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Die Welt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „Di* * W^lt" Nr. 22 weil gerade dieser Fortschritt beweist, wie richtig der Zionismus das tiefste Fühlen der jüdischen Volksseele begriffen hat, und wie kein philanthropisches Werk, und sei es auch viel grösser und segensreicher als das der Ika, jemals die jüdischen Massen für sich gewinnen und sie höherer Kultur zugänglich machen wird, wenn es nicht auf nationaler Basis aufgebaut wird. In den russischen, wie in den argentinischen und in den nordamerikanischen Kolonien wird für Zion gearbeitet. Man sollte glauben, dass solche Erscheinungen eine genügend verständliche Sprache führen, um auch von Fanatikern anderer Anschauungen verstanden zu werden. Es gibt aber genug Juden, die auch davon nicht beeinflusst werden. Von denen, die sich prinzipiell gegen alles Jüdische abschliessen, nur weil es jüdisch ist, soll gar nicht gesprochen werden. Das sind die Ueberreifen, die nur durch irgend welches Hindernis davon abgehalten werden, abzufallen. Da gibt es sehr praktische, aber auch rein ideologische Hemmnisse. Sehr zu unserem Schaden; denn wir schleppen diese verfaulten Glieder weiter und müssen all das Ueble, das von ihnen ausgeht, ertragen, weil sie noch am Stamme kleben, den sie bis ins Mark vergiften. Das einzige Gute ist, dass wenigstens ihre Sprösslinge anderen zur Zierde gereichen und uns dadurch von einer bösen Last befreien. Aber auch solche, die sich noch als Juden betätigen, als rein konfessionelle allerdings, können die Zeichen nicht deuten. Widerwillig werden sie im allerbesten Falle die Volkstümlichkeit des Zionismus anerkennen, aber daraus die Konsequenzen zu ziehen, fällt ihnen meist nicht ein. Sie stehen abseits und betrachten mit einer Art geheimen oder offenen Missvergnügens eine Entwicklung, die so ganz ausserhalb ihrer Doktrin steht. Wie die Enten kommen sie sich vor, die Schwanen* eier ausgebrütet haben, und die nun mit Schrecken sehen, wie die Jungen mächtig die Flügel heben und stolzen Mutes dahinziehen. Sie werden sich aber langsam daran gewöhnen, das ist nicht zu bezweifeln. Dafür liegen genug Anzeichen vor. Und wenn sie den Jungen auch nicht mehr folgen können, so werden sie hoffentlich doch einst statt des Schreckens und der Abneigung Genugtuung und Freude darüber empfinden, dass die Jungen anders geartet sind als sie. Deshalb müssen wir an unserer nationalen Arbeit, an der Sicherung unserer Heimstätte ruhig weiter bauen. In jeder Bewegung kommen Zeiten der Schwierigkeiten, Zeiten, in denen zu den alten Hindernissen sich neue türmen. Dann werden manche Leute mutlos. In solcher Stimmung sehen sie dann nur das, was fehlt, und nicht mehr das, was bereits getan wurde. Das sind dann schlimme Berater. Einen pflichttreuen Arbeiter werden solche Stimmungen nicht beeinflussen können. Er wird weiter arbeiten und wird in der Arbeit Trost und Ermutigung finden. Darum können wir auch immer auf Fortschritte hinweisen, weil wir solcher Arbeiter die Menge besitzen. Die unbeirrbare, ausdauernde Arbeit ist es, die uns vorwärts bringt. Wir haben eine festgefügte Organisation. Innerhalb derselben kann jeder Arbeit in Fülle finden, wenn er nur arbeiten will. Nicht die Arbeiten anderer sollen wir betrachten, unsere eigene gilt es zu vollbringen. Dann können wir zuversichtlich erwarten, dass wir unserem Ziele immer näher kommen werden. Andere Parteien gönnen sich den Luxus von Ferien. Bei uns gibt es keine Unterbrechung. Unsere verehrten Brüder mosaischen Bekenntnisses haben uns so viel zu tun überlassen, dass wir keine Unterbrechung aus Mangel an Arbeit zu befürchten haben. Wir wollen unsere Zeit nicht mit Vorwürfen und unnützen Angriffen verzetteln. Wenn es einmal nötig sein sollte, so werden wir unseren Gegnern unsere blanke Wehr weisen und wir wissen aus Erfahrung, dass sie uns dann nicht standhalten. Es wird sicherlich auch zu einem ernsten Kampfe kommen, wenn wir die jetzigen Gewalthaber im Judentum in ihren letzten Positionen angreifen werden. Wir wissen schon heute, wie dieser Kampf enden muss, wenn wir ihn wohlvorbereitet beginnen werden. Die kleinen Scharmützel bis dahin sind aber nur von problematischem Werte. Da immer nur kleine Gruppen unserer Leute an diesen Vergnügungen beteiligt sind, so setzen wir uns dadurch sogar der Gefahr einer Schlappe aus und ermutigen unnützerweise unsere Gegner. Darum: Keine unnützen Kämpfe! Konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit. Und sollten wir nicht das Glück haben, unseren vollen Sieg zu sehen, dem Judentum leisten wir jedenfalls durch unsere Arbeit unermessliche Dienste und unseren Kindern ermöglichen wir es, dass sie ihrer Väter gerne gedenken. Und das wird uns unsere Arbeit erst recht teuer machen. W. Ans England. In Beantwortung des offenen Schreibens des Premierministers Mr. Balfour an die Presse, worin derselbe sich dagegen verwahrt, dass man die Bill als ein Vorzeichen der antisemitischen Ansteckung Englands betrachte, richtete Mr. Zangwill, auf dessen Worte sich die Gegenbeteuerungen des Premiers bezogen, folgenden Brief an den Herausgeber der „Times": „Mein Herr! Ich habe in ihrem Blatte gelesen, dass Mr. Balfour der Meinung ist, die Behauptung, England wäre von der Epidemie, die überall gegen die Juden wütet, angesteckt, sei vollkommen unwahr. Da diese Behauptung von mir ausgeht, so erlaube ich mir über die offenkundige Unwissenheit Mr. Balfours in der betreffenden Angelegenheit zu staunen. Ich habe in der Tat gar nicht vermutet, dass der Führer einer Partei, die vom Enkei eines „fremden Einwanderers" reorganisiert wurde, selbst ein Antisemit sei. Aber die Bestimmung der Bill und die Wirkung der Bill sind zwei verschiedene Sachen, und wenn auch die Regierung zu ihrer Ehre frei von Antisemitismus ist, die Fremdenbill war doch von Antisemiten inspiriert und wird ihrerseits sie wieder aufmuntern. Ich habe mich schliesslich nicht nur auf die Fremdenbill beschränkt. Ich wies auf die gleichzeitigen Erscheinungen der Judenhetze in Wales, des Judenboykotts in Limerick und der Judenbeschimpfungen in Schottland hin. Im ganzen Lande bemerkt man Zeichen der Ansteckung, Wie kann somit meine Prognose, dass die Epidemie auch England „angreift", „völlig unwahr" sein? Für einen Staatsmann, der den Antisemitismus für „ein sehr ernstes nationales Unglück" betrachten würde, ist Mr.Balfour merkwürdig sorglos in der Nähe einer Pulvermine. Auch in einem Interview durch einen Korrespondenten des „Daily Chronicle" äusserte sich Mr. Zangwill über die Fremdenbill und ihre eventuellen Folgen. Er sagte u. a. : „Die Fremdenbill ist, ob es Major E v a n s-G ordon weiss oder nicht, von der British-Brothers-Liga inspiriert, welche trotz ihres ablehnenden Verhaltens dem Antisemitismus im East-End Londons gegenüber, es doch nicht verschmäht haben, den Pater Creagh in seiner unheilbringenden Tätigkeit zu unterstützen. Es gibt in England Keime des Antisemitismus, die eine Gefahr in sich bergen, und ich wiederhole, dass wir an der Epidemie, die gegen die Juden wütet, erkranken. Aber bitte zu bemerken: Ich sage nicht,

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