volkes äusserte. In einer Unterredung mit einem Mitarbeiter des „Jewish Comment" aus Baltimore, der ihm ein wenig ängstlich die Doktorfrage vorgelegt hatte, was denn mit dem Judentum sein werde, antwortete Leroy-Beaulieu, dass er an die Zukunft des Judentums glaube, obwohl auch nicht in der Form, wie sie der Zionismus vorleg«. Er hat sehr schwache Einwände gegen den Zionismus erhoben, meinte am Ende, das Judentum bedürfe einer Reform, aber weniger einer äusseren als einer inneren. Im Inneren des Judentums ruhe seine Kraft, in seinem Schosse sei sein eigenes Geschick geborgen. Dass die denkenden und treuherzigen Juden, wie zum Beispiel Sir Samuel über diesen Standpunkt, der doch sehr vieles für sich hat, noch hinausgehen werden, um zu einem aktiven nationalen Selbstbetätigungsprogramm zu gelangen, deuten die Zeichen der Zeit, wenn nicht alles trügt. . . . Und dass die Fremdenbill eine interne jüdische Frage in England geworden ist, beweist auch die Tatsache der Entsendung einer jüdischen Deputation an den Ministerpräsidenten, um wegen der Bill zu konferieren. An der Spitze der Deputation stand Lord Rotschil d. Was die Deputation erlangt hat, wissen wir noch nicht, aber sie selbst ist schon an sich eine bedeutsame Erscheinung. — Und auch in der „Sphäre der britischen Wirkung* beginnt es sich zu regen. Von der Thames bis zum Veld von Transvaal, von Jorkshire bis Benares. So zum Beispiel in Indien, wo es nach dem letzten Zensus (1901) 18.228 Juden gibt. Die Juden befinden sich hauptsächlich in Bengalen, Bombay und Burma. Wie es ja bekannt ist, ist in Indien eine neue jüdische Zeitung gegründet worden« The Voice of Sinai*. Die Stimme von Sinai, in Calcutta! Und wie überall zeigen auch die indischen Juden die Fähigkeit, sich der Kultur anderer Völker in hohem Grade anzupassen. Und die Juden, die gestern Einwanderer, morgen Kulturträger des Adoptivlandes sind, bleiben doch nach der Meinung der Genossen des Mr. Arnold White „undesirable aliens!"... Und noch einen spassigen Vorfall, bevor ich meinen Brief schliesse: Mr. D o w i e ist „christenmüde". Er will nun Juden zu seinem allein seligmachenden Glauben bekehren. Er hat in New-York ein Fiasco erlitten, und nun will er sich im East-End Lorbeeren erob?rn. Er gibt Jargonflugblätter heraus, und Bekehrungsvorträge weruen im East- End abgehalten. Mr. Do wie soll ein pfiffiger Geschäftsmann sein, hier ist er aber 'reingefallen. Spectator. Pariser Briefe. VII. P a r i s im Mai 1904. Die Alliance Israelite Universelle hat am 15. d. M. ihre Jahresversammlung abgehalten. Etwa 100 Mitglieder waren gekommen. Darunter nur einer aus dem Auslande, Herr Simon aus Berlin. Der Sekretär Herr B i g a rt verlas den Tätigkeitsbericht der Alliance für das Jahr 1908, inhaltlich die Hilfsaktion für die Unglücklichen von Kischenew, die Unterstützung der Auswanderer, des Bildungswesens und der Schulkinder in Rumänien. Weiter habe die Alliance in Marokko viel Leid und Unglück vermindert. In Persien, wo ungefähr 50.000 der unglücklichsten Juden sich befinden, habe sie durch den persönlichen Einfluss ihrer Beamten bei der Regierung, durch die Gründung neuer Schulen, die zusammen über 2000 Schüler zählen, durch die Einführung des Handwerkes unseren Brüdern eine bessere Zukunft vorbereitet. In Konstantinopel habe sie sich des vielversprechenden Rabbinersemicars finanziell angenommen. Sie habe auch Schriftsteller und Gelehrte, welche sich der jüdischen Wissenschaft oder apologetischen Literatur widmeten, vielfach aus besonderen Fonds unterstützt. Am wichtigsten sei aber die Erziehungstätigkeit der Alliai ce. Sie unterhalte oder unterstütze 120 Elementarschulen im Orient, hievon 76 Knaben- und 44 Mädchenschulen, die zusammen 33.000 Schüler zählen. Ausserdem unterhalte sie ein Lehrerseminar in Paris, wo 75 Zöglinge sich speziell für den Lehrberuf im Orient vorbereiten, ausser den 44 Fräuleins, welche in Paris ihre Ei Ziehung als Lehrerinnen und Fachmeisterinnen bekämen. Hinzuzufügen seien zwei Ackerbauschulen in Jaffa und in Djed i'da (Tunesien) und die Handwerkerschule in Jerusalem, welche durchschnittlich 100 Schüler zählt. Die Alliance habe besondere Aufmerksamkeit auf die Verbreitung der Handwerke im Orient gerichtet, habe in der Türkei, Tunis, Persien, Bulgarien u. s. w. mehrere Industrien für Knaben und Mädchen geschaffen und wäre der Missachtung der Handarbeit unter den Juden entgegengetreten. In Algier, wo die religiöse und moralische Erziehung vielfach so vernachlässigt wurde, dass dies eine der Ursachen des Antisemitismus zu sein scheint, habe die Gesellschaft