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Die Welt · 1904-05-20 · 21 (20.5.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 21 fJbie & W^lt Seite 15 Knaben Stirn, dass er taumelnd zurückfuhr. Dann schloss sich das Tor vor ihm und wieder stand er auf der nackten Felsenwalke. Da begann er zu schreien: „Aufmachen, aufmachen, ich will in den Himmel, in den Plimmel will ich, ich mag nimmer Moischele heissen!" Doch die Wolken wankten unter ihm, er fiel, fiel immer tiefer, heisse Gluten umfingen ihn, so dass er meinte in die Hölle zu versinken. Endlich erreichte er festen Boden. Doch, wie war das, er lag weich und sicher und vernahm leise Worte: „Legen Sie ihm den Eisbeutel auf den Kopf," hörte er eine Stimme, „er fiebert wieder."' Moische fühlte, dass man etwas Kühlendes auf sein Haupt legte, worauf die Hitze zu weichen begann. Er suchte seiner Gedanken Herr zu werden. Das gelang ihm nur zum Teil. Er hörte immer eine Stimme, der eine andere antwortete. „Der arme Kerl möcht? in den Himmel, weiss Gott, nahe daran war er. Ein solches Fieber hält nicht bald ein Knabe von 15 Jahren aus." Die andere Stimme sprach : „Ein Jammer, dass ein armes Kind wegen seines Namens so schwer leiden muss. Das beginnt in der Lehre, setzt sich dann fort und erreicht seinen Höhepunkt beim Militär. Ich war Eegimentsarzt, da hab ich es mit an gesehn. 0 diese alttestamentarischen Kamen. Diese Abraham, Schmule und Moische, wie viel Leid bringen sie armen Lehrbuben und hilflosen Rekruten.^ Und die erste Stimme entgegnete: „Der Name allein tut's nicht, und wenn er auch Moriz heissen würde, der Moische würde doch als Unterton mitklingen, so lange er lebt. Da ist nicht viel zu wollen, dieser Kampf muss ansgefochten werden. Jeder von uns wird einmal vor den Kopf geschlagen, dass ihm Hören und Sehen vergehen. Die meisten überwinden es, wir haben harte Schädel: Schwächlinge werden kopfscheu, die verlieren wir. Was aber bleibt, das ist doppelt gestählt und gut vorbereitet für unsern grausam harten Kampf ums Dasein." „Ziehe deine Schuhe aus . - In jener Nacht, da Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar ben Asarja, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon in Bene-Berak zusammensassen und sich über Moses und sein Werk bis zum Frühgrauen unterhielten, so dass endlich ihre Schüler kommen mussten, um sie zu erinnern: „Rabossenu! Die Zeit ist bereits da, das Morgen-Schema zu lesen!" — in jener Nacht warfauch Rabbi Tarphon die Frage auf, weshalb wohl Moses nicht die Erlaubnis bekommen habe, das Land der Verheissung zu betreten. Vom Berge Nebo durfte Moses — wie geschrieben steht — die Wohnsitze von Dan, Ephraim und Manasse und der anderen, die nachher von Josua durch's Los den Stämmen Israels zugeteilt wurden, mit eigenen Augen sehen, aber er durfte nicht hinübergehen, darum, weil er sich versündigt hatte bei dem Haderwasser zu Kades in der Wüste Zin. Und Moses starb im Lande Moab und wurde gegenüber Beth-Peor begraben. Solche Strafe — meinte Rabbi Tarphon — stehe nicht im Verhältnis zu Moses Verschulden bei dem Haderwasser. Rabbi Elasar, der Sohn Assarja's, bemerkte, Moses habe sich schon in allem Anfang, als Gott ihm auf dem Berge Horeb im brennenden Dornbusch erschienen sei, hartnäckig geweigert, das Land Ganaan zu übernehmen und habe vielerlei Einwände vorgebracht, da er nicht von dem Pharao die Entlassung der Kinder Israels begehren wollte, und habe mit seinen Gegengründen — wie geschrieben steht — Gott in grossen Zorn versetzt. Und schon bei diesem ersten Zusammentreffen, ja noch ehe Moses seinen Widerspruch in Worte kleidete, habe Gott beschlossen, Moses zu Willen zu sein, — und ihm selber das verschmähte Land vorzuenthalten. Rabbi Jehoschua sagte: Mir war es nie recht erklärlich, warum Gott damals zu Moses sprach : Ziehe deine Schuhe von deinen Füssen----Wir bezeugen ja unsere Ehrfurcht dadurch, dass wir unseren Körper verhüllen; wir bedecken das Haupt, wenn wir einen heiligen Ort betreten. Warum den Scheitel überkleiden und den Sohlen — zum gleichen Zwecke — die Bekleidung: wegnehmen? Rabbi Eleasar, der Sohn Asarjas, erwiderte: Eben wegen des Verzichtes, der im Herzen Mosis war, gebot Gott: Ziehe deine Schuhe von den Füssen! — dem es war von altersher eine solche Gewohnheit in Israel: Wer ein Stück Land oder sonst ein Gut nicht beerben, noch erkaufen wollte, so zog er seinen Schuh aus und gab ihn dem andern; das war das Zeugnis in Israel. Und auch wer seines Bruders Haus nicht erbauen wollte, den liess man einen Barfüsser s^in. So musste Moses, da er Landnahme und Hausbau verweigerte, der Schuhe bar vor Gott auf dem Berge Horeb stehen. Rabbi Akiba sprach: Was Rabbi Josua vom Bedecken des Hauptes und vom Entkleiden der Füsse sagte, mag wohl seine Richtigkeit haben. Es wird euch aber vielleicht entgangen sein, dass in der Wüste Sinai, zur heiligsten Stunde, die Häupter der Kinder Israel auf besondere Weise bedeckt wurden: es steht anderwärts geschrieben, dass Gott den Berg Sinai über den Häuptern der Kinder Israel schweben liess. — Doch du, Rabbi Tarphon, was sahst du so eigen zu mir herüber, als du vom Blick Mosis nach den Wohnsitzen der Stämme und von der späteren Verlosung Josuas sprachst? Rabbi Tarphon neigte sich zu Rabbi Akiba hin und sagte: Es steckt hier ein Geheimnis; wer es errät, der schweige. Erwin R. Schefauut Von M. S c h fi r 1 a g. Ein Tag der Mühe war's, der Mühe, die nicht Freude und nicht Früchte bringt. Und schweren Herzens sass ich so am Abend und sann . . . Was sinnt und spinnt man an solchen Abenden, wo das Dunkel durch die Scheiben drückt und wie ein Alp sich auf die Seele legt? Die müde Seele! Wie flog sie einst so adlerstolz zum Mimmel auf! Und nun? . . . Jeder Tag des Lebens schnitt mit seiner eisernen Schere und stutzte grinsend meine jungen Schwingen. Wie wird das enden? Das Dunkel schweigt und wächst . . . Dem flügellahmen Vogel bringt die Nacht weder Trost noch Traum--- So wird mir denn schwer und bange und es beginnt mich zu frösteln, da geht die Türe auf und ein Lichtschimmer wirft seinen Streifen bis zu mir, wie einen frohen Gruss. „Was machst du hier allein im Dunkel?" Es ist meiner Schwester Stimme. Meine Schwester ist ein Kind, und nur Kinder haben solche Stimmen. Wie heller Lerchenschlag am Frühlingsmorgen ist ihr Klang . . . Ich kenne eine Gebirgsgegend, wo eine seltsame Gewohnheit herrscht: Wenn der Himmel umwölkt wird, iässt man die Turmglocken erschallen. Man sagt, dass die Wolken vor den Wellen der Glockentöne fliehen, wie gescheuchtes Wild . . .

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